RegattaVendée Globe: "Der härteste Gegner bin ich selbst!"

Andreas Fritsch

 · 16.12.2020

Regatta: Vendée Globe: "Der härteste Gegner bin ich selbst!"Foto: #VG2020

Boris Herrmann im Interview live von Bord über die Härten des Rennens, seine Chancen auf einen Podiumsplatz und warum die Non-Foiler so schnell sind

Wie jedes Wochenende stellte sich der Deutsche den Fragen von Journalisten in einer Live-Schalte, die jetzt schon fast ein wenig ein Ritual geworden ist und tiefe Einblicke in die Seele des "Seaexplorer" Skippers gewährt. Diesmal ohne Video-Verbindung, der Open 60 ist mittlerweile so weit am anderen Ende der Welt, dass die Verbindung immer wieder abbricht. Erst im dritten Anlauf gelingt es dem Team, eine Telefon-Verbindung aufzubauen, doch auch die setzt immer wieder mal aus, ist teils unverständlich.

Wie ist das Segeln in der Fünfer-Verfolger-Gruppe, in der Sie gerade segeln?

Ich finde das sehr motivierend. Das ist eine Rückversicherung, dass man nicht in die falsche Richtung fährt oder Blödsinniges macht, man hat eine gute Referenz vom Speed her. Wir quatschen dann auch über Whatsapp, Damien Seguin und ich zum Beispiel. War natürlich sehr cool, als wir uns über AIS gesehen haben und alle zusammen gesegelt sind. Seit gestern sind wir aber zu weit entfernt dafür. Aber vielleicht fange ich den ein oder anderen wieder ein. Dann können wir wieder etwas quatschen. Auf jeden Fall ist das super nett so, besser als völlig allein zu sein da draußen.

Speedmäßig haben Sie trotz der Foils gegenüber den älteren Non-Foilern anscheinend kaum einen Vorteil. Wie kommt das?
Der Kurs war jetzt lange pures VMG-Running-Downwind, da bringen die Foils nicht viel, jedenfalls nicht bei Seegang und auch nicht bei dieser Windstärke. Im Indischen Ozean war es oft zu rau zum Foilen, da hatte ich sie oft eingezogen. Die Bedingungen werden schon noch kommen, ich denke mal in den nächsten Tagen werden sie so sein, dass die Foils ihre Stärke zeigen können.

Haben die Yachten ohne Foils eine Chance auf Plätze ganz vorn?
Ja, absolut. Vor vier Jahren war Alex Thomson mit nur einem Foil fast ganz vorn. Jetzt haben wir Jean Le Cam, der kann auf jeden Fall aufs Podium kommen. Oder ein anderer aus dieser Gruppe, die sind alle fix unterwegs. Aber im Atlantik haben wir mehr Chancen für gute Foil-Bedingungen, lange Reaching-Gänge mit flacherer See. Da sind die Geschwindigkeitsunterschiede teils schon enorm, das können 3, 4 Knoten sein. Wenn du das zwei Tage durchhältst, bis du natürlich weg. Da kann man auch viel aufholen.

Zwei von drei Kaps sind geschafft. Fühlt sich das jetzt anders an, ist man schon so ein bisschen "on the way home"?
"On the way home" ist für mich erst nach Kap Hoorn. Die eigentliche Prüfung kommt noch, im Pazifik sind wir deutlich weiter im Süden. Ich denke nicht, dass es unbedingt härter werden wird als im Indischen Ozean, aber bevor wir nicht um Kap Hoorn rum sind, sind wir den Naturgewalten noch ausgeliefert. Im Atlantik sind die Wettersysteme kleiner, weniger lang anhaltend. Für mich ist die Spannung bis Kap Hoorn noch ganz oben. Von dort ist es ja noch ein Monat nach Hause, da wird die Regatta wieder in einen anderen Rhythmus finden. Ich kann mir vorstellen, dass ich da wieder härter segeln werde, während ich hier unten eher defensiv bin.

