Die Tempomacher der Vendée-Globe-Flotte segeln dem Südmeer weiter mit hohen Geschwindigkeiten entgegen. Das erste der drei großen Kaps entlang der Route der Solo-Weltumseglung naht für sie jetzt sehr schnell. Der Längengrad vom Kap der Guten Hoffnung war für die Besten am Morgen des 27. November nur noch rund 800 Seemeilen entfernt. Frontmann Charlie Dalin trieb seine “Macif Santé Prévoyance” am Mittwochmorgen um merh als 27 Knoten Speed voran.
Härtester Gasgeber über Nacht war “Groupe Dubreuil”-Skipper Sébastien Simon. Das hat nun ihm den jüngsten 24-Stunden-Einrumpfsolorekord eingetragen. Der Franzose meisterte ein Etmal von 596,23 Seemeilen! Seb Simon sagte: "„Ich habe den Rekord geschlagen! Das ist nicht das Ziel, aber dem Boot geht es wirklich gut. Es gab nur etwa einen Meter Welle und vernünftigen Wind zwischen 24 und 26 Knoten Wind. Ich hatte zwei Reffs im Großsegel, unter FRO, in einer relativ sicheren Konfiguration für das Boot.”
Die Nacht war zwar hart und ich bin heute Morgen aus Schlafmangel zusammengebrochen, aber es ist alles in Ordnung." Sebastien Simon
Simons erste Reaktion auf den sagenhaften Lauf: “Das ist eine unglaubliche Entfernung, ich hätte mir das nie vorstellen können! Meiner Meinung nach ist es noch nicht vorbei, denn das Szenario verbessert sich für uns. Und da ich in der Spitzengruppe bleibe, bleibe ich bis zum Kap der Guten Hoffnung in diesem Tiefdruckgebiet, anstatt es heute Abend zu verlassen, so dass ich noch fast einen ganzen Tag lang mit dieser Geschwindigkeit weiterfahren werde.”
Der Franzose – deutschen Fans auch aus dem Ocean Race als Crew-Mitglied im Guyot-Team der damaligen Co-Skipper Benjamin Dutreux und Robert Stanjek bekannt – ist bis zum Morgen auf Platz drei hinter Charlie Dalin und seinem weiterhin ersten Verfolger Thomas Ruyant (”Vulnerable”) vorgerückt. Das Trio trennen insgesamt rund 60 Seemeilen.
Bei unter 100 Seemeilen Rückstand auf Charlie Dalin konnten auch Nicolas Lunven (”Holcim - PRB”) und Jérémie Beyou (”Charal”) noch dranbleiben. Der zweite “Vulnerable”-Skipper Sam Goodchild, Vendée-Globe-Titelverteidiger Yannick Bestaven (”Maître Coq V”) und der auf Platz neun liegende “Biotherm”-Skipper Paul Meilhat dagegen haben inzwischen 150, 200 und 250 Seemeilen Rückstand angehäuft. Noch profitieren auch sie vom Tief, dass sie schnell in den Süden bringt. Aber wie lange noch?
Hinter den Top-Neun häufen sich die Meilenberge nun wie von eifrigen Kinderhänden erschaffene Kleckermatsch-Burgen am Strand. Und wie von Boris Herrmann und anderen vorhergesagt. “Initiatives - Cœur”-Skipperin Samantha Davies lag gegen Ende des 17. Renntages als Zehnte inzwischen mehr als 400 Seemeilen hinter Charlie Dalin zurück. “Malizia – Seaexplorer”-Skipper Boris Herrmann hatte am Mittwochmorgen noch einmal 70 Seemeilen Rückstand auf die Britin. Die Perlenschnur der vorderen Gruppe zieht sich weiter auseinander.
Mit Blick auf die rasenden Geschwindigkeiten in der Top-Gruppe gibt es auch jene Skipper, die sich nicht der puren Speedbolzerei hingeben. Paul Meilhat sagte über seinen Ansatz: “Ich versuche wirklich, immer mit der gleichen Intensität zu segeln, mit einer ziemlich stabilen Durchschnittsgeschwindigkeit und einem engen Kurs. Denn das ist es, was mit der Zeit interessant ist, um die Ausrüstung zu schonen, keine Fehler zu machen und eine gewisse Betriebsroutine zu entwickeln.”
