Vendée Globe

Regatta: Vendée Globe: Boris Herrmann live von Bord

Andreas Fritsch

 · 10.12.2020

Regatta: Vendée Globe: Boris Herrmann live von BordFoto: #VG2020

Der Deutsche gab Journalisten ein Live-Interview von Bord zum Stand seines Rennens. Die Reparaturen kommen nicht voran, das fehlende Segel behindert ihn

Es ist mittlerweile eine Art Ritual geworden: freitags meldet sich der Deutsche von Bord seiner "Seaexplorer" in einer Zoom-Schalte und beantwortet Fragen von Journalisten, wie sein Rennen läuft, wie es ihm geht, was an Bord defekt ist, wie er die Konkurrenz einschätzt. Heute meldete sich ein erneut etwas müde wirkender Boris Herrmann, erzählt, dass er kaum geschlafen hat. Der Wind sei extrem böig, mal 12 Knoten, mal über 20, man müsse immer wieder eingreifen, sonst würde das Boot einfach zu schnell.

"Die Bedingungen sind immer noch schwierig, wir können mit den Foils nicht viel anfangen. In Böen wird das Schiff einfach zu schnell, meine Foils sind eingezogen!" Das sei auch einer der Gründe, warum die Non-Foiler und die alten Foiler so gut mithalten können, wie etwa Jean Le Cam. "Wir hatten bisher im Indischen Ozean kaum die Bedingungen für die neuen Foiler. Aber die kommen noch!"

  Stand des Rennens heute MittagFoto: Vendée Globe
Stand des Rennens heute Mittag

Die dringend notwendigen Reparaturen der beschädigten Hydro-Generatoren und des Reißverschlusses des J2 konnte der Deutsche noch immer nicht angehen. "Dass ich das reparieren kann, steht außer Frage, aber ich brauche dafür ein Wetterfenster mit ganz wenig Wind. Das kommt wohl doch erst in vier, fünf Tagen. Die J2 fehlt mir hier ungemein. Es ist schwer, einen Kompromiss zu finden, um gut durchzukommen."

Das Wetter ist mittlerweile eine echte Belastung für Boris Herrmann: "Ich habe die Nase von dem ganzen Gerumpel und Geschlage voll, wünsche mir mal wieder ganz normale, friedliche Bedingungen. Es ist jetzt sogar noch härter als in der Sturmfront, weil der Wind so inkonstant ist."

Er erzählt auch, dass er eine Whatsapp-Gruppe mit den anderen Teilnehmern gegründet hat und mit ihnen im regen Austausch steht. "Das bringt uns zusammen. Einer will heute aufgeben, da habe ich ihm Mut zugesprochen, einer hat Geburtstag, einer hat einen Ruderschaden. Wir reden auch mit Sam Davies, die in Kapstadt ihr Boot repariert. Das alles ist eine nette Abwechslung!"

Mittlerweile finde er auch langsam einen Rhythmus. "Ich hatte letzte Woche noch sehr mit der Einsamkeit zu