Sind Sie mit den sechs Stunden Zeitgutschrift, die Sie für die Beteiligung an der Suche nach Kevin Escoffier bekommen haben, zufrieden. Ist das fair für Sie gelaufen?
Das ist okay für mich, ich habe das komplett in Wills (Harris) und Hollys (Cova) Hände gegeben. Ich wollte mich nicht ablenken lassen. Ich bin auch jeder Zeit bereit, jedem Konkurrenten zu helfen, wenn ich keine Zeitgutschrift bekomme. Die gegenseitige Hilfe hat absoluten Vorrang. Wie viele Stunden Gutschrift ich bekomme, darum wollte ich mich nicht kümmern. Ich hatte nicht mal Lust, zurück zu schauen, weil das psychisch belastend ist, es war schon der schwärzeste Moment des Rennens. Natürlich hätte ich mir schon ein bisschen mehr gewünscht, vor allem im Vergleich zu Yannick, der eine ganze Menge mehr Stunden bekommen hat (Herrmann sechs Stunden, Bestaven 8,5 Stunden). Es ist aber unwahrscheinlich, dass das nachher über einen Platz entscheidet. Wenn es so wäre, dann werde ich darüber lachen.

Was ist ihre größte Herausforderung? Was ist das nächste Ziel?
Meine größte Herausforderung ist das Alleinsein, das Management meiner eigenen Stimmung, Energie, Stärke. Es ist nicht leicht, mit dem Alleinsein umzugehen, sich nicht stressen zu lassen. Den richtigen Umgang mit dem Druck des Rennens zu finden. Der größte Gegner bin ich selbst. Die Platzierung hängt letztlich gar nicht so sehr von mir ab, wie man denkt. Man kann die Geschwindigkeit des Bootes auch nur begrenzt beeinflussen. Graduell schon, wenn man mal 5 Prozent mehr oder weniger pusht, früher ausrefft oder den Winkel zum Wind besser findet. Aber ganz viel bestimmt auch das Geschick der anderen, das Wetter, der Seegang und die Charakteristik der Schiffe. Dass Yannick Bestaven mir 500 Meilen abgenommen hat, der war ja so mein Match-Partner im Atlantik, das finde ich schon krass. Er ist hier und da schneller gesegelt, aber vor allem ist er in ein anderes Wettersystem gekommen und das multipliziert das dann, dann werden aus 40 Meilen Vorsprung 400. Aber wenn ich so meinen Stiefel weiter segele, denke ich, dass ich eine gute Chance auf die ersten fünf habe.

Wird Weihnachten ein harter Tag für Sie so allein?
Weihnachten wird eher ein guter Tag, ich habe einen Grund zu lächeln, freue mich, dass meine Familie, meine Frau und Freunde zusammen sind. Da werde ich auch ein paar Anrufe bekommen, werde mich nicht allein fühlen. Meine Einsamkeitsgefühle kommen eigentlich immer dann, wenn der Druck sehr hoch ist, man alles allein entscheiden muss.

Wie sieht das Wetter für die nächsten Tage aus?
Ich bin jetzt genau unter der Kaltfront, wenn sie mich überholt, was in den nächsten Stunden passiert, dreht es auf Südost. Dann kommen moderate Bedingungen, mein Routing für Kap Hoorn habe ich gerade gemacht. Ist natürlich alles noch ein bisschen spekulativ, alles, was über eine Woche geht zumindest. Aber bis Kap Hoorn sind es jetzt etwa 15,5 Tage, und das gibt einem Kraft. Zwei Wochen! Das ist absehbar, etwa eine Route du Rhum! Wenn ich rund Kap Hoorn bin, das wird die größte Feier während des Rennens.

Was sind Ihre kleinen Glücksmomente an Bord ?
Gelesen habe ich jetzt lange nicht mehr, habe am Anfang mal ein paar Seiten in der "Geschichte der Menschheit" gelesen, cooles Buch. Aber heute Morgen hatte ich noch einen kleinen Glücksmoment. Nach der Reparatur vorgestern war ich völlig erschöpft, weil die meinen Schlaf-Rhythmus durchbrochen hat. Und nach dem langen Tag war die Nacht dann auch noch aufregend, ich musste zwei, dreimal halsen, mich richtig positionieren, überlegen, welches Segel gesetzt werden muss. Am nächsten Morgen sitzt man dann da völlig bedröppelt da. Wenn man ein Schlaf-Defizit hat, geht das schnell auf die Emotionen und an die Substanz. Aber die letzte Nacht war dann gut, ich konnte ohne große Mühen fahren, habe recht viel geschlafen. Morgens habe ich mir dann einen Kaffee gemacht, was ich nur dann tue, wenn ich ausgeschlafen bin. Ich weiß, das klingt paradox, aber weil ich ja sonst weiß, ich bekomme dadurch weniger Schlaf, lasse ich es dann. Ich habe dazu ein bisschen Musik gehört, in dieser grauen Wüste hier ist das eine tolle Sache. Auf dem Handy hatte ich noch ein paar Sprachnachrichten, die alle abzuhören, das war ein schöner Moment.

