RegattaVendée Globe: Was man aus einem Kielwasser lesen kann

Andreas Fritsch

 · 13.12.2020

Regatta: Vendée Globe: Was man aus einem Kielwasser lesen kannFoto: I. Joschke/MACSF

Sieben Boote haben das Kap Leeuwin passiert, die führenden drei Boote im Abstand von nur etwas über drei Stunden. Loïck Peyron als Fährtenleser

Im Abstand von nur etwas über drei Stunden haben gestern der Führende Charlie Dalin ("Apivia"), Thomas Ruyant ("LinkedOut") und Yannick Bestaven ("Maître Coq") das Kap Leeuwin passiert. Die Führung von Dalin ist auf etwa 60 Seemeilen zusammengeschmolzen, seitdem hält er sie aber anscheinend konstant. Alles andere als ein beruhigendes Polster, das Rennen hat schon allein bei den Problemen von Boris Herrmann mit seinem J2-Segel (das mittlerweile repariert ist) gezeigt, dass auch simple Defekte einen Skipper schnell einmal 100, 200 Seemeilen kosten können.

Und eigentlich dürfte Dalin bei diesem Abstand am Mittwoch seine Führung verlieren, wenn er nicht wieder ein paar Meilen draufpackt. Zumindest rechnerisch. Denn am Mittwoch will die Rennleitung endlich bekanntgeben, wie viel Zeitgutschrift die an der Rettung von Kevin Escoffier beteiligten Skipper bekommen. Und der Drittplatzierte Yannick Bestaven war auch dabei, neben Jean Le Cam, Boris Herrmann und Sébastien Simon. Da sie Escoffier in der Rettungsinsel stundenlang gesucht haben und ihren Kurs ändern mussten, während Thomas Ruyant und Charlie Dalin weitersegeln konnten, kann man wohl davon ausgehen, dass sie dafür bestimmt mindestens fünf, sechs Stunden oder sogar mehr gutgeschrieben bekommen. Dann läge Bestaven vor Charlie Dalin. Das würde ihm zwar erst etwas nützen, wenn er über die Ziellinie geht, denn erst dann wird die Gutschrift angerechnet, aber immerhin.

  Stand des Rennens heute MorgenFoto: Vendée Globe
Stand des Rennens heute Morgen

Boris Herrmann wäre es sicherlich lieber, er würde statt einer Zeitgutschrift 100 Meilen weiter im Osten segeln. Denn es sieht ganz so aus, als ob das Führungstrio an der Rückseite eines Tiefs noch einen Tag in schnellen Bedingungen bleiben könnte, während die Verfolgergruppe heute aus dem starken Wind herausfällt und viel Boden verlieren dürfte.

  Isabelle JoschkeFoto: Isabelle Joschke/MACSF
Isabelle Joschke

Der Deutsche hat gestern erfolgreich seine defektes J2-Segel reparieren können, verlor aber erneut über Nacht wieder Meilen auf das "Non-Foiler-Trio" vor ihm, Jean Le Cam ("Yes We Cam"), Damien Seguin ("Groupe Apicil") und Benjamin Dutreux ("Omnia Water Family"). Auch die Deutsch-Französin Isabelle Joschke zog gestern kurzfristig mit ihrer "MACSF" im Ranking an Herrmann vorbei, bevor sie wegen des Eis-Limits halsen musste.

Joschke erhielt gestern quasi den Ritterschlag vom Großmeister Loïck Peyron. Der lobte ihr kluges Rennen, das vor allem von Konsistenz gezeichnet sei: Wenn man ihr Kielwasser anschaue, sei es eine sehr harmonische gerade Linie, die dafür spricht, dass sie das Boot sehr smooth segelt. "Das heißt nicht immer, dass man maximal schnell ist, aber oft doch sehr effektiv", so Peyron. Auch die Kurslinie von Jean Le Cam spiegele das wider. "Die letzte Generation der Foiler dagegen hat oft starke Zacken in den Kurslinien, weil die Boote in Böen so enorm beschleunigen und zu schnell werden. Dann müssen die Skipper schnell abfallen, um das Boot langsamer zu machen", berichtete der Franzose. Denn jedes Mal einen Segelwechsel in solchen Fällen vorzunehmen, das sei für die Skipper einhand schlicht nicht machbar, da sie mit ihren Kräften haushalten müssen. Und das bedeutet dann eben auch teils über Stunden ein vielleicht schwächeres VMG (Geschwindigkeit in Zielrichtung), als andere Skipper fahren. Joschke hat zwar ein älteres Boot, fährt aber aktuelle, große Foils, genau dieselben wie Boris Herrmann an seiner "Seaexplorer"

