RegattaVendée Globe: Das erwartet Boris Herrmann kommende Woche

Will Harris

 · 05.12.2020

Regatta: Vendée Globe: Das erwartet Boris Herrmann kommende WocheFoto: Windy.com/W. Harris

Wetter-Analyse von Profi-Skipper Will Harris: Erst gilt es, eine biestige Kaltfront zu überstehen, dann helfen zwei Hochs, den Abstand zur Spitze zu verkürzen

Gerade mal eine Woche sind die Führenden der Vendée Globe im Südmeer unterwegs, und schon haben die Roaring Forties zahlreiche Opfer gefordert. Dies ist fürwahr kein leicht zu segelndes Revier, und es ist noch lange nicht vorbei. Wie wir sehen werden, steht der Spitzengruppe in den nächsten Tagen ein weiterer heftiger Sturm bevor.

Aber blicken wir zunächst zurück – und auf eine in mehrfacher Hinsicht beunruhigende Häufung von Ausfällen. Gleich drei Topskipper hat es in den vergangenen Tagen erwischt. Zwei davon – Samantha Davies auf "Initiatives Cœur" und Sébastien Simon auf "Arkéa Paprec" warfen Kollisionen mit nicht identifizierten schwimmenden Objekten aus dem Rennen. Kevin Escoffier verlor gar sein Boot, als er mit halsbrecherischer Geschwindigkeit wie in einem Sturzflug eine steile Welle hinabschoss und der Rumpf seiner "PRB" sprichwörtlich zerbarst.

Es mag wie ein Zufall erscheinen, dass sich alle Vorfälle etwa um die gleiche Zeit und im selben Seegebiet ereigneten. Aber es spricht einiges dafür, dass es mit den Besonderheiten der Region zu tun hatte, in der sie segelten: fast genau südlich des Kaps der Guten Hoffnung.

  Abbildung 1: Der Agulhas-Strom kann an der ostafrikanischen Küste bis zu 5 Knoten erreichen, bevor er im Südmeer in separate Wirbel aufbricht. Die Positionen von "Initiatives Cœur" und "Arkéa Paprec" zeigen, dass ihre Kollisionen genau auf der Grenzlinie der Stromwirbel lagen. "PRB" zerbrach in der Nähe, wo starke Strömung den Seegang verschlimmert  Foto: Windy.com/W. Harris
Abbildung 1: Der Agulhas-Strom kann an der ostafrikanischen Küste bis zu 5 Knoten erreichen, bevor er im Südmeer in separate Wirbel aufbricht. Die Positionen von "Initiatives Cœur" und "Arkéa Paprec" zeigen, dass ihre Kollisionen genau auf der Grenzlinie der Stromwirbel lagen. "PRB" zerbrach in der Nähe, wo starke Strömung den Seegang verschlimmert  

Dort steht eine mächtige Meeresströmung, der berüchtigte Agulhas-Strom, der aus dem Indischen Ozean stammt und sich entlang der Ostküste Afrikas nach Süden hinunterbewegt.

Wo er sich vom Kontinent löst, trifft er auf auf etwa 40 Grad südlicher Breite die vom Wind verursachten ostwärts fließenden Strömungen des Südmeers. In dieser Zone spalten sich kleinere Wirbel warmen Wassers vom Agulhas-Strom ab.

Hier sind zwei Dinge zu beachten: Erstens führt der Agulhas-Strom Treibgut mit sich, das er entlang der ostafrikanische Küste einsammelt. Die Gegenstände werden bis zur genannten Konvergenzzone bei 40 Grad südlicher Breite im Oberflächenwasser mitgeführt – genau dort segelten Sam Davies und Seb Simon, als sie ihre Kollisionen hatten.

Zweitens wirkt der südwestlich setzende Agulhas-Strom gegen die vorherrschenden Wind- und Wellenrichtungen, ostwärts ziehen. Diese gegeneinander wirkenden Kräfte führen zu einem sehr unregelmäßigen, aufgesteilten Seegang, und sie können auch die Wellenhöhe vergrößern.

Die Region ist berüchtigt für Monsterseen – im Englischen "Freak-Waves" genannt, die mindestens doppelt so hoch sind wie die mittlere Wellenhöhe. Wir warten darauf, mehr darüber zu erfahren, was genau mit Kevin Escoffiers "PRB" passiert ist; es ist durchaus wahrscheinlich, dass Bedingungen wie diese zu seiner plötzlichen Havarie beigetragen haben.

Beim Blick auf das Wetter der kommenden Tage gibt es einen interessanten Punkt in Bezug auf die Strategie – und zwar, wie vergleichsweise langsam die topplatzierten Skipper segeln.

  Abbildung 2: Das Infrarot-Satellitenbild von Sonntag 0815 UTC. Deutlich erkennt man die Kaltfront, die sich von Nordwest nach Südost erstreckt und in Richtung der Flotte zieht  Foto: Windy.com/W. Harris
Abbildung 2: Das Infrarot-Satellitenbild von Sonntag 0815 UTC. Deutlich erkennt man die Kaltfront, die sich von Nordwest nach Südost erstreckt und in Richtung der Flotte zieht  

Tatsächlich scheinen die Bedingungen zu hart zu sein fürs Foilen. Immer deutlicher wird, dass viele Segler ihr Tempo bewusst drosseln, um die Boote zu erhalten. Wir haben selten Durchschnittswerte über 20 Knoten gesehen. Dabei sind sowohl die Beschleunigungen als auch die Verzögerungen in den Wellen viel größer – die Geschwindigkeit oszilliert häufig zwischen 10 und über 30 Knoten. Einige der konventionellen Boote ohne Tragflügel, die weniger extrem beschleunigen, haben es daher geschafft, viele Meilen auf die Spitzenreiter gutzumachen, etwa Benjamin Dutreux und Damien Seguin.

