Als Boris Herrmann über Nacht gerade das zweite Reff eingezogen hatte, entdeckte er das Ungemach: einen Riss im Großsegel. "Ich konnte das glücklicherweise ziemlich schnell binnen etwa einer halben Stunde reparieren, weil sich der Riss in guter Höhe gerade über dem Reff befand und ich das Großsegel nicht runternehmen musste. Drückt die Daumen: Keine Probleme mehr mit Segeln! Das ist mein Wunsch fürs neue Jahr", sagte der 39-Jährige aus Hamburg, der am Neujahrsmorgen als Fünfter im Klassement Kap Hoorn entgegenstrebte und dabei in zunehmenden Winden schnell unterwegs war.
An der Spitze der vorderen Gruppe lässt "Apivia"-Skipper Charlie Dalin auch am 1. Januar 2021 nicht locker. Bei rund 130 Seemeilen Rückstand auf den führenden Yannick Bestaven auf "Maître Coq IV" blieb Dalin mit der zuletzt schnellsten Geschwindigkeit dran. Rund 600 Seemeilen von Kap Hoorn entfernt sind beiden Skippern – gut positioniert vor der Front – 24-Stunden-Etmale von 452 und 417 Seemeilen gelungen. Da konnte nur der drittplatzierte "LinkedOut"-Skipper Thomas Ruyant mit 375 Seemeilen annähernd mithalten. Alle anderen Jäger hatten an Silvester eher mit leichten Winden zu kämpfen und konnten keine 300 Seemeilen in 24 Stunden absolvieren, bevor auch sie nun erheblich beschleunigt haben.
"Die Kontraste sind hier draußen auf dem Meer unglaublich. Von diesen ruhigen Momenten heute früh bin ich nun bei zwei Reffs und J3, also sehr kleinen Segeln, mit voller Geschwindigkeit unterwegs", berichtete Herrmann in der Nacht. Am Neujahrsmorgen gegen 9 Uhr deutscher Zeit hatte er bereits das dritte Reff eingezogen und sagte: "Jetzt bin ich mit drei Reffs und J3 und manchmal mit Bootsgeschwindigkeiten von 25 Knoten in pechschwarzer Nacht unterwegs. Der Wind ist sehr unbeständig."
Für das neue Jahr 2021 hat sich Boris Herrmannn vorgenommen, "hier an Bord mehr im Moment zu leben". Dazu hat er weitere Vorsätze gefasst: "Ich will unser Kinder-Education-Programm 'My Ocean Challenge' weiterentwickeln und versuchen, weiter etwas für den Klimaschutz zu tun." Die eigene Kap-Hoorn-Passage erwartet der erste deutsche Skipper in der Vendée Globe für den 4. Januar. Im Gegensatz zu den stürmischen Bedingungen mit Winden von mehr als 40 Knoten und sieben, acht Meter hohen Wellenbergen, mit denen die beiden Spitzenreiter bei ihrer Kap-Hoorn-Passage voraussichtlich am Samstagabend zu rechnen haben, geht Boris Herrmann für den eigenen "Gipfelsturm" am Sonntagabend oder Montagmorgen von etwas besseren Bedingungen aus: "Ich bin ja hinter dem Tief. Die stärksten Bedingungen habe ich heute Nacht. Am Kap Hoorn selbst erwarte ich Downwind um 20, 25 Knoten. Also gute Bedingungen. Ich hoffe, ich kann das Kap sehen."
Boris Herrmann begrüßt 2021 mit Victory-Zeichen und bunten Girlanden an Bord der "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco" in fröhlicher Stimmung
Für seine atlantische Zielgerade hat sich Herrmann nach der Passage einiges vorgenommen: "Da will und kann ich angreifen. Ich darf nicht anfangen, die Tage runterzuzählen. Dann wird es unheimlich lang. Ich hoffe, dass ich noch ein bisschen mehr vom Potenzial dieses Schiffes zeigen kann." Dass seine Imoca-Yacht zu diesem Zeitpunkt im Rennen laut Herrmann noch "zu 100 Prozent intakt" ist, begründet er so: "Wir haben das Schiff vier Jahre lang mit einem guten Team gut vorbereitet. Ich hatte eine Art Paranoia entwickelt, über jedes Detail zu wachen. Ich denke also, dass ein gewisser Perfektionismus zum jetzigen Zustand geführt hat."
Herrmanns Zwischenbilanz fällt bei seiner Premiere am Neujahrsmorgen vielversprechend aus: "Die Bilanz ist positiv. Ich bin aktuell Fünfter und habe eine gute Chance, auf Platz vier vorzurücken. Damien Seguin hat keinen Gennaker mehr. Ich glaube, dass er eigentlich in diesem Rennen keine große Rolle mehr spielen kann. Aber Überraschungen gibt es natürlich immer, und abgerechnet wird bekanntlich erst im Ziel. Dazu sind die wissenschaftlichen Daten, die wir sammeln, ein ganz wichtiger Baustein dieser Kampagne. Das kann uns keiner mehr nehmen."

Freie Reporterin Sport