Schafft er es oder schafft er es nicht? Die Frage, ob Boris Herrmann das Tiefdruckgebiet erreichen kann, das sich nördlich von Rio de Janeiro vor Brasilien entwickelt und die vorderen Boote sehr schnell zum Kap der Guten Hoffnung tragen könnte, hat Segler, Fans und Experten in den vergangenen Tagen intensiv beschäftigt. Am Samstagmorgen nun kam hoffnungsvolle Kunde von der Rennleitung der 10. Vendée Globe in Frankreich.
Die Rennleitung ging am frühen Samstagmorgen davon aus, “dass die 16 besten Segler den Vorteil haben werden, das Tiefdruckgebiet zu erwischen”. Das würde nach Stand Samstagmorgen eindeutig Boris Herrmann einschließen, der zu dem Zeitpunkt auf Platz 13 lag. Zwar zählte der “Malizia – Seaexplorer”-Skipper zu diesem Zeitpunkt über 24 Stunden bei einem Speedschnitt von 16,81 Knoten zu den drei langsamsten Booten in den Top-16, doch reichte die Annahme der Wettfahrtleitung sogar bis runter zu Romain Attanasio (”Fortinet - Best Western”) auf Platz 16.
Boris Herrmanns Rückstand auf Spitzenreiter Charlie Dalin hatte sich am zu Ende gehenden 13. Tag auf See zuletzt auf 178,23 Seemeilen vergrößert. Damit hatte der 43-Jährige angesichts der für die führenden Boote stärkeren Winde gerechnet. Doch die jüngsten Prognosen machen ihm und auch den hinter ihm liegenden Benjamin Dutreux (”Guyot Environnement - Water Family”), Pip Hare (”Medallia”) und Romain Attanasio neuen Mut.
Die Wettfahrtleitung ging am Samstagmorgen davon aus, dass die Spitzenreiter bereits am Sonntag von den ersten Auswirkungen des Tiefs profitieren könnten, das sich in der Nähe der brasilianischen Küste gebildet hat. Es könnte die Führungsgruppe sehr schnell zum Kap der Guten Hoffnung treiben. Dennoch hieß es auch weiter: “Die hinteren Plätze der Spitzengruppe werden hart arbeiten müssen, um diesen Vorteil zu erlangen”.
Nachdem die Abstände der vorderen Boote zu ihren Verfolgern bis zum Morgen des 23. November größer geworden sind, berichtete Rennleiter Hubert Lemmonier von seiner Nachtwache: „Von Charlie Dalin bis Romain Attanasio haben alle Segler Durchschnittsgeschwindigkeiten von 16 bis 18 Knoten erreicht.” Seit Überquerung des Äquators, den jetzt auch die Deutsch-Französin Isabelle Joschke auf “Macsf” und Louis Burton auf der reparierten “Bureau Vallée” gekreuzt haben, profitieren die Boote mehr und mehr von den einsetzenden Passatwinden.
Dabei haben alle nur ein Ziel: von dem Tiefdruckgebiet zu profitieren, das sich vor der brasilianischen Küste bildet und jeden auf Kurs Kap der Guten Hoffnung beflügeln kann, der es erreicht. „Es wird sich allmählich bilden, die ersten dürften schon in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf stärkere Winde treffen“, erklärt Lemonnier.
Wer wird den Zug tatsächlich pünktlich erreichen? Die Verfolger-Gruppe bestehend aus Boris Herrmann (Malizia-Seaexplorer, 13.), Benjamin Dutreux (”Guyot-Environnement”, 14.), Pipe Hare (”Medallia”, 15.) und Romain Attanasio (”Fortinet - Best Western”, 16.) ist inzwischen optimistischer, dass sie es schaffen können. Dafür allerdings müssen sie laut Rennleitung “ein solides Tempo halten”.
“Paprec Arkéa”-Skipper Yoann Richomme lag am Samstagmorgen auf Platz fünf. Der neue 24-Stunden-Solo-Einrumpfrekordhalter (551,84 Seemeilen) erklärte darüber hinaus die leichte “Umgruppierung” in den Top-Ten: „Wir sind am Nachmittag in eine windstille Zone geraten.“ Die aktuelle Hackordnung bei den zehn vorderen Booten: Charlie Dalin führt vor den beiden “Vulnerable”-Skippern Thomas Ruyant und Sam Goodchild, die rund 30 und 40 Seemeilen hinter den schnellen “Macif Santé Prévoyance”-Skipper zurückgefallen sind.
Es folgen Sebastien Simon (”Groupe Dubreuil”), Yoann Richomme und Titelverteidiger Yannick Bestaven (”Maître Coq V”) mit Abständen von rund 51, 53 und 64 Seemeilen. Auf den Plätzen sieben bis zehn lagen zuletzt Jérémie Beyou (”Charal”), Nicolas Lunven (”Holcim - PRB”), Paul Meilhat (”Biotherm”) und Justine Mettraux (”TeamWork - Team Snef”). Vor Boris Herrmann waren auf den Plätzen elf und zwölf Sam Davies (”Initiatives - Cœur”) und Clarisse Crémer (”L’Occitane en Provence”) positioniert.
Zwischen den Top-Zwölf und der von Boris Herrmann angeführten Gruppe der Boote auf den Plätzen 13 bis 16 war bis zum Samstagmorgen beim 7-Uhr-Update eine Lücke von 50 Seemeilen entstanden. Die wollen die Verfolger möglichst schnell wieder schließen. Erreichen sie das Tief, haben sie alle Chancen dazu.
Yoann Richomme sagte: “Das inzwischen berühmte Tiefdruckgebiet wird es uns ermöglichen, schon ein wenig Süd-Ost auf unseren Kurs zu bekommen. Und dann werden wir auf das nächste abzweigen. Das ist das eigentliche Tor zur Guten Hoffnung bei schnellen und wieder recht angenehmen Bedingungen! Im Moment gibt es wenig Variationen. Wir haben wenig Anpassungen, es ist eher ruhig, fast eintönig. Aber so schlimm ist das gar nicht!”
Dennoch hatte der “Paprec Arkéa”-Skipper Sehnsucht nach Veränderung: “Ich freue mich darauf, Wetterlagen in Angriff zu nehmen, die ein wenig schneller sind. Ich fühle mich bereit für das, was als nächstes kommt!”
Seine Trauminsel! Boris Herrmann schickte diese Momentaufnahme am Freitagabend von See:

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