Tatjana Pokorny
· 22.11.2024
Während gut ein Drittel der Vendée-Globe-Flotte noch immer Qualen Kalmengürtel erduldet, haben die anderen den Äquator bereits überquert. Unter den führenden Solisten auf der Südhalbkugel hat der Druck aber deswegen nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Für manche Skipper ist er nochmals gestiegen. Sie kämpfen wie Boris Herrmann in den Passatwinden darum, ein Tief zu erreichen, das sie nördlich von Rio de Janeiro erwischen könnten.
Mit diesem Zug könnten sich die Besten womöglich sogar in Rekordzeiten auf dem Abschnitt vom Äquator zum Kap der Guten Hoffnung katapultieren. Wer das nicht schafft, dem droht die Gefahr – so drückten es die Vendée-Globe-Veranstalter aus – “auf dem Bahnsteig der Station St. Helena zurückbleiben”.
Gemeint ist das notorische St.-Helena-Hoch, das schon so manchen Weltumsegler ausgebremst hat. Mit dem jüngsten 15-Uhr-Update kam zunächst am Nachmittag des 22. November die aktuelle Hackordnung beim Wettrennen nach Süden: Charlie Dalin, der die Flottenführung kurz nach der Äquator-Passage von Thomas Ruyant übernommen hatte, gab die Schlagzahl beim fünften Breitengrad Süd vor.
Mit knapp 17 Seemeilen Rückstand war ihm “Vulnerable”-Skipper Thomas Ruyant etwas westlich von “Macif Santé Prévoyance” knapp aus den Fersen. Dalin allerdings konnte zuletzt die schnelleren Geschwindigkeiten loggen. Etwas östlich von Dalin machte der andere “Vulnerable”-Skipper Sam Goodchild Druck, hatte seinen Rückstand auf das Top-Boot zuletzt auf 22 Seemeilen gedrückt. Sebastien Simon (”Groupe Dubreuil”), Yoann Richomme (”Paprec Arkéa”) und Nico Lunven (”Holcim - PRB”) folgten mit 42, 49 und 51 Seemeilen Rückstand.
Sein am Vormittag auffällig langsames Fortkommen erklärte mit Thomas Ruyant der zuvor Schnellste am Äquator so: „Die Tatsache, dass ich im Vergleich zum Rest der Flotte sehr weit westlich aus dem ‘Pot-au-Noir’ herausgekommen bin, hat mir einen etwas ungünstigeren Winkel zum Vorankommen beschert. Ich wusste von Anfang an, dass dieser Rand für mich kompliziert werden würde, vor allem weil einige, wie Charlie Dalin, bei diesem etwas engeren Winkel sehr schnell sind.”
Weiter sagte der Boss seines eigenen Rennstalls TR Racing, unter dessen Dach er mit Sam Goodchild einen 2023 zweiten starken Skipper geholt hat: „Ich versuche, meine Position zu halten und den Abstand zur Seite etwas zu verringern.” Parallel zu seinem ungünstigen Segelwinkel hatte Ruyant ein Problem mit dem Hydraulikzylinder seines Vorsegels J3 zu lösen.
Dazu sagte Ruyant: „Ich habe zwei oder drei Stunden im Kampf verloren, aber jetzt geht es wieder. Ich bin mit meiner Position und meinem Platz im Moment zufrieden. Das Ziel war es, in der südlichen Hemisphäre im richtigen Paket zu sein, und das ist der Fall“, betonte der Segler, der wie die meisten nicht erwartet hatte, dass das Positionsgerangel nach zwölf Tagen auf See so eng sein würde.
Es ist faszinierend, wie die dicht die vorderen Boote nach bereits mehr als 3200 Seemeilen beieinander segeln. Auch die weiteren aktuellen Top-Ten-Segler Jérémie Beyou, Yannick Bestaven, Justine Mettraux und Paul Meilhat liegen teilweise nicht mehr als eine Seemeile. Nur gut 60 Seeilen lagen am Freitagnachmittag zwischen Charlie Dalin an der Spitze und “Biotherm”-Skipper Paul Meilhat auf Platz zehn, der in den vergangenen Tagen die größten Sprünge nach vorne machen konnte.
Boris Herrmann kämpft dahinter einen großen Kampf. Er lag am Nachmittag des beginnenden 13. Tages auf See bei 145 Seemeilen Rückstand auf Dalin auf Platz 14. Nur zwei Meilen vor ihm trieb Pip Hare ihre “Medallia” an. Boris Herrmann wusste bereits am Donnerstagabend, dass er das Maximum aus “Malizia – Seaexplorer” wird herausholen müssen, um den Rio-Express zum Kap der Guten Hoffnung nicht zu verpassen.
Da hatte der 43-Jährige gesagt: “Wir haben da ein schönes Tief, das von Südamerika kommt, auf dem wir den Südatlantik in Rekordzeit abreiten können." Das allerdings kann er nach eigener Aussage nur schaffen, wenn er sein Boot nahe bei 100 Prozent segelt. "Wenn ich bei 90 Prozent bin, dann werde ich das Tief verpassen." Klarer werde das in fünf, sechs Tagen, also voraussichtlich zur Mitte der dritten Rennwoche sein. "Wenn ich das Tief verpasse", stellte Boris Herrmann klar, "würde ich 1200 Seemeilen auf die verlieren, die das Tief erreichen."
Wenn ich das Tief verpasse, wird das Schicksal uns erzählen, was mit dem Rest des Rennens passiert.” Boris Herrmann
Am Nachmittag sagte Boris in der Vendée-Globe-TV-Sendung: “Ich bleibe ruhig. Es wird am Ende vielleicht eine Frage von 50 Seemeilen sein, ob ich es schaffe oder nicht. Ich habe tatsächlich den heutigen Tag genossen, mein Boot bestmöglich getrimmt. Wir haben wunderschöne Bedingungen: blaue See, Passatwind-Bedingungen. Mein Boot foilt hier mit einem Schnitt von 20 Knoten. Es macht Freude. Wenn ich das Tief verpasse, dann wird es so sein.”
Hier gibt Boris Herrmann einen Überblick über seine fordernde aktuelle Position und große Aufgabe im Wettrennen zum Rio-Tief:

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