RegattaVendée Globe: Wenn der Southern Ocean verrückt spielt

Jochen Rieker

 · 22.12.2020

Regatta: Vendée Globe: Wenn der Southern Ocean verrückt spieltFoto: Team Malizia

Ein Hoch stellt sich den führenden Booten in den Weg, auch Boris Herrmann. Welcher Weg führt am besten daran vorbei? Profi-Skipper Will Harris erklärt

Das Südpolarmeer macht eine Kehrtwende, zumindest für die Gruppe der Führenden. Nachdem sie wochenlang von unerbittlichen Niederdrucksystemen heimgesucht wurden, haben sich die Bedingungen entspannt, seit die Top-10-Skipper das zweite große Kap passiert hatten, Kap Leeuwin. Ein Hochdrucksystem hat sie langsam gen Osten begleitet, an dessen Südseite sie derzeit segeln, begleitet von moderaten Winden aus West bis Nordwest.

Alles friedlich, alles fein – eigentlich.

Die ruhigeren Bedingungen werden den Wettbewerbern wie eine Erleichterung vorkommen, eine willkommene Chance, sich etwas zu erholen, das Boot zu überprüfen und alle Reparaturen zu erledigen, die anstehen. Allerdings kommt jetzt neuer, anderer Stress auf sie zu. Denn die kommenden Tage werden den Seglern eine Reihe ebenso schwieriger wie folgenschwerer Strategieentscheidungen abverlangen.

Schauen wir uns zunächst das Hochdrucksystem an, in dem die Flotte segelt. Dieses Hoch befindet sich derzeit 200 Seemeilen nördlich von Spitzenreiter Yannick Bestaven auf "Maître Coq". Es gibt eine schmale Lücke von ungefähr 150 Seemeilen zwischen diesem Hoch und der Antarktischen Ausschlusszone (AEZ, Antarctic Exclusion Zone), die dem Führenden erlaubt, mit ordentlichen Winden aus West voranzukommen. Aber das bleibt nicht mehr lange so.

Denn die Hochdruckzone verlagert sich sehr langsam nach Südosten, direkt in den Weg des Pelotons. Eine schöne Bescherung! Just am 24. Dezember wird der Kern auf dem Breitengrad der Eisgrenze liegen.

  Wie sich das Wetter bei der Vendée über die Feiertage entwickeln wirdFoto: Windy.com/W. Harris
Wie sich das Wetter bei der Vendée über die Feiertage entwickeln wird

Zwischen dem 24. und 26. Dezember beginnt das Hoch seine Form zu ändern, da es von den anderen Systemen in der Umgebung komprimiert wird. Es zieht sich in die Länge und bildet einen Trog, der von Nordosten nach Südwesten ausgerichtet ist und wie eine "Wand" aus leichtem Wind fungiert, welche die Route nach Osten blockiert.

Die Navigation in dieser Situation ist recht kompliziert, und wir werden uns einige Optionen ansehen, um dieses Szenario zu überwinden. Zunächst einmal sieht es für die drei bestplatzierten Boote – "Maître Coq", "Apivia" und "LinkedOut" – so aus, als hätten sie sich entschieden, sich südlich des Hochs durchzuschummeln und so auf dessen Ostseite zu gelangen. Es ist ein riskanter Plan: "Win or Swim", Sieg oder Untergang. Schaffen sie es, bleiben sie nicht nur auf der kürzesten Route, sondern profitieren anschließend auch von guten Halbwind-Bedingungen, die wie gemacht sind für die Foiler.

Wenn das Führungs-Trio jedoch zu langsam vorankommt, wird es vom Kern des Hochs verschluckt – und zwar möglicherweise für eine lange Zeit, da es in ähnlicher Richtung zieht. Frischen Wind zu finden könnte dann zu einem Geduldsspiel werden.

