Vendé GlobeLive vor Ort: ein Blick unter Deck

Yannick Kethers

 · 04.11.2016

Vendé Globe: Live vor Ort: ein Blick unter DeckFoto: Yannick Kethers

Gut zweieinhalb Monate bringen die Skipper unter härtesten Bedingungen an Bord zu. Wie lebt es sich auf einem Open 60 ? Ein Rundgang

  Unter Deck der Open 60sFoto: Yannick Kethers
Unter Deck der Open 60s

Am kommenden Sonntag, den 6. November, ist es so weit: Um 13:02 Uhr wird der Startschuss zur achten Ausgabe der legendären Vendée Globe fallen. 29 Einhand-Segler werden in See stechen, um den "Everest der Meere" an Bord ihrer Imoca-60-Racer zu bezwingen. Zirka 25.000 Seemeilen und mindestens an die 80 Tage allein auf See liegen vor den Skippern und Yachten – Zahlen, die auf einen echten Härtetest für Mensch und Material hindeuten. Doch wie leben die Segler in diesen drei Monaten auf ihren Open 60s? Wie sieht es unter Deck und Carbon-Bimini aus? Wir waren im Race Village in Les Sables d’Olonne und hatten Gelegenheit, Cockpit und Innenraum einiger dieser wirklich besonderen Boote, mit denen die Teilnehmer demnächst bei extremsten Wetterbedingungen unterwegs sein werden, genauer anzusehen.

Man könnte meinen, alle 29 Hochsee-Rennmaschinen müssten sich mehr oder weniger ähneln und würden sich lediglich in ihrer Rumpfbemalung und ihren Baujahren unterscheiden. Letztendlich sprechen wir auch im Rahmen der Vendée Globe ausschließlich von der Imoca-60-Bootsklasse. Doch so einfach ist es nicht, denn eigentlich teilen die 29 Boote der Flotte nur zwei wirkliche Gemeinsamkeiten, die eben mit der Boxrule der Imocas zusammenhängen: die Länge von 18,28 Meter und den Tiefgang von 4,50 Meter. Jenseits dieser feststehenden Zahlenwerte fängt es an, spannend zu werden: Layout des Cockpits, Design des Spritzwasser-Verdecks, Montageort, Anzahl sowie Größe der Winschen, Sitzpositionen des Skippers, allgemeine Gestaltung des Innenraums, Aufbau der Navigationszentrale, Lage der Schlafplätze… Kurzum, kein Boot gleicht seinem Stegnachbarn.

Unter Deck der Open 60s
Foto: Yannick Kethers

Wo genau liegen nun die Unterschiede, wenn es beispielsweise um die Navigationsplätze im Inneren der Boote geht? An Bord der Famille Mary-Etamine du Lys von Romain Attanasio (mit Baujahr 1998 das älteste Boot der Flotte, gleichauf mit dem Imoca von Sébastien Destremau/Technofirst - FaceOcean) ist die komplette Navigationszentrale inklusive Radar, Bordcomputer, Autopiloteinheit, allgemeiner Navigationsinstrumentation sowie Elektropaneel auf Augenhöhe am Hauptschott starr montiert. Die einzelnen Bildschirme sind hier nicht beliebig drehbar; der Skipper sitzt mittig in der Kabine, eingekeilt in seinem fest angebrachten Navigationsstuhl, unmittelbar vor der breiten Elektroniktafel.

  Navigationsplatz auf Jean-Pierre Dicks "St. Michel-Virbac"Foto: Yannick Kethers
Navigationsplatz auf Jean-Pierre Dicks "St. Michel-Virbac"

Skipper Kito de Pavant (Bastide Otio, Bj. 2010) und Jean-Pierre Dick auf seiner neuen "St. Michel-Virbac" (Bj. 2015) sitzen während ihrer Routenplanungen ebenfalls auf Stühlen – allerdings sollte man hier eher von Navigationssitzen (ähnlich denen aus dem Auto-Rennsport) sprechen. Jean-Pierre kann die nach seiner Körperform maßgefertigte Schale an Steuerbord und Backbord jeweils an einem Carbonrohr fixieren und seine frei bewegliche Navigationseinheit in die gewünschte Richtung schwenken.

  Kabine von Paul Meilhats "SMA"Foto: Yannick Kethers
Kabine von Paul Meilhats "SMA"

Das Paneel an Bord der "Bastide Otio" hingegen ist fest am Schott montiert, dafür aber kann der Sitz mittels einer Talje dem Krängungswinkel des Bootes angepasst werden, um dem Skipper somit auf jedem Bug den besten Sitzkomfort zu bieten.

Beim Thema Sitzkomfort kommt man schließlich auf die "Quéguiner – Leucémie Espoir" von Yann Eliès, die "Spirit of Yukoh" des Japaners Kojiro Shiraishi oder auch auf die "SMA" von Paul Meilhat zu sprechen. Auf diesen drei Booten sucht man vergeblich nach festen Sitzmöglichkeiten. Stattdessen bedient man sich hier großer Sitzkissen, die in der Kabine überall positioniert werden können und sich gleichzeitig perfekt an den Körper anpassen.

