Es wurde eifrig geschliffen, laminiert, geschraubt und gegrübelt in den vergangenen Monaten. Selbst bei den kleineren, weniger solide finanzierten Teams sind ein paar 1.000 Arbeitsstunden in die Saisonvorbereitung gegangen, bei den Top-Teams 5.000 oder sogar mehr — pro Boot, wohlgemerkt. Denn es galt, nicht nur die laufende Wartung zu erledigen, die schon aufwändig genug ist, sondern auch Letzte größere Anpassungen für die Vendée Globe und die finale Phase der dafür nötigen Qualifizierung umzusetzen.
Mit dem Transat CIC kommt jetzt die Stunde der Wahrheit. Die Mehrheit der Solo-Skipper wird zwar wohl eher konservativ nach New York segeln, weil ernsthafte Schäden an der Substanz oder gar ein Ausfall die Teilnahme an der Rückregatta sowie an der Vendée gefährden könnten. Dennoch wird das Auftaktrennen erste Rückschlüsse in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit der Boote erlauben und darauf, wie gut sie weiterentwickelt wurden.
Vier Faktoren sind es, die jenseits aller strategischen Erwägungen eine Standortbestimmung ermöglichen sollten. Da ist, zum einen, das Wettbewerbsfieber, das regelmäßig dafür sorgt, dass die Skipper dann eben doch mehr pushen, als sie sich auferlegt haben. Da sind die Vorteile, die sich aus der Nähe zu den unmittelbarsten Konkurrentinnen und Konkurrenten ergeben — nämlich, deren Potenzial besser einschätzen und aus ihrer Segelwahl, dem Segeldesign und Trimm lernen zu können. Da ist der Wunsch, sich selbst im Rennmodus zu üben und wieder in dem Mindset anzukommen, der für die ersten Wochen der Vendée so entscheidend sein wird. Und da ist schließlich die Chance, das Boot ernsthaft auf eventuelle Schwachpunkte zu testen, die besser jetzt als kurz vor oder, schlimmer noch, während der Vendée erkannt werden.
Das erklärt die hohe Teilnehmerzahl, obwohl das Transat auf der Nordroute mit dem zu erwartenden hohen Amwind-Anteil gar nicht typisch ist für den Vendée-Kurs, der prozentual weit mehr Reaching und Downwind enthält. Insbesondere im Doppel mit der Rückregatta nach Les Sables d’Olonne bietet das Transat CIC aber die bestmögliche Vorbereitung.
So sieht es auch Boris Herrmann, 44. Er will auf Kurs West „engagiert, aber nicht auf Teufel komm raus segeln“, um seine „Malizia - Seaexplorer“ heil über den Nordatlantik zu bringen. Bei der New-York — Vendée Ende Mai wird er dann um das bestmögliche Ergebnis kämpfen, nicht mehr in erster Linie auf Ankommen setzen.
Sein Imoca ist nach den jüngsten Optimierungen auf beiden Regatten eine Bank. „Malizia – Seaexplorer“ zählt nach der Teilnahme an The Ocean Race voriges Jahr zu den ausgereiftesten Booten der aktuellen Generation. Die neuen, von Sam Manuard konstruierten Foils, die noch mehr Auftrieb generieren, bringen sein VPLP-Design früher vom Gleit- in den Flugmodus. Damit sollten die letzten Performance-Defizite weitestgehend eliminiert sein.
Zudem hat die Cockpit-Ergonomie, ohnehin schon eine Stärke von Boris’ Schiff, noch gewonnen. Ein Schalensitz mit Federung, auf dem der Hamburger auch dösen oder schlafen kann, ist über Winter neu dazu gekommen. Er lässt sich auf beiden Seiten montieren und ermöglicht den direkten Zugriff auf Autopilot und Schoten, sodass Boris länger aktiv steuern und trimmen kann, ohne unnötig seine Kräfte zu verschleißen. Ein Punkt, der besonders deshalb bedeutsam erscheint, weil die Spitze des Imoca-Feldes heute wesentlich enger beieinander liegt als noch vor vier Jahren. Da zählt neben der mentalen Verfasstheit auch die Physis und Ausdauer mehr denn je.
Nach Boris’ eigener Einschätzung vom vorigen Herbst zählte er zumindest damals nicht zu den absoluten Sieganwärtern, sondern zum erweiterten Favoritenkreis. Bei der einhand gesegelten „Retour a la Base“ wurde er sehr respektabler Vierter, hinter Yoann Richomme, Jérémie Beyou und Sam Goodchild. Schon das Transat CIC könnte zeigen, ob er und „Malizia - Seaexplorer“ den Anschluss an die Spitze geschafft haben, mehr aber noch die New York – Vendée-Regatta im Mai, die seinem Boot besser liegen sollte.