Für die unmittelbare Verfolgergruppe, zu der auch Boris Herrmann zählt, besteht keine Chance, unter dem Hoch zu passieren. Sie verfolgt deshalb schon seit gestern eine nördlichere Route, oben vorbei. Diese Kurswahl ist etwas sicherer, da sie nicht durch größere Gebiete mit extrem leichtem Wind führt. Allerdings bringt sie Amwind-Bedingungen, eigentlich keine Paradediszipin der auf Halb- und Raumwind optimierten Imocas. Dennoch kann diese Variante von Vorteil sein – dann nämlich, wenn die Top 3 im Süden nicht schnell genug sind, um den leichten Winden zu entkommen.

  Wie sich das Wetter bei der Vendée über die Feiertage entwickeln wirdFoto: Windy.com/W. Harris
Wie sich das Wetter bei der Vendée über die Feiertage entwickeln wird

Es klingt vielleicht verrückt, aber am ersten Weihnachtsfeiertag sieht es so aus, als werde die Spitzengruppe hart am Wind segeln, bei gut 4 Beaufort. Nicht der bequemste Kurs, aber allemal ruhiger, als mit einem ausgewachsenen Tief kämpfen zu müssen. Da bleibt sogar Gelegenheit, an Bord die Festtage zu begehen.

Danach bleiben den Skippern taktisch zwei Möglichkeiten: Entweder steuern sie weiter nach Norden auf der Suche nach einem anderen Wettersystem, oder sie bleiben in der Nähe der Eisgrenze, kämpfen sich dort weiter gegen den Wind vor und profitieren von dem kürzeren Weg nach Osten, bis auch sie frischen Wind bekommen.

Weiter Nord zu halten scheint eine riskante Option zu sein, nicht nur wegen der vielen zusätzlichen Meilen. Im schlechtesten Fall bieten sich dort auch keine besseren Bedingungen. Denkbar also, dass sich das Verfolgerfeld aufteilt: Jean Le Cam und Benjamin Dutreux werden es mit ihren herkömmlichen Booten ohne Tragflügel möglicherweise vorziehen, im Süden zu bleiben, da sie besser für diese VMG-Bedingungen am Wind geeignet sind. Die Foiler bevorzugen vermutlich eher die nördliche Option, weil sie dort – frischere Brise vorausgesetzt – eher in der Lage sein werden, ihr Geschwindigkeitspotenzial auszuspielen.

  Abbildung 3: Das Idealszenario für Yannick Bestaven. Gelingt es dem Skipper von "Maitre Coq", östlich des nach Südosten ziehenden Hoches zu bleiben, profitiert er von einem schnellen Halbwindkurs entlang der Eisgrenze. Dieser wiederum könnte ihm erlauben, sich in an die Ausläufer eines weit im Südosten liegenden Tiefs zu heften – ein Jackpot, wenn's klapptFoto: Windy.com/W. Harris
Abbildung 3: Das Idealszenario für Yannick Bestaven. Gelingt es dem Skipper von "Maitre Coq", östlich des nach Südosten ziehenden Hoches zu bleiben, profitiert er von einem schnellen Halbwindkurs entlang der Eisgrenze. Dieser wiederum könnte ihm erlauben, sich in an die Ausläufer eines weit im Südosten liegenden Tiefs zu heften – ein Jackpot, wenn's klappt

Es wird sehr seltsam anmuten, die Führenden in den kommenden Tagen gegen den Wind segeln zu sehen – das erste Mal seit dem Eintritt in den Southern Ocean. Erst um den 27. Dezember herum schiebt ein aus Nordwest heranziehendes Tief endlich das Hochdrucksystem aus dem Weg. Die Flotte wird in der Lage sein, sich an seine Rückseite zu heften und wieder in ein fürs Südmeer typisches Szenario zurückzukehren.

Am 30. Dezember nähern sie sich dem Punkt Nemo, dem vom Land am weitesten entfernten Punkt der Erde. Sie können ins neue Jahr gehen und wissen, dass sie wahrscheinlich die isoliertesten Menschen auf dem Planeten sind. Wie wird es bis dahin im Ranking aussehen? Das ist heute noch sehr schwer vorherzusagen. Einiges spricht dafür, dass die Spitzengruppe noch enger zusammenrückt. Nur Yannick Bestaven, der derzeit Führende, hat eine theoretische Chance, sich abzusetzen. Es bleibt über die Feiertage also sehr, sehr spannend!

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