Die Skipper der foilenden Imocas müssen dies berücksichtigen, wenn sie ihre Strategien für die fünfte Woche der Vendée Globe festlegen. Derzeit segeln sie nur mit etwa 80 Prozent der optimalen Geschwindigkeit, was Auswirkungen auf ihre Position und die künftige Routenwahl hat – insbesondere auch auf die Frage, ob sie es schaffen, an einem Wettersystem festzuhalten oder nicht.

Im Moment nähert sich ein starkes Tiefdruckgebiet der Flotte. Es zieht von Süden heran in nordöstlicher Richtung über das Spitzenfeld hinweg. Es ist bereits ein sehr großes und mächtiges System, und in den nächsten Tagen werden wir sehen, wie es sich entlang der damit verbundenen Kaltfront verstärkt. Entlang dieser Kaltfront entwickelt sich zudem ein sekundäres Tief, das den Kurs der Flotte kreuzt. Eine brisante Situation.

Warme Luft, die durch ein Hoch im Norden nach Süden gelenkt wird, ist der Grund dafür. Dort, wo sie auf die polare Luft des Tiefs trifft, entwickelt sich eine sehr aktive Kaltfront mit Starkwind und Sturm.

  Abbildung 3: Montag, 7. Dezember 0900 UTC. Boris Herrmanns "Seaexplorer" (dunkelgrauer Diamant) auf der Rückseite der Front, nachdem er auf Backbordbug gehalst hat. Charlie Dalin und Thomas Ruyant (gelbe und blaue Diamanten) segeln noch im Nordwestwind vor der Front auf SteuerbordbugFoto: Windy.com/W. Harris
Abbildung 3: Montag, 7. Dezember 0900 UTC. Boris Herrmanns "Seaexplorer" (dunkelgrauer Diamant) auf der Rückseite der Front, nachdem er auf Backbordbug gehalst hat. Charlie Dalin und Thomas Ruyant (gelbe und blaue Diamanten) segeln noch im Nordwestwind vor der Front auf Steuerbordbug

In den nächsten 36 Stunden müssen die Skipper abschätzen und entscheiden, wie lange sie vor der Kaltfront segeln können oder wollen, bevor sie von ihr überholt werden. Die nordwestliche Windrichtung, die vor der Front vorherrscht, ermöglicht eine direkte Ostroute – und damit die Chance, sich abzusetzen. Allerdings erfordert diese Strategie auch Vorsicht – denn eine sich verstärkende Kaltfront kann im Südpolarmeer zu äußerst schwierigen Bedingungen führen. Ein vorsichtigerer Kurs könnte sich am Ende als schneller, auf alle Fälle aber als weniger riskant erwiesen.

Boote wie "Apivia" und "LinkedOut" können bis Mittwoch theoretisch vor der Front bleiben, während die etwas weiter hinten liegenden Imocas wie Boris Herrmanns "Seaexplorer" vermutlich schon morgen früh achteraus bleiben. Es wird eine wirklich schwierige Balance sein, die zu treffen ist – zumal erst ein Drittel der Runde um die Erde geschafft ist und noch etwa 50 Tage dieses Rennens bevorstehen.

  Abbildung 4: Freitag, 11. Dezember 1500 UTC. Das Zusammenspiel zweier Hochs führt zu einer Zone mit Leichtwind, die die Führenden verlangsamt und es den dahinter liegenden Booten ermöglicht, einige Meilen aufzuholen  Foto: Windy.com/W. Harris
Abbildung 4: Freitag, 11. Dezember 1500 UTC. Das Zusammenspiel zweier Hochs führt zu einer Zone mit Leichtwind, die die Führenden verlangsamt und es den dahinter liegenden Booten ermöglicht, einige Meilen aufzuholen  

Sobald diese Front durchgezogen ist, wird der Wind abrupt auf Südost drehen und auf vernünftige 20 bis 25 Knoten abflauen. Solche Windgeschwindigkeiten sind tatsächlich viel besser, um schneller zu segeln, sodass es möglicherweise nicht das Schlimmste ist, fallen gelassen zu werden. Allerdings passt der Windwinkel nicht optimal – er wird etwas zu tief für den direkten Kurs. Wenn das Tief nach Osten abzieht, wird das Hoch im Nordwesten wetterbestimmend. Damit dreht der Wind langsam von West nach Südwesten.

Kommenden Samstag werden die Führenden wahrscheinlich schon auf Höhe Westaustraliens sein. Hier entwickelt sich möglicherweise ein schwieriger Übergang zwischen dem Hoch im Westen und einem Hoch in der Nähe von Tasmanien. Dazwischen liegt eine Zone mit schwachem Wind. Dies kann eine Chance für die nachfolgenden Skipper sein, ein paar Meilen aufzuholen, da sich die Flotte zusammenschiebt. Aktuelle Routenberechnungen sehen Boris Herrmann Ende kommender Woche nur noch 250 Seemeilen hinter Charlie Dalin. Zunächst aber gilt es, ein paar Tage mit schwierigen Bedingungen im südlichen Ozean zu meistern.

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