Die Spitze der Klasse repräsentieren nach Meinung vieler Beobachter diese vier Skipper, alle Franzosen, alle siegreich in unterschiedlichen Klassen, alle mit Top-Booten ausgestattet, von denen einer allerdings beim Transat CIC aussetzen wird.
Der Über-Segler. Fehlte im Herbst krankheitsbedingt beim Transat Jacques Vabre, wo er nur der Quali halber über die Startlinie fuhr und dann gleich abdrehte, verpasste daher auch die Retour a la Base. Doch verfügt er über einen der schnellsten Imoca 60, gut auf allen Kursen, auch Amwind, was beim Transat CIC relevant sein wird. Und er war in den vergangenen drei Jahren nie schlechter als Platz zwei. Eine absolute Ausnahmebegabung, als Konstrukteur obendrein auch technisch ganz weit vorn. Von ihm darf und muss man stets Großes erwarten.
Neu bei den Imocas, aber zuvor schon in der Class 40 und der Figaro-Klasse dominant. Kann, wenn sich die Gelegenheit ergibt, Grenzen verschieben, wie er bei der Route du Rhum 2022 bewiesen hat, als er wegen einer Zeitstrafe kurz nach dem Start weit zurückfiel und drei Tage später schon wieder an der Spitze segelte. Exzellenter Navigator und Wetterdeuter. Sein Finot-Koch-Design „Paprec-Arkea“ ist erwiesenermaßen schnell und universell, wie er mit dem Sieg bei der Retour a la Base bewiesen hat. Ein unangenehmer Gegner: schlau, unnachgiebig, erfahren, hungrig.
Ältester und erfahrenster Sieg-Kandidat. Der „Charal“-Skipper hat als Erster ein Boot der jüngsten Generation bauen lassen. Das Manuard-Design mit dem innovativen V-Ruder, das stabilere Flugphasen erlauben soll und vor allem am Wind bei guter Brise seine Vorzüge ausspielt, ist stets auf den vordersten Plätzen zu finden. Es scheint aber nicht überlegen. Dafür hat das Team um Beyou eine Tiefe und Exzellenz, die wenige andere aufbieten können. Gut möglich, dass die Weiterentwicklung über den Winter ihn noch schlagkräftiger macht. Es wäre eine Erlösung, denn bisher blieb der Routinier stets knapp unterhalb der Erwartungen, auch seiner eigenen. Das ultimative Ziel bleibt zwar ein Vendée-Sieg, aber ein Transat-Erfolg könnte den spürbar gewachsenen Erfolgsdruck mindern.
Der Skipper der „For People“, in dessen Rennstall TR Racing auch Sam Goodchild segelt, setzt beim Transat CIC aus und startet nur bei der Rückregatta New York - Vendée. Dennoch soll er hier Erwähnung finden. Denn Ruyant hat in den vergangen drei Jahren alle großen Transats gewonnen: zweimal TJV, einmal Route du Rhum. Beim Rolex Fastnet Race 2023 musste er mit seinem damals noch neuen, von Finot-Conq und Antoine Koch konstruierten Boot – ein Schwesterschiff von Richommes „Paprec-Arkea“ – schon kurz nach dem Starkwindstart wegen schwerer Delaminationen in der Struktur abbrechen. Die Schäden waren derart gravierend, dass sein Technikteam Sorge hatte, dass der Rumpf beim Kranen in Lorient kollabieren könnte. Inzwischen sind die Stringer längst ausgetauscht und die Bodengruppe ist verstärkt worden. Ruyant brennt auf einen weiteren großen Sieg, und er ist eine Kämpfernatur. Bei der Retour a la Base vorigen Herbst lief es allerdings nicht so gut: nur Platz 17 nach einem Riss im Groß und anderen Kalamitäten. Klar, dass er Ende Mai besser abschneiden will.
Unter die Überschrift „Best of the Rest“ fällt ein knappes Dutzend Skipperinnen und Skipper. Ob Boris Herrmann zu den Top 5 wird aufschließen können oder unter das knappe Dutzend der Herausforderer, wird sich in spätestens sechs Wochen zeigen. Auf jeden Fall muss er sich auch gegen die folgenden Kandidaten behaupten.