"Das ist die gemütlichste aller Sitzvarianten am Naviplatz", versichert uns das Technikteam von Yann Eliès. Bordcomputer, Satellitentelefon, Kielsteuerung, Autopiloteinheit und die klassischen Kombi-Instrumente mit den Angaben SOG, COG, TWS, AWS, TWA, AWA etc. sind in einer kompakten Navigationseinheit eingefasst und lassen sich, wie eben auf der "St. Michel-Virbac", nach Steuerbord bzw. Backbord frei schwenken. Sébastien Josse kann es sich auf seiner "Edmond de Rothschild" sogar noch gemütlicher machen und die Navigation direkt von seinem höhenverstellbaren Schlafplatz erledigen.

An Bord der "SMA" (dem Gewinnerboot der letzten Vendée Globe unter dem Namen "Macif", geskippert von François Gabart), ist der Aufbau der Navigationseinheit besonders interessant: Anstelle eines geraden Elektronikpaneels ist hier das gesamte Technikpaket dreiecksförmig angeordnet. Die komplette Elektronikeinheit sowie einzelne Bildschirme können nach Wunsch des Skippers beliebig in alle Richtungen gedreht werden – hier hängt also ein echter Technikpark mitten in der Kabine!

Zum Themenbereich Technik und Navigationselektronik auf den Booten im Konkreten ist noch zu erwähnen, dass mit Ausnahme von Sébastien Destremau alle Teilnehmer mit der Navigationssoftware Adrena arbeiten. Hinsichtlich der Autopiloten werden fast in der gesamten Flotte die Modelle von B&G favorisiert, gefolgt von den NKE-Piloten.

Obwohl die Boote über 18 Meter lang sind, limitiert sich der innere Lebensraum der Segler auf nur wenige Quadratmeter, denn genaugenommen ist lediglich der Bereich zwischen dem "Haupteingang" aus dem Cockpit und dem Hauptschott unter dem Mast "bewohnbar". Seitlich entlang der Bordwand werden an Steuerbord und Backbord die jeweils bis zu 20 Kilogramm schweren Taschen mit Lebensmitteln, Sicherheitsausrüstung, Kleidung, Bordapotheke, Ersatzmaterialien etc. verstaut. In der Mitte dieser "Kabine" hängen das Haupt-Navigationspaneel und zusätzlich noch ein bzw. zwei "Tunnel" für die Führung der Fallen vom Mast bis ins Cockpit: Alle Fallen und Strecker werden nämlich auf den moderneren Booten nicht außen über das Deck geführt, sondern kurzerhand in Tunneln quer durch den Innenbereich gelegt.

  Cockpit von Vinecent Rious "PRB"Foto: Yannick Kethers
Cockpit von Vinecent Rious "PRB"

Die vordere Bootssektion zwischen Mast und Bug dient als Stauraum für die verschiedenen Rollvorsegel. Da die Boote im Downwind-Modus mit einer Segelfläche bis über 600 Quadratmeter (in Worten: sechshundert!) unterwegs sind, wird der Platz in diesem Bereich der Imoca 60s auch tatsächlich für die Unterbringung der Segel gebraucht. Daneben findet man hier auch zahlreiche Carbon-Querverstrebungen und Zwischen-Schotts, um die gesamte Rumpfstruktur zu stabilisieren. Dieser Bereich erinnert also eher an ein verwinkeltes Tunnelsystem, im Vergleich zur offenen Architektur einer klassischen Fahrtensegleryacht. Hinzu kommen an Bord der neueren Imoca-Generation die massiven einlaminierten Kästen für die Foils, die den Platz unmittelbar vor dem Mast einnehmen. Direkt dahinter befindet sich die Aufhängung für den schwenkbaren Kiel.

  Cockpit von "SMA": Das Dach kann über Rutscher weit nach achtern geholt werden, bietet dann guten SchutzFoto: Yannick Kethers
Cockpit von "SMA": Das Dach kann über Rutscher weit nach achtern geholt werden, bietet dann guten Schutz

Arbeitet man sich nun weiter nach achtern vor, kommt man in den Cockpitbereich. Hier, mehr oder weniger geschützt vor Wind, Kälte und überkommenden Wellen, werden sich die Segler wohl die meiste Zeit während der Weltumseglung aufhalten. Vom Cockpit aus kann alles gesteuert werden, alles ist griffbereit: Pinne, Fallen, Schoten, Strecker, Winschen, Ruderblatt-Aufhängung, Hydrogenerator-Fixierung, Foil-Einstellung, Kielneigungs-Elektronik, Autopilot usw. Neben der Navigationszentrale im Inneren scheint das Cockpit somit der zweitwichtigste Ort des Bootes zu sein, denn hier kommt alles zusammen, von hier aus kann alles eingestellt werden, um die bestmögliche Performance aus dem Boot herauszuholen. Möglichst immer mit maximaler Geschwindigkeit zu segeln ist schließlich das Ziel vieler Teilnehmer. Die Techniker auf der "Hugo Boss" verraten uns in dem Zusammenhang, dass Alex Thomson eigentlich durchgehend im Cockpit bleiben wird. Sein Navi-Platz kann so weit herausgeschwenkt werden, dass die Wetterkarte selbst von der Steuerposition aus studiert werden kann. Auch auf einer 80 Tage langen Hochseeregatta gilt es offenbar, keine Zeit mit Spaziergängen im Bootsinneren zu verlieren…

