Vendée GlobeDas Feld wird zerpflückt

Andreas Fritsch

 · 06.12.2016

Vendée Globe: Das Feld wird zerpflücktFoto: Gitana SA/Th. Martinez
"Gitana" mit vollem Druck bei Starkwind
Die nächste Aufgabe des Rennens: Sébastien Josses "Edmond de Rothschild" ist raus, Eric Bellion vermutlich auch. Und jetzt bekommen die Führenden Sturm

Nur wenige Stunden nach dem Ausfall von Kito de Pavant hat es nun endgültig Sébastien Josse mit seiner "Edmond de Rothschild" erwischt. Seit zwei Tagen humpelte er mit einem schwer beschädigten Backbord-Foil durch den stürmischen Indischen Ozean, nun gab er seine Aufgabe bekannt. Zunächst hatte er noch angekündigt, eine Reparatur zu versuchen. Aber offensichtlich scheint diese aussichtslos.

Nach der Aufgabe berichtete Josse noch einmal, wie es zu dem Schaden kam:

  Sebastien JosseFoto: Gitana SA/Yvan Zedda Sebastien Josse

Ich habe das Boot nicht wirklich hart gesegelt, als das Unglück passierte, aber die Bedingungen waren rau. Es wehte mit 35 Knoten, und die See war auf gut vier Meter Höhe angewachsen. Dann surfte ich eine Welle mit 30 Knoten herunter; der Bug bohrte sich in die nächste Welle und bremste auf 10 Knoten ab. Es hat nur ein paar Sekunden gedauert. Als das Boot wieder beschleunigte, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Das Backbordfoil war im Wasser, obwohl ich es wegen des Seegangs aufgeholt hatte. Also öffnete ich die Abdeckung des Schwertkastens und entdeckte, dass das innere Ende des Foils, an dem die Taue zum Ein- und Ausholen befestigt sind, gebrochen war und nur noch an zwei Schrauben hing. Damit besteht die Gefahr, dass das Schwert herausrutscht, sich durch den Druck verkeilt und den Schwertkasten heraushebelt, was zu einem starken Wassereinbruch führen würde. Also halste ich schnell, um den Druck vom Foil zu nehmen. Leider passte das nicht gut mit dem Wetter zusammen: Um das Schwert zu schonen, hätte ich weiter auf nordöstlichem Kurs segeln müssen, doch genau dort war der schlimmste Sturm. Also musste ich nach Südwest abdrehen und das Foil belasten. Es war kompliziert…

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Während der Franzose seine "Edmond de Rothschild" unter drittem Reff ganz vorsichtig durch den Sturm segelte, versuchte das Team fieberhaft, eine Reparatur-Möglichkeit zu erarbeiten. Die Vorschläge wurden ihm übermittelt. "Wenn du die Vendée machst, weißt du, dass jeden Tag irgendwelche Reparaturen zu erledigen sind. Aber wir reden hier von kleineren ‘Pflastern‘, ich bin sozusagen nur eine Krankenschwester, kein Chirurg!"

Deshalb entschied das Team mit Skipper und Teambesitzern, dass alle Optionen zu kompliziert seien, um sie allein auf offener See auszuführen und das Boot fit für die rund 15.000 Seemeilen nach Hause zu machen. Darum entschloss man sich zur Aufgabe. Josse steuert nun die Westküste Australiens an.

Ruderschaden für Eric Bellion

  Ruderschaden auf Eric Bellions BootFoto: Vendèe Globe Ruderschaden auf Eric Bellions Boot

Fast zeitgleich meldete Eric Bellion von seinem Open 60 "Comme un seul homme" einen Ruderschaden. Seine Yacht wurde in einer Bö von mehr als 50 Knoten brutal auf die Seite geworfen und der Ruderschaft derart verdreht, dass das Ruderblatt nicht mehr richtig mit ihm verbunden ist. Der 40-Jährige hat aber ein Ersatzruder an Bord und ist nach Nordost abgedreht, um in ruhigeren Gewässern einen Tausch zu versuchen. Ob das trotz der Schäden am Schaft möglich ist, bleibt abzuwarten. Bellion segelte auf dem 17 Platz, als das Unglück geschah.