Joschke gewährte gestern ebenfalls einen Einblick, wie sie ihr Boot segelt: "Manchmal geht es sehr schnell, und dann stoppt es plötzlich, weil du etwas reparieren musst oder der Seegang wirklich hart ist. Und dann geht es wieder voll los. So war es die letzte Woche. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was morgen passiert, und ich versuche, die Dinge auf einer Tag-zu-Tag-Basis zu managen. Wenn es möglich ist, schnell zu segeln, dann tue ich das, aber ich weiß auch, dass das für mich und das Boot sehr anstrengend ist. Ich muss mein Boot bewahren. Ich würde sagen, das ist bei diesem Rennen das Wichtigste. Anfangs war ich verängstigt, wirklich verängstigt vor der Kälte, davor, in solchen Bedingungen technische Probleme zu haben und sie nicht reparieren zu können. Ich habe auch eine See vorgefunden, die viel ungemütlicher ist, als ich es erwartet hatte. Ich dachte, es sind mehr schöne Momente. Die gab es zwar auch, aber es war sehr schwer und herausfordernd, vor allem mental. Die Seen waren wirklich chaotisch. Aber ich habe auch beeindruckende Landschaften gesehen und ein echtes Gefühl der Einsamkeit gespürt. Die Tatsache, dass es hart ist, betont die Einsamkeit noch mehr, hier allein am Ende der Welt zu sein. Auf der einen Seite ist es nicht einfach, damit zu leben, auf der anderen macht es das alles aber auch so schön."

Im Laufe des Vormittags passierten dann die ersten sieben Boote das Kap Leeuwin. Einen guten Rhythmus scheint auch Thomas Ruyant gefunden zu haben, der im Segeln seiner "LinkedOut" nach dem Bruch des Backbord-Foils neue Wege gehen muss. Denn die neue Generation von Foilern segelt sich nicht so einfach wie ein Non-Foiler, wenn er seinen Anhang verliert: Die Boote sind schmaler konstruiert als früher, haben oft auch weniger Kielgewicht, da das aufrichtende Moment zu einem großen Teil vom Foil erzeugt wird.

Boris Herrmann brachte das einmal im Gespräch mit der YACHT so auf den Punkt: "Ich könnte das Boot auch ohne Kiel segeln." Das heißt, ein neuer Foiler ohne Foil liegt deutlich mehr auf der Backe als ältere Boote, kann weniger Segelfläche fahren, geht anders durch die Wellen. Entsprechend erzählte Ruyant, dass er die Besegelung auf seinem "schlechten" Bug anpassen muss und mehr mit den Ballast-Tanks arbeitet. Doch von denen haben die neuen Boote weniger als die älteren. Seine Leistung, so dicht auf Dalins Fersen zu bleiben, ist also nicht hoch genug einzuschätzen. Allerdings sieht es auch so aus, als ob es auch noch die nächsten Tage so weitergeht: Es ist nicht in Sicht, dass er den Wind endlich mal von Backbord bekommt und damit auf die intakte Foil-Seite halsen könnte.

Für einen humorigen Gruß von Bord sorgte gestern Clément Giraud, der ein Video im Stile eines Toreros von Bord schickte, in dem er seine rote Segeljacke als Tuch seitlich über Bord hielt, weil von hinten "der Stier" (Jérémie Beyous "Charal") mit gehörig Dampf an seiner "Compagnie du Lit" vorbeistob (dabei aber auch mit gehörigem Abstand): Beyou seinerseits schickte Videos, in denen er über 25 Knoten fährt; Giraud ist mit etwa 11 Knoten unterwegs. Beyou hat die letzten Boote eingeholt und bereits vier hinter sich gelassen, zwei weitere dürften heute folgen. Man darf gespannt sein, wie weit er nach einem zehn Tage später erfolgten Start nach Reparaturen noch nach vorn fahren kann.

Video der Highlights von gestern

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