Der zweifache Figaro-Sieger ist in der Imoca-Klasse erst unlängst aufs Treppchen gesegelt: als Navigator in Boris Herrmanns Team Malizia wurde er bei The Ocean Race mit der Crew Dritter. Davor setzte er schon einige Male Ausrufezeichen, etwa 2022 beim Guyader Bermudes 1000 Race, als er mit einem Non-Foiler sensationell Platz vier holte. Jetzt hat er mit „Holcim - PRB“, dem von Kevin Escoffier finalisierten Verdier-Design, erstmals ein wirklich potentes Boot zur Verfügung und ausreichend Budget, um seine wahre Klasse zu zeigen. Als Routing-Experte und stiller, akribischer Arbeiter, der beißen kann, wird ihm das Transat CIC liegen.
Trotz seines jungen Alters bringt er viel Imoca-Erfahrung mit. Und hat mit der ehemaligen „11th Hour Racing“ nicht weniger als das Siegerboot von The Ocean Race zur Verfügung, jetzt unter dem Namen „Groupe Dubreuil“. Das ist nicht nur einer der ausgereiftesten Imoca 60; er ist auch wie gemacht fürs Nordatlantik-Transat. Denn das Verdier-Design von 2021 wurde noch für eine Ocean-Race-Route konzipiert, die ursprünglich über China führen sollte – mit hohem Amwind-Anteil. Guter Mann, starkes Boot: Da sollte was gehen!
Seine „Biotherm“, auch ein Verdier-Design, wurde spät fertig und litt bei The Ocean Race von Beginn an unter einem Mangel an Vorbereitungszeit. Jetzt jedoch sollte sie halten. Denn das Boot hat vier Ringspanten mehr als vor einem Jahr und auch sonst einige Upgrades erhalten. Meilhat selbst muss man als Typ ebenfalls auf dem Zettel haben. Er war 2021 immerhin Imoca-Champion und gilt als fähiger Instinkt-Segler.
Die aktuell erfahrenste Frau unter den Vendée-Aspiranten. Mit ihrem Manuard-Design hat sie zudem ein schnelles, ökonomisch zu segelndes Boot zur Verfügung. Es ist zwar nicht auf dem Niveau von Jérémie Beyous „Charal 2“, aber allemal für die Top 10 gut. Mit ihrer „Initiatives-Cœur“ war Davies zuletzt häufig auf den Plätzen 5 oder 6 zu finden.
Die „Teamwork.net“-Skipperin aus der Schweiz ist in etwa auf einem Level mit Sam Davies. Ihr Boot ist die alte „Charal“ von Beyou, inzwischen nicht mehr der Maßstab der Klasse, aber auch nicht weit weg von der absoluten Spitze. Tolle, toughe, dabei sympathisch stille und uneitle Seglerin, die eine unfassbare innere Stärke besitzt.
Überraschungssieger der letzten Vendée Globe, damals auf einem Foiler der ersten Generation. Inzwischen mit aktuellem Material am Start, hat er gleichwohl noch nicht wieder in die Erfolgsspur zurück gefunden. Der Skipper der „Maitre Coq V“, Ältester in diesem Form-Guide, braucht eine gute Platzierung, nicht so sehr für die Qualifikation, mehr für Psyche und Sponsor. Er hat den Winter über auf den Kanaren trainiert, wird also in starker Frühform sein.
Er war stark in der Class 40, hatte einen gemessen am Alter seines Bootes starken Einstand bei der Vendée Globe 2020/21, und auch jetzt enttäuscht der Skipper von „V and B - Monbana - Mayenne“ nicht. Sein 2022 gebautes Verdier-Design mit dem Drachen in Groß und Fock war seither stets für einstellige Ergebnisse gut.
In der aktuellen Rangliste der Imoca-Klasse liegt er auf Rang 7, und das spiegelt gut sein Potenzial wider. Obwohl mit nur einer Hand geboren und daher leicht gehandicapt, hielt er sich bei den Imoca-Regatten voriges Jahr beständig zwischen Platz 5 und 15. Der „Groupe-Apicil“-Skipper segelt eines der älteren Designs im Transat-Feld, die 2014 gebaute „Safran“, mit der Yannick Bestaven zuletzt die Vendée gewann. Damien Seguin hat ihr neue, ans Grenzmaß der Klasse konstruierte Foils verpasst und sie damit spürbar beflügelt. Top 10 sind absolut drin.
Er holte 2021 mit seiner unerschrockenen Art Platz 3 bei der Vendée und beeindruckte viele. Der „Bureau-Vallée-Skipper sicherte sich daraufhin eines der anerkannt schnellsten Schiffe der vorigen Generation, Armel Tripons ehemalige „L’Occitane en Provence“ - ein Manuard-Design. Das hätte Louis Burton eigentlich nach vorn bringen sollen. Doch warfen ihn zwei Mastbrüche 2021 und 2022 zurück. Seine Vendée-Form hat er seither noch nicht wieder erreicht – wohl auch ein Beleg für die inzwischen sehr hohe Leistungsdichte der Klasse.
