Tatjana Pokorny
· 10.05.2024
11 Tage, 16 Stunden, 17 Minuten und 55 Sekunden. Das ist die Zeit, in der Ambrogio Beccaria das 15. Transat CIC in der Class 40 gewonnen hat. Es war ein fabelhafter Lauf, den der Italiener auf abwechslungsreichen und fordernden 3.280 Seemeilen auf dem Kurs von Lorient via Nordatlantik nach New York absolviert hat. Für den 32-jährigen Mailänder markiert der Sieg mit “Alla Grande Pirelli” schon seinen dritten großen Transatlantik-Erfolg nach dem Mini-Transat-Triumph 2019 und dem Transat-Jacques-Vabre-Zweihandsieg mit seinem französischen Co-Skipper Nicolas Andrieu.
In seinem Debütjahr war Ambrogio Beccaria mit dem leistungsstarken Design von Gianluca Guelfi und Fabio D’Angeli bei der Route du Rhum 2022 auf Platz zwei gesegelt. Damals musste er sich noch keinem Geringeren als Überflieger Yoann Richomme geschlagen geben, der gerade mit seinem ersten Imoca “Paprec Arkéa” nach der Retour à La Base 2023 auch das Transat CIC 2024 im Sturm erobert hat. Class-40-Nachfolger Ambrogio Beccaria folgt mit seinem Triumph in der Class 40 dem damals aufsehenerregenden Erfolg von Landsmann Giovanni Soldini, der das Transat 2008 gewinnen konnte.
Nachdem Ambrogio Beccaria vorherige Rennen oft mit taktischen und strategischen Meisterleistungen für sich entscheiden konnte, musste er im Transat CIC auch seine Zweikampffähigkeiten unter Beweis stellen. Sein Segelfreund und Rivale Ian Lipinski, mit dem er schon einige Rennen wie das gemeinsam gewonnene Channel Race 2022 bestritten hat, hörte bis zur Entscheidung nicht auf, den ihn so gut bekannten Spitzenreiter anzugreifen. Der Italiener und der französische “Crédit Mutuel”-Skipper agierten über weite Strecken auf Augenhöhe.
Dabei hatte Ambrogio Beccaria das Transat CIC nicht ganz so kontrolliert eröffnet, wie er es beendet: Nach anfänglichen technischen Problemen hatte der Italiener zunächst an vierter Position gelegen, bis er aus dem ersten großen Tiefdruckgebiet herauskam. Als der Wind abflaute, übernahm Beccaria eine deutlichere Führung. Er baute seinen Vorsprung auf 74 Meilen vor Lipinski aus, bevor die Führenden erneut in leichte Winde gerieten. In der unerwartet starken und schwer berechenbaren Golfstromströmung und bei weniger Druck schmolz Beccarias Vorsprung wieder. Als die führenden Boote aber aus dem nächsten zähen Hochdruckgebiet herausfanden, ging Beccarias Strategie besser auf – er baute seinen Vorsprung entscheidend aus: bis zum Morgen des Zieldurchgangs auf knapp 40 Seemeilen.
In dem packenden Class-40-Spitzenduell hatte die Führung mindestens fünfmal gewechselt. Ian Lipinski trieb seine von David Raison entworfenen Mach40 aus dem Jahr 2019, mit der er das Transat Jacques Vabre im ersten Jahr gewonnen hatte, immer wieder stark an. “Ian ist jemand, den ich sehr, sehr schätze”, sagte Ambrogio Beccaria. Und weiter: “Den Kampf mit ihm zu führen ist etwas Besonderes, es gibt keinen besseren Partner, mit dem man so einen Kampf führen kann.“
Beccaria berichtete auch, dass er zu Beginn des Rennens ein beschädigtes Schott hatte, für dessen Reparatur er sich Zeit nahm. Am 5. Mai folgte der Schaden am Masthead Code Zero. “Das war sehr schmerzhaft”, erinnert sich Beccaria. Auf die Frage, ob dieses Transat CIC das härteste Rennen gewesen sei, das er je bestritten hat, sagte Beccaria im ersten Sieger-Interview mit den Veranstaltern: “Es gab einige sehr harte Momente, aber am Ende fand ich es insgesamt nicht so hart. Die Bedingungen waren insofern angenehm, als wir auf das Schlimmste vorbereitet waren. Für mich war die Route du Rhum härter, es gab mehr schwierige Amwind-Passagen. Am Ende waren die Bedingungen gut, aber es war sehr, sehr anstrengend. Die Phasen ohne Wind waren sehr, sehr anstrengend, und es war kalt, sehr kalt manchmal.”
Ich liebe Einhandregatten, aber ich liebe auch Menschen” (Ambrogio Beccaria)
Vor seinem starken Herausforderer Ian Lipinski, der gut zwei Stunden nach ihm ins Ziel kam, verneigte sich Ambrogio Beccaria mit maximalem Respekt: “Ian ist so ein tolles Rennen gefahren. Ich wusste von Anfang an, dass er einer der Stärksten im Rennen ist. Er kennt das Boot so gut, er weiß, wie man einhand segelt, und er hat sehr, sehr viel Energie. Und am Ende war es gut für Ian, weil er bei starkem Vorwind sehr, sehr schnell ist. Es war einer der Schlüsselmomente, als ihm mit dem A6 einer seiner Spinnaker, den er Pumba nennt, zerriss. Durch den Verlust dieses Spinnakers hat er viel verloren. Ich liebe es, gegen ihn zu segeln, er greift immer an.”
Auf den Empfang am rund 110 Seemeilen von der Ziellinie entfernt liegenden Ehrenponton in der One 15° Marina, wo gerade noch die Imoca-Besten Yoann Richomme (”Paprec Arkéa”), Boris Herrmann (”Malizia – Seaexplorer”) und Samantha Davies (”Initiatives Cœur”) gefeiert wurden, freut sich Ambrogio Beccaria vor allem aus einem Grund: “Ich freue mich darauf, Leute zu treffen! Ich stecke viel Energie und Mühe in meine Rennen und möchte sie mit allen teilen, mit anderen Menschen. Ich liebe Einhandregatten, aber ich liebe auch Menschen.”
Ambrogio Beccaria war schneller im Ziel als vier Imoca-Solisten, die noch ums Ankommen kämpfen: Als Nächster wurde “Nexans – Wewise”-Skipper Fabrice Amedeo vor Denis Van Weynberg auf “D’leteren Group” im Ziel erwartet. Der Schweizer Oliver Heer hatte nach seinem Knockdown, dem folgenden Blackout und quälend langsamem Vorankommen am Freitagvormittag immer noch rund 860 Seemeilen zu meistern. “L’Occitane en Provence”-Skipperin Clarisse Crémer hat nach Reparaturen noch nicht die Azoren verlassen, ihr Ablegen aber angekündigt.
Ambrogio Beccaria und “Alla Grande Pirelli” auf dem Weg ins Ziel – Szenen vom Tag von See vor dem großen Sieg:

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