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die jeweiligen Cockpits der Boote aufgebaut und strukturiert sind – jedes einzelne Layout der 29 Boote beruht auf unterschiedlichen Philosophien und ist bis ins kleinste Detail von den Skippern, Architekten und technischen Teams durchdacht. Keine Winsch und keine Fallenklemme ist "einfach so" auf das Deck geschraubt, alles ist perfekt auf den jeweiligen Skipper abgestimmt, und jede noch so kleine Ecke wird sinnvoll genutzt. So darf man sich auch nicht wundern, dass selbst auf dem Plastikdeckel der Rettungsinsel Curryklemmen fixiert sind.

Im Allgemeinen gibt es zwei unterschiedliche Cockpitlayouts: eine Variante ist, alle Fallen und Strecker jeweils auf der Steuerbord- und Backbordseite gleichmäßig aufzuteilen. Rechts und links werden dann entsprechend zwei Winschen positioniert, und die Cockpitmitte kann freigehalten werden. Eine derartige Ausführung ist an Bord der "PRB" (Vincent Riou), "SMA" (Paul Meilhat), "MACSF" (Bertrand de Broc) oder der "Kilcullen Voyager-Team Ireland" (Enda O’Coineen) zu finden.

Bei der zweiten Variante kommen alle Leinen in der Mitte des Cockpits zusammen. Neben den vier Winschen rechts und links findet man in den Cockpits der "Bureau Vallée" (Louis Burton), "Newrest-Matmut" (Fabrice Amedeo), "Le Souffle du Nord" (Thomas Ruyant) oder "Spirit of Yukoh" (Kojiro Shiraishi) jeweils noch eine große Winsch mittig direkt vor den Fallenklemmen eingebaut.

Während sich der klassische Fahrtensegler mit gut zehn Leinen auf dem Decksaufbau beschäftigt (Großschot, Großfall, Dirk, drei Reffleinen, Genuafall, Spifall, Baumniederhohler, Unterliekstrecker), arbeitet der Vendée-Globe-Skipper täglich mit mehr als 60 Enden, die alle im Zentrum des Pilot-Saloons zusammenkommen. Schließlich ist das laufende Gut auf einem Imoca 60 insgesamt über 2,5 Kilometer lang, da machen eine durchdachte Organisation und die genaue Beschriftung aller Seile Sinn. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses wahrhaftige "Leinenspektakel" auf der "Edmond de Rothschild" oder auch der "St. Michel-Virbac".

Bei den Cockpitverdecken findet man auf den Imocas drei unterschiedliche Ansätze: Auf den älteren Booten fallen die Verdecke eher klein aus, und die Cockpits bleiben relativ offen (wie beispielsweise auf der "Famille Mary-Etamine du Lys"). Eine zweite Ausführung stellen die Verdecke zum Aufschieben dar. Das System gleicht dem Cabrio im Straßenverkehr: Bei schlechten Wetterbedingungen wird das Verdeck mittels einer Schiene zugezogen – das ganze Cockpit bleibt so trocken. Es besteht aber eben auch die Möglichkeit, bei günstigen Bedingungen mit offenem Verdeck zu segeln und somit von der Steuerposition aus eine deutlich bessere Rundumsicht zu haben.

Auf den Booten der neueren Generation setzt man fast ausnahmslos auf fest installierte Verdecke. Von Sprayhood kann auf den Booten eigentlich nicht mehr die Rede sein, denn auf den Foilern muss das Verdeck nicht nur Gischt abhalten, sondern unter Umständen den Skipper auch bei einer kompletten "Tauchfahrt" in der Welle trocken halten. Im Zusammenhang mit den höheren Geschwindigkeiten der Foiler und entsprechend hartem Aufschlagen der Boote in kabbeliger See können durchaus tausende Liter Wasser auf das Verdeck aufschlagen – daher ist die äußerst stabile Ausführung sinnvoll.

Schon vor dem Start steht also eines fest: Die achte Austragung der Vendée Globe wird wohl eine der spannendsten der Regattageschichte. Das Feld hat sich gegenüber der vorherigen Ausgabe um knapp ein Drittel vergrößert – wir werden in den kommenden Wochen mit Sicherheit Yachtsport auf allerhöchstem Niveau erleben.

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