Tatjana Pokorny
· 28.04.2024
Sonnenschein, Kumuluswolken wie bauschige Wattebälle und ein schöner Westwind von zehn bis 15 Knoten bildeten die Kulisse für den Bretagne-Start des Transat CIC. Mit dem Klassiker eröffnete auch Boris Herrmann sein erstes Rennen der Saison. Am Sonntagmittag startete der 42-jährige Hamburger mit “Malizia – Seaexplorer” in die 3500 Seemeilen lange Nordatlantik-Prüfung.
Der Startschuss zum ersten Härtetest der Vendée-Globe-Saison fiel um 13.30 Uhr in schönsten Segelbedingungen vor Lorient in der Bretagne. 33 Imoca-Solisten, darunter sechs Frauen, bestreiten mit dem Transat CIC den Sprung über den Großen Teich nach New York. 13 Einhand-Wagemutige sind in der kleineren Class40 gestartet. Hier ist mit der ehemaligen Mini- und Ocean-Race-Seglerin Amélie Grassi nur eine Skipperin im Einsatz. Mit Patrick Isoard (”Uship pour Enfants du Mekong”) und Rémy Gerin (”Faiaohe”) liefern sich nur zwei Skipper ein Duell in der Vintage-Division.
Besondere Spannung verspricht das Kräftemessen der Imocas. Einige Starter müssen sich noch für die Solo-Weltumseglung ab 10. November qualifizieren. Boris Herrmann hat mit seinem eher konservativ vollzogenen Transat-CIC-Start nun bereits alle Bedingungen für seine zweite Vendée-Globe-Teilnahme ab 10. November erfüllt.
Der “Malizia – Seaexplorer”-Skipper wirkte in der Auftaktphase sehr agil an Bord, bewegte sich viel zwischen Deck und Cockpit. Er hatte bereits vor Rennbeginn gesagt, dass ihm der Start immer die meisten Sorgen bereite. Entsprechend zurückhaltend ging er mit dem Mittelfeld über die Linie, rückte danach aber bereits in den ersten eineinhalb Stunden mit guter Geschwindigkeit von Platz 16 auf Rang neun vor. Tendenz: steigend.
Die Imoca-Führung hatten zügig die französischen Co-Favoriten Jérémie Beyou auf “Charal” und Charlie Dalin auf “Macif” übernommen. Während zunächst “Charal” das Feld anführte, kam nach einer Stunde “Macif” immer schneller in Fahrt. Nach eineinhalb Stunden hatte Charlie Dalin, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an den Transats Ende 2023 hatte teilnehmen können, das Kommando bereits übernommen und “Charal” mit etlichen Knoten mehr Speed binnen Kürze überrundet.
Charlie Dalin hatte vor Rennstart gesagt: “"Ich freue mich sehr, an diesem Rennen teilzunehmen, nachdem ich sie (Redaktion: gemeint sind die Transats 2023) im letzten Jahr verpasst habe. Es wird gut werden.” Charlie Dalin wies auch auf die erste große anstehende Entscheidung hin: “Danach hat die Flotte die Qual der Wahl, wie sie mit einem kleinen Tiefdruckgebiet südwestlich von Irland am Dienstag umgehen soll. Wir werden uns also schnell entscheiden müssen, ob wir südlich bleiben oder die Blase ein wenig umfahren. Das ist also die erste große Entscheidung, die ein ziemliches Nord-Süd-Gefälle in der Flotte schaffen könnte. Darauf konzentriere ich mich im Moment. Ich muss das Beste aus dem heutigen Tag machen, denn es wird wahrscheinlich der wärmste Tag des gesamten Transat CIC sein. Danach wird es nur noch kühler werden…”
Dem Top-Duo folgten am Sonntagnachmittag “die üblichen Verdächtigen”: Paul Meilhat mit “Biotherm”, Samantha Davies auf “Initiatives – Cœur”, Yoann Richomme mit “Paprec Arkéa” und die Schweizerin Justine Mettraux auf “Teamwork – Team Snef”. Dann Boris Herrmanns ehemaliger Navigator Nico Lunven auf “Holcim – PRB” und Vendée-Globe-Titelverteidiger Yannick Bestaven mit “Maître Coq”.
Gemeinsam mit den 13 Solisten der Class40 und zwei Startern in der Vintage-Division sorgten insgesamt 48 Einhand-Skipper und -Skipperinnen für mitreißende Auftaktbilder aus Lorient. Dem eher ruhigen Beginn wird erst am Montag und Dienstag Druck folgen, wenn die Flotten mit der ersten Wetterfront rechnen. Das gilt auch für die Class40, die bei diesem Transat CIC ohne deutsche Beteiligung segelt. Hier lieferten sich gleich zu Beginn die Co-Favoriten Ambrogio Beccaria (”Alla Grande Pirelli”) und Ian Lipinski (”Crédit Mutuel”) ein sehenswertes Duell unter dichtgeschoteteten Code-Segeln, das Lust auf mehr machte. Class40-Spitzenreiter war nach zwei Stunden am Sonntagnachmittag aber zunächst Nicolas d’Estais auf “Café Joyeux”.
Ambrogio Beccaria, der das Transat Jacques Vabre 2023 gewonnen hatte, sagte vor Rennstart: “Ich fühle mich ziemlich gestresst, aber zuversichtlich. In den ersten beiden Tagen möchte ich mich auf meinem Boot hundertprozentig wohlfühlen, ohne dass es zu größeren Schäden kommt. Der stärkste Wind wird in zweieinhalb Tagen kommen, und das ist die Position, in der wir das Rennen nicht gewinnen, sondern eher verlieren können.”
Weiter sagte Ambrogio Beccaria: ”Ich werde versuchen, komfortabel zu segeln. Und ich möchte mich hundertprozentig wohl fühlen, auf dem Boot und in mir selbst. Für mich ist es definitiv das erste Mal, dass ich dort segle (Redaktion: gemeint ist der Nordatlantik). Es ist ganz anders als sonst, denn bei meinen anderen Malen war es am Ende leichter als am Anfang, während es hier anders ist. Es wird viele neue Dinge geben, mit denen ich zurechtkommen muss, wie zum Beispiel der verbotenen Zone und dem Golfstrom…"

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