Wasser im Schiff

Und die Kette der Hiobsbotschaften reißt nicht ab: Thomas Ruyant meldete starken Wassereinbruch, nachdem ein Einlassventil seines Wasserballast-Systems abriss und das Wasser ungebremst in seine "Le Souffle du Nord pour le Projet Imagine" schoss. Er halste sofort, um das Loch im Rumpf aus dem Wasser zu bekommen und stopfte es notdürftig mit allem, was greifbar war. Mittlerweile gelang es ihm, den Wassereinbruch unter Kontrolle zu bekommen und das meiste auch schon wieder von Bord zu pumpen. Sein Team arbeitet mit ihm an einer Lösung, die notwendigen Ersatzteile sollen an Bord sein.

Für den 35-jährigen Vendée-Rookie ist der Schaden bitter, er segelte auf Platz 8 liegend bislang ein exzellentes Rennen. Er ist auf der alten "Groupe Bel" von Kito de Pavant unterwegs, einem 2008er-VPLP-Design, das er sehr erfolgreich am oberen Limit der Möglichkeiten hielt. Der Mini-Transat- und Route-du-Rhum-Sieger in der Class 40 gilt als Riesentalent und hat diesen Eindruck bislang eindrucksvoll bestätigt.

Jetzt bekommt die Spitze Wind

An der weit enteilten Spitze des Feldes fighten Armel Le Cléac'h ("Banque Populaire VIII") und Alex Thomson ("Hugo Boss") noch immer um die Spitze. Zuletzt war der Franzose schneller, konnte zeitweise 137 Seemeilen zwischen sich und seinen Verfolger legen, doch jetzt könnte sich das Blatt wieder wenden: Seit kurzem segeln die beiden wieder auf Backbord-Bug. Auf dieser Seite hat "Hugo Boss" noch ein intaktes Foil und die Geschwindigkeiten von Thomson steigen wieder, liegen leicht über dem Speed von le Cléac'h. Man darf gespannt sein, wie dicht er wieder herankommt oder ob es sogar für eine erneute Führung reicht. Doch beide Skipper müssen sich vorsehen: Spätestens ab morgen nähert sich ihnen ein kräftiges Tief, das sich über Tasmanien verstärkt und 30 bis 40 Knoten Wind, in Böen auch mehr bringen soll.

Mit etwa 1200 Seemeilen Abstand folgt als Dritter nun Paul Meilhat, der als einziger Nicht-Foiler im vorderen Feld eine sehr starke Leistung abliefert. Sein Boot ist die alte "Macif", das Siegerboot der letzten Vendée von François Gabart. Wieder auf den Fersen ist ihm der nachgerüstete Foiler "Maitre Coq". Jérémie Beyou konnte die Probleme mit seinen Großsegel vor einigen Tagen offenbar lösen und holt nun wieder auf. Beide segeln seit Tagen in stürmischen Winden und haben auch die nächste Zeit wohl ziemlich raues Wetter.

  Stand des Rennens heute MittagFoto: Vendèe Globe Stand des Rennens heute Mittag  Stand des Rennens heute MittagFoto: Vendèe Globe Stand des Rennens heute Mittag
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Andreas Fritsch

Andreas Fritsch

Freier Autor

Andreas Fritsch segelte seit Kindesbeinen an, erst mit der Jolle, später mit eigenen Kielschiffen auf der Elbe und der Ostsee. Ab 1997 arbeitete er für die YACHT, ab 2001 schwerpunktmäßig im Bereich Reise und Charter. Er war in fast allen Revieren weltweit unterwegs und gilt als Charter-Experte. Er hat zwei Revierführer für das Mittelmeer geschrieben. Seit einigen Jahren segelt er mit einem GFK-Klassiker vom Typ Grinde auf der Ostsee und arbeitet aktuell als Freier Autor für YACHT und BOOTE.

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