24.000 Seemeilen hat er gekämpft, mit seinem Boot "Foresight Natural Energy" und harschen Bedingungen gerungen, ein Feuer an Bord überstanden und schließlich einen späten Mastbruch 700 Seemeilen vor der Ziellinie hinnehmen und am Ende sogar noch hungern müssen. Eineinhalb Tage vor dem Zieldurchgang hatte Conrad Colman noch zwei Kekse übrig. Doch nichts konnte den Neuseeländer davon abhalten, sein Ziel zu erreichen. Der Kiwi kreuzte die Linie bei Ouessant nach 110 Tagen auf See unter Notrigg, aber überglücklich. Er ist erst der Dritte nach Philippe Poupon und Yves Parlier, dem dieses Kunststück in der Vendée Globe gelungen ist. Entsprechend begeistert wurde Colman im Zielhafen Les Sables d'Olonne empfangen. Was seine Frau Clara, seine Fans und die Öffentlichkeit erst nach der Ankunft erfuhren, ließ ihnen zusätzlich den Atem stocken. Während seiner Pressekonferenz enthüllte Colman, dass er im Southern Ocean über Bord gegangen war.
Er sagt selbst, dass er bei seiner Vendée-Premiere durch die Hölle gegangen ist. Doch jetzt hat Kiwi Colman wieder festen Boden unter den Füßen und wurde in Les Sales d'Olonne stürmisch begrüßt
Das Schreckensszenario hatte sich im windigen Südpolarmeer zusammengebraut. Colman befand sich auf dem Baum und arbeitete am Segel, als die Lazy-Jacks rissen und der Baum ins Wasser klatschte. Der britische TV-Journalist Matthew Sheahan zitiert Colman so: "Im Bruchteil einer Sekunde fiel der Baum ins Wasser. Ich hatte keine Zeit, nach irgendetwas zu greifen und wurde ins Wasser verklappt. Glücklicherweise war ich mit dem Baum verbunden und wurde hinter ihm hergezogen. Ich war zu weit von Boot entfernt, um wieder an Bord zu gelangen. Doch schließlich hat mich eine Welle so weit herangespült, dass ich eine der Relingstützen greifen konnte. Ärgerlich war, dass mein Gurt noch am Baum eingeklippt war. Deswegen konnte ich immer noch nicht an Bord kommen. Ich musste mich des Gurtes entledigen, mich mit einer Hand an der Relingstütze festklammern und versuchen, wieder zurück an Bord zu klettern. Das ist mir dann glücklicherweise gelungen."
Colman hatte während seines Rennens immer wieder authentisch, offen und ehrlich über die Vorfälle auf See und seine Gedanken berichtet und damit viele Fanherzen erobert. Bei der Pressekonferenz in Les Sables d'Olonne setzte er die emotionale Auseinandersetzung mit der Regatta seines Lebens fort. Auf die Frage, warum er mit einem "Voiles de Anges"-Logo auf seinem Boot gestartet war, erklärte Colman, dass es sich dabei um eine Organisation handle, die von einer Mutter gegründet worden war, die ihr Kind verloren habe und anderen helfen will, die mit dem gleichen Schicksal zu kämpfen haben. Colman, der als Kind seinen Vater bei einem Bootsunfall verloren hatte, fühlt sich auch deshalb mit der Organisation verbunden, weil sein eigener Bruder sich vor zwei Jahren das Leben genommen hatte. Seine Botschaft: Es gibt auch in dunklen Zeiten immer noch etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Seine dunklen Tage auf See hat der 33-Jährige nun überstanden. "Es gab einige davon da draußen", sagt er. Doch keiner konnte die Entschlossenheit brechen, mit der Colman seine Mission zu Ende gebracht hat.
Mit viel Willensstärke konnte kurz vor Colman auch Romain Attanasio mit seiner "Famille Mary – Etamine du Lys" die Vendée beenden. Der Ehemann von Sam Davies, die 2008/09 mit Platz vier in der Vendée Globe für Furore gesorgt hatte, war vier Stunden vor Colman als 15. ins Ziel gekommen. Materialbruch nach einer Kollision mit einem unbekannten Objekt und ein Reparaturstopp in Kapstadt hatten ihn eine bessere Platzierung gekostet. Doch Attanasio kehrte glücklich und versöhnt heim, wo seine Samantha und der 2011 geborene gemeinsame Sohn Ruben auf ihn warteten. Sein großes Ziel, die Vendée Globe zu Ende zu bringen, hat Attanasio erreicht, auch wenn er sich einen anderen Verlauf gewünscht hatte: "Es war nicht die Vendée, die ich mir erhofft hatte. Ich wusste, dass ich nicht um den Sieg würde kämpfen können, aber ich dachte, da gäbe es eine Gruppe, mit der ich kämpfen könnte." Mit der "Ufo"-Kollision in der ersten Vendée-Halbzeit waren diese Hoffnungen früh geplatzt. Zum Abschluss seiner Vendée-Premiere rückte Attanasio aber seine Frau ins Rampenlicht und machte seiner Herzdame die schönste Liebeserklärung: "Ich denke, dass Sam 2020 wirklich wieder dabei sein sollte, damit sie die erste Siegerin dieses Rennens wird. Sie ist für dieses Rennen gemacht."
Zwei Skipper sind noch auf dem Weg ins Ziel. Als 18. und Letzter wird der Franzose Sébastien Destremeau zwischen dem 6. und 10. März in Les Sables d'Olonne erwartet. Elf der insgesamt 29 Starter sind ausgeschieden.

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