RegattaWilde Nacht und weiterer Ausfall bei der Vendée Globe

Andreas Fritsch

 · 10.11.2020

Regatta: Wilde Nacht und weiterer Ausfall bei der Vendée GlobeFoto: E. Stichelbaut/polaryse/Corum L'Epargne/Vendee Globe

Die ersten Boote haben den Sturm mit 40 Knoten Wind überstanden, sind durch die Front. "L'Occitane" muss für Reparaturen abdrehen

Mit großer Sorge schauten bei den Nachrichten von Bord gestern viele Skipper auf diese Passage einer Sturmfront, die ihre Boote so früh im Rennen großen Belastungen aussetzt und das Risiko beinhaltet, dass man sich kleinere Vorschäden einhandelt, die später zu Bruch führen können.

Und so kam es dann auch, zumindest für Armel Tripon mit seiner "L'Occitane" – das Fallenschloss seines J 3 brach. "Das Segel ist aufs Deck gefallen, aber ich konnte es bergen", so der Skipper zum Team. Er segelt nun rund 250 Seemeilen nach A Coruña zurück und will dort ankern, um den Schaden allein zu reparieren und wieder ins Rennen zu gehen. Es ist nach Fabrice Amedeo und Arnaud Boissier schon der dritte Skipper, der Probleme mit den Fallenschlössern der Vorsegel hat. Diese Defekte sind äußert gefährlich, bedeuten sie doch in der Regel, dass entweder das Segel am Mast blockiert und nicht zu bergen ist, was bei aufziehenden Sturm zu Schäden am Segel oder Rigg führen kann, oder es aber schlimmstenfalls ins Wasser fällt und hinterher geschleift wird, oft ist es dann nicht mehr einsetzbar. Zur Bergung und Reparatur des Fallenschlosses muss der Skipper fast immer in den Mast, was nur in sehr ruhigem Seegang möglich ist.

  Stand des Rennens heute Morgen Foto: Vendèe Globe
Stand des Rennens heute Morgen 

Wie Boris Herrmann im Interview mit der YACHT vor dem Rennen sagte, fürchtet auch er solche Defekte und hat deshalb Ersatz-Fallenschlösser an Bord – jedes für den Preis eines kleinen Neuwagens.

Probleme hat auch der Franzose Kevin Escoffier, der über ein defektes Ventil des Schwertkastens seiner "PRB" Wasser im Schiff hat. In einem Video von Bord schwappt das Wasser durchs Schiff. Er will heute nach der Wende das Problem aber lösen.

Am konsequentesten, aber auch überraschend, reagierte gestern die Deutsch-Französin Isabelle Joschke ("MACSF") auf die Herausforderung. Sie entschloss sich als Einzige, dem schlimmsten Wetter der Front aus dem Weg zu gehen und drehte in Richtung der portugiesischen Küste ab.

"Ich habe vorher gesagt, dass ich vorsichtig sein werde, nur in Bedingungen hineinsegele, die beherrschbar sind. Wenn wir deshalb eine andere Route segeln müssen als die anderen, dann tue ich das", hatte Joschke gestern angekündigt und sich nun auch daran gehalten. Ein seemännisch konsequenter Schritt, der in der Vendée sonst eher selten vorkommt und auch Respekt verlangt. Dafür wird sie sich am Ende des Feldes einsortieren müssen.

  Nicolas TrousselFoto: E. Stichelbaut/polaryse/Corum L'Epargne/Vendee Globe
Nicolas Troussel

Der Rest des Feldes zieht dagegen beinhart durch, geteilt in eine Dreier-Gruppe im Norden, deren führender Thomas Ruyant auf "Linked Out" schon durch die Front ist, jedenfalls zeigt seine Windanzeige im Tracker schon deutlich weniger Wind aus nordwestlichen Richtungen an, und er konnte schon nach Süden abbiegen. Währenddessen haben die meisten übrigen Boote noch Wind aus Südwest. Ihm auf den Fersen sind Sébastien Simon ("Arkéa Paprec") und Louis Burton ("Bureau Vallée 2").

Direkt dahinter folgt etwas südöstlicher Boris Herrmann in einer Vierer-Gruppe mit Alex Thomsons "Hugo Boss", Charlie Dalins "Apivia" und Kevin Escoffiers "PRB". Er liegt damit hervorragend im Rennen, hält mit den brandneuen Foilern mit.

Spannend wird es heute dann im Laufe des Tages, wenn klar ist, wo die südliche Gruppe durch die Front kommt, die zurzeit im Ranking wegen der südlicheren Position vorn liegt. Nur eins der Top-Foiler-Boote, Nicolas Troussels "Corum L'Épargne" ist dieser taktischen Variante gefolgt, die darauf setzt, die Front in einem etwas schwächeren Bereich zu passieren. Der 46-jährige Franzose, der aus der Figaro-Serie kommt, gilt als taktischer gewiefter Segler, der immer wieder mit erstaunlichen Kursvarianten allein vom Feld weg segelt und dann mit einem Vorsprung plötzlich wieder an der Spitze auftaucht. In den französischen Regatta-Kreisen gibt es sogar ein geflügeltes Wort dafür: einen "Troussel machen". Heute Abend oder morgen früh, wenn die beiden Gruppen auf Südkurs gehen, wissen wir, ob ihm das auch diesmal gelungen ist.

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