Nachdem die Speerspitze des Feldes seit Tagen dauerhaft mit Geschwindigkeiten jenseits von 20 Knoten und oft mit mehr als 25 Knoten unterwegs ist, beleuchtete Meilhat die verschiedenen Imoca-Gänge genauer: “20 Knoten sind auf diesen Booten ein bisschen eine Grenze: darunter ist das Boot ultrakomfortabel, das Leben an Bord ist superleicht. Wenn man dann über 20 Knoten geht, ist es sofort ein bisschen anders.”
Das gelte “vor allem, wenn man über 24, 25 Knoten geht, wo das Boot immer noch Beschleunigungsphasen” habe. Paul Meilhat erklärte: “Es hebt ein bisschen ab, es fällt wieder zurück. Da ist es also schon so, dass die Bewegungen ein bisschen schwieriger sind, das Leben an Bord ein bisschen komplizierter für alles: sich um die Navigation zu kümmern, zu essen, sich zu bewegen.”
Meilhat ging zuletzt davon aus, “dass es noch ein oder zwei solche Tage geben wird”. Danach, so der 42-jährige französische Skipper eines neuen und wie Boris Herrmanns “Malizia – Seaexplorer” bereits im Ocean Race erprobten Verdier-Designs von 2022, werde es sich “ein bisschen ändern, weil wir uns alle in anderen Bedingungen wiederfinden werden.” Paul Meilhat geht davon aus, dass sich ”die Flotte dadurch ein bisschen aufteilen wird” und diese Entwicklung “die Philosophie des Rennens ein bisschen verändern” werde.
Es ist sehr kapitalistisch: die Reichsten werden reicher, die Ärmsten werden ärmer.” Paul Meilhat
Der Blick des “Biotherm”-Skippers” auf Wetter udn Prognosen fällt aktuell noch angenehmer aus als der von der bereits stärker zurückgefallenen Gruppe um Boris Herrmann, die das Tief nicht wie die Spitzenreiter nutzen kann. Paul Meilhat erklärte: „Wir haben immer noch großes Glück mit dem, was wir haben. Es ist nicht oft der Fall, dass man so direkt von Brasilien zum Kap der Guten Hoffnung fahren kann. Also machen wir das Beste daraus!”
Meilhats Betrachtung der Entwicklung fällt plakativ aus: “Es ist sehr kapitalistisch: die Reichsten werden reicher und die Ärmsten werden ärmer. Die Boote vor mir kommen weiter, das ist ein bisschen schwer zu akzeptieren. Danach bin ich aber immer noch froh, hier zu sein, weil ich nicht zu weit hinten liege. Dannn werden wir sehen, wie es weitergeht.”
Wie Boris Herrmann und weitere Skipper in der Flotte wies Meilhat auf die noch lange Renndauer und neue anstehende Herausforderungen hin: “In einer Woche schauen wir uns das Wetter im Indischen Ozean an. Auf den Kerguelen herrschen starke Winde, aber wird es genau so kommen? Das könnte die Karten ein wenig neu verteilen. Ich versuche sowieso, nicht zu spät dran zu sein im Vergleich zur Gruppe vor mir. Andererseits wäre es cool, wenn ich einen guten Vorsprung auf die Hinteren haben könnte!”
Klar war für Meilhat, dass auch er bald aus dem “Kapstadt-Express” aussteigen muss, “dass das Tiefdruckgebiet uns überholen wird”. Der “Biotherm”-Skipper ging davon aus, dass “ diejenigen, die es nicht geschafft haben, den Süden zu erreichen, in den St. Helena-Antizyklon fallen und gebremst werden”.
Dem aktuellen Wettrennen mit dem Tief bescheinigte Paul Meilhat auch monotone Züge. Er sagte: “Das Wetter ist schön, wir genießen auch das Meer, selbst wenn es ein bisschen eintönig ist. Es gibt keine Meerestiere in dieser Gegend, keine Vögel, nicht zu viele fliegende Fische in der südlichen Hemisphäre. Ich kann es kaum erwarten, in ein paar Tagen die ersten Albatrosse zu sehen!“

Freie Reporterin Sport