Segelt auf Thomas Ruyants ehemaliger „LinkedOut“, einem 2019 bei Persico gebauten Verdier-Design, das als guter Allrounder gilt. Holte in allen Regatten, die er 2023 bestritt, stets dritte Plätze, auch gegen Top-Konkurrenz. Ein Kandidat fürs Treppchen ist er also allemal. Zudem hat er bei The Ocean Race im Team Holcim - PRB wertvolle Erfahrungen auf einem Foiler der jüngsten Generation sammeln können. Ihn sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Allerdings wird auch Sam Goodchild beim Transat CIC fehlen und nur bei der New York – Vendée starten. Die Überführung in die USA können er und Teamchef Ruyant für interne Tests nutzen, da sie als einzige ein Zwei-Boot-Programm verfolgen mit „For People“ und „For the Planet“.
Es zählt zu den Eigenheiten der Imoca-Klasse, dass die Segler und Techniker zwar einerseits regen Austausch über Weiterentwicklungen und Innovationen pflegen, andererseits dann aber doch nicht immer alle Karten auf den Tisch legen. Gerade vor der Vendée Globe bleiben stets Bereiche unterbelichtet, die als besonders relevant für Zuverlässigkeit und Performance erachtet werden – auch jetzt noch, da die großen Modifikationen alle bereits umgesetzt sind. Drei Bereiche sind es, die bei fast allen Teams weit oben im Lastenheft standen:
Bei den Foilern, auch und gerade den neuesten, gibt es kaum ein Boot, das zuletzt nicht noch Verstärkungen in der Struktur erfahren hätte. Das überrascht, weil die aktuelle Generation statt auf Sandwich- auf Vollcarbon-Konstruktionen setzt. Doch ist mit der Leistungsfähigkeit der Foils eben auch die Belastung so deutlich angestiegen, dass manche Teams bereits mehrfach nacharbeiten mussten oder wollten. Das hat auch psychologische Ursachen. Wenn im letzten Winter vor der Vendée mehrere Skipper verstärken oder zusätzliche Lastsensoren anbringen lassen, ziehen andere nach, um nur ja nicht frühe Ausfälle zu riskieren, weil das den Sponsoren schwer vermittelbar wäre.
Weil die Imoca-Skipper nur acht Segel an Bord haben dürfen, ist die Wahl der Tücher, ihr Schnitt und die Größen enorm wichtig. Im windigen Südmeer etwa reichen bei der Vendée kleinere Spis, ein Fractional Zero („FR0“), Jib Zero („J0“) oder Jib Top. Da die Boote bis zu vier Wochen in den hohen Breiten unterwegs sind, kann ein fein abgestuftes Arsenal entscheidend sein. Das aber schränkt die restliche Auswahl ein. Die Skipper werden das Transat CIC und die New York – Vendée daher nutzen, um ihren Segelplan zu validieren. Auch dabei wird ein hoher Stellenwert auf der Zuverlässigkeit liegen. Allein drei Großsegel sind bei der Retour a la Base im Herbst 2023 aus den Lieken geflogen, unter anderem bei Boris Herrmann, der quasi auf der Ziellinie sein Groß in einer Halse horizontal in zwei Teile zerplatzen sah. Deshalb setzen sich mehr und mehr Konstruktionen mit höherem Faseranteil durch und mit sieben statt sechs Latten, was das Schlagen und Flattern reduzieren hilft – gerade im Solo-Modus nie ganz zu vermeiden.
Wie Boris haben auch etliche andere Skipper der Ergonomie an Bord mehr Augenmerk geschenkt. Schalensitze sind inzwischen weit verbreitet, bessere Sichtachsen nach vorn, zur Seite und nach oben in die Segel ebenso. Die Solisten bereiten sich obendrein ganzheitlicher vor: nicht nur im Fitness-Studio, sondern auch mit Hilfe von Mentaltrainern. „Talent alleine reicht schon lange nicht mehr, um in der Imoca-Klassee erfolgreich zu sein“, sagt ein Szenekenner. „Du musst es auch mehr wollen als alles andere.“ Und selbst das sei keine Garantie für den Sieg – „nur eine unabdingbare Voraussetzung“.
Am Sonntag um 13.30 Uhr beginnt Teil 1 des Spektakels. Die Live-Übertragungs des Transat-CIC-Starts:

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