Wie ist das mit dem Schlafen eigentlich? Wecken Sie sich wirklich alle 20, 30 Minuten oder so, oder gönnt man sich zum Regenerieren dann auch mal ein paar Stunden?

Ja, eineinhalb Stunden habe ich mir mal gegönnt, aber eigentlich versuche ich, das auf eine Stunde zu begrenzen. Und ganz oft wache ich von allein vorher auf. Ich habe einen Alarm, wenn der Wind in zehn Minuten mehr als 15 Grad dreht oder wenn der Wind mehr als drei Minuten höher oder niedriger ist als das eingestellte Windfenster für meine gewählten Segel. Oder wenn mein Speed unter 90 Prozent der Polardaten fällt – für all diese Fälle habe ich einen Alarm, der dann losgeht. Da kann man sich vorstellen, wie oft mich das weckt. Dann kommen die Wetter und Tracker-Updates oft in der Nacht. Dass man so richtig tief und länger schläft, das gibt es wahrscheinlich wieder im Atlantik in den Passatbedingungen, wo man sich darauf verlassen kann, "hier passiert jetzt nichts". Hier unten ist viel Instabilität, und man erlebt ständig große Überraschungen.

Wie kommen Sie damit zurecht, dass ständig etwas piept und Alarme losgehen? Hat man da ständig große Sorgen?

Ich gucke schon mal am Mast hoch und denke, "oh Gott, hält der?". Das ist natürlich nicht wirklich rational, wir haben das alles berechnet, aber es ist halt dieses "müsste" und dieser Glaube an Technik, der beschränkt ist. Das ist ein permanenter innerer Dialog, dieser innere Zwiespalt , wie gehe ich mit dem Schiff um, wie viel mute ich dem zu. Da bin ich seit Anfang auf der vorsichtigen Seite, der ängstlichen Seite. Und diese Angst ums Schiff sind schon die belastenden Dinge. Wenn ich da denke, wie wir da früher mit dem Class 40 um die Welt gesegelt sind – ein Schiff aus Glasfaser mit dem soliden Carbonmast, der kaum kaputtzukriegen war. Da sind wir einfach gesegelt und wenn das Schiff aus dem Ruder gelaufen ist, haben wir es eben wieder auf Kurs gekriegt. Hier ist das etwas anderes, ein bisschen Segeln auf rohen Eiern, weil mir das Rennen so viel bedeutet, ich unbedingt ins Ziel kommen will. Auch weil den anderen schon so viel passiert ist.

Wie viel bekommen Sie eigentlich von der Situation hier in Deutschland mit?
Ich bekomme von einem Freund einen Hamburg-Podcast zugeschickt, das ist eigentlich alles, was ich an News habe. Wegen der Satellitenkosten und der Firewall an Bord bekomme ich sonst nicht viel mit, ich kann keine Internetseiten öffnen oder so etwas. Das mit dem Lockdown ist natürlich krass, aber ich habe meinen Freunden den Rat meines Mental-Coaches gegeben: Alles, was man selber nicht beeinflussen kann, ausblenden aus dem eigenen Kontext.

Haben Sie eigentlich ein Weihnachtsgeschenk an Bord?
Tatsächlich habe ich eins an Bord, habe aber keines hinterlassen. Holly habe ich gebeten, eins für meine Frau zu besorgen, das ist hoffentlich auf dem Weg zu ihr. Ich stehe dieses Jahr ein bisschen in der Schuld bei meinen Lieben, aber das muss ich dann nächstes Jahr wieder wettmachen.

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