RegattaVendée Globe: Comeback für Louis Burton auf Kurs Point Nemo

Tatjana Pokorny

 · 20.12.2020

Regatta: Vendée Globe: Comeback für Louis Burton auf Kurs Point NemoFoto: Boris Herrmann Racing / #VG2020

Der Halsen-Slalom entlang der Eisgrenze im Südpazifik geht weiter. Boris Herrmann führt die Verfolger-Gruppe an. Ex-Spitzenreiter Burton ist wieder im Spiel

Die Erleichterung war Louis Burton anzuhören. Der Skipper aus dem bretonischen Saint-Malo hat nach aufwendiger Reparatur sein Boot wieder im Griff und ist direkt in den Angriffsmodus übergegangen. "Das war eine der härtesten Aufgaben, die ich je in meinem Leben gemacht habe! Wir haben eine neue Mastschiene, ich kann das Großsegel wieder voll setzen, und wir werden schnell zurück nach Les Sables segeln können!" Der Skipper des Bootes, das die neunte Auflage der Vendée Globe schon angeführt hatte, bevor ihn sein technisches Problem inzwischen auf Platz elf zurückgeworfen hat, kann wieder alles aus seiner "Bureau Vallée 2" herausholen. Und die ist nicht irgendeine Imoca, sondern das Siegerboot, das als "Banque Populaire VII" die achte Auflage mit Armel Le Cléac'h gewonnen und die immer noch bestehende Bestzeit von 74 Tagen, 3 Stunden, 35 Minuten und 46 Sekunden aufgestellt hatte, der die Flotte aktuell mit rund sechs Tagen Rückstand hinterhersegelt.

  Seine Reparatur gelang Louis Burton im Schutz der MacquarieinselFoto: Louis Burton / Burea Vallée 2 / #VG2020
Seine Reparatur gelang Louis Burton im Schutz der Macquarieinsel
  Nur für Schwindelfreie: Burtons Blick aus dem 28 Meter hohen Mast nach untenFoto: Louis Burton/Bureau Vallée 2 / #VG2020
Nur für Schwindelfreie: Burtons Blick aus dem 28 Meter hohen Mast nach unten
  "Bureau Vallée 2"-Skipper Louis Burton hat jetzt wieder bessere AussichtenFoto: Louis Burton / Bureau Vallée 2
"Bureau Vallée 2"-Skipper Louis Burton hat jetzt wieder bessere Aussichten

Die Wettfahrtleitung in Les Sables-d'Olonne hatte Burtons Reparaturversuchen alle paar Minuten auf dem Bildschirm verfolgt. Burton hatte drei Versuche in zwei verschiedenen Positionen benötigt, um seinen Kraftakt zu vollenden. Der erste hatte um 12.18 Uhr deutscher Zeit am Adventssonntag stattgefunden. Anschließend bewegte er sich nördlich und versuchte es gegen 3.08 Uhr noch einmal. Nach dem dritten Anlauf um 4 Uhr morgens schließlich konnte er die erfolgreiche Reparatur vermelden. Burtons Glücksgefühle darüber dürfen die Spitzenreiter durchaus als Kampfansage verstehen, auch wenn der 35-Jährige am Montagmorgen nach dem 4. Advent immerhin 938 Seemeilen auf den führenden Yannick Bestaven auf "Maître Coq IV" aufzuholen hatte.

  Die Positionen zum Ende des 43. Tages auf See am 21. Dezember um 7 Uhr morgens deutscher ZeitFoto: #VG2020
Die Positionen zum Ende des 43. Tages auf See am 21. Dezember um 7 Uhr morgens deutscher Zeit

Enger geht es zum Ende des 43. Tages auf See wieder zwischen Bestavens härtesten Verfolgern Charlie Dalin ("Apivia") und Thomas Ruyant ("LinkedOut") zu. Der Abstand zwischen den beiden Skippern, die trotz beschädigter Foils so flott unterwegs sind, wie es die Bedingungen zulassen, hat sich zuletzt auf 30 Seemeilen verringert. Dahinter führt Boris Herrmann die Verfolgergruppe an, die sich in den überraschend zahmen Bedingungen des Südpazifiks Boot für Boot erweitert, weil weitere Verfolger wie Maxime Sorel auf "V and B Mayenne" aufholen konnten.

  "Apivia"-Skipper Charlie Dalin hatte einen Tag nach dem Adventssonntag um 9 Uhr morgens knapp 140 Seemeilen Rückstand auf den führenden Yannick BestavenFoto: Boris Herrmann Racing / #VG2020
"Apivia"-Skipper Charlie Dalin hatte einen Tag nach dem Adventssonntag um 9 Uhr morgens knapp 140 Seemeilen Rückstand auf den führenden Yannick Bestaven
  "LinkedOut"-Skipper Thomas RuyantFoto: Thomas Ruyant / LinkedOut / #VG2020
"LinkedOut"-Skipper Thomas Ruyant

Im Führungstrio freute sich Thomas Ruyant kurz nach dem Bergfest und dem Genuss eines Risottos nicht ohne ironischen Unterton über seine weise Vorausplanung: "Ich fange an, froh darüber zu sein, dass ich Proviant für 80 Tage dabei habe." Genau wie Boris Herrmann und weitere Top-Skipper hat Ruyant mit seiner Verpflegung der Annahme widersprochen, dass die schnellsten Boote dieser Auflage möglicherweise sogar die 70-Tage-Grenze würden unterbieten können; aktuell sieht es nach ungewöhnlich schwierigem Kurs um die halbe Welt nicht danach aus. Die vorderen Boote segeln weiter in moderaten Winden um 13 bis 15 Knoten Point Nemo entgegen – jenem Punkt auf der Erde, der am weitesten entfernt von jeglicher menschlicher Zivilisation ist. Ärgerlich für die Top-Gruppe ist, dass sie sich auf ein Hochdruckgebiet zubewegt, das ihren Weg zunehmend blockieren dürfte.

"Es ist ein Halsen-Spiel, bei dem es um das richtige Timing und Tempo geht", beschrieb Ruyant das Szenario. "Während wir durch diesen Abschnitt gehen, versuchen wir jedes Mal, der verbotenen antarktischen Zone etwas näher zu kommen, um die ganz leichten Bereiche zu vermeiden. Es ist eher unwahrscheinlich, dass wir die meiste Zeit Wind haben werden. Wir müssen durch das Zentrum den Hochs hindurch, um wieder in mehr Druck segeln zu können. Das Hochdruckgebiet wird uns eine Weile beschäftigen. Ich hoffe, dass Yannick da vorn nicht enteilt."

Hier ein Zusammenschnitt, den die Imoca-Klasse am Nachmittag des 4. Advent in der Serie "Mit den Augen der Helden" über Boris Herrmann veröffentlicht hat

  Boris Herrmann blieb zum Ende des 43. Tages auf See dran an den SpitzenreiternFoto: Boris Herrmann Racing / #VG2020
Boris Herrmann blieb zum Ende des 43. Tages auf See dran an den Spitzenreitern

Boris Herrmann beobachtet die Situation aus seinem Blickwinkel an vierter Position. Der 39-jährige Skipper der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" sagte am frühen Montagmorgen: "Manchmal vergleiche ich meine Reise mit der meiner Frau zu Hause mit dem Baby, mit diesen kurzen Schlafphasen, wo sie alle zwei Stunden vom Baby aufgeweckt wird. Sie kann sich nie darauf verlassen, ob es ein ruhiger Abend wird, an dem sie sich einfach hinsetzen und das Baby im Schlaf beobachten kann oder das Baby alle paar Minuten weint und es zu einem Terror-Abend oder einer solchen Nacht macht. Hier draußen scheint auch nichts wirklich vorhersagbar. Mir geht mit dem großen Gennaker von 300 Quadratmetern auf meinem Foiler ein bisschen der Saft aus, während Jean Le Cam auf mich wieder aufholt. Ich habe ein bisschen was von dem gelesen, was Jérémie Beyou gesagt hat. Da stand, wie langsam dieses Rennen im Vergleich zum letzten ist. Er hat gesagt, dass es einfach nur um zehn Grad hier und da geht. Und zwei Knoten mehr oder weniger, die den Unterschied machen. Wenn ich mir heute Morgen irgend etwas wünschen dürfte, dann wäre es Wind aus zehn Grad nördlicher und drei Knoten mehr. Dann würde ich mit Rekordgeschwindigkeit entlang der Eisgrenze segeln. Stattdessen bin ich langsam und halse und habe dabei manchmal das Gefühl, nirgendwo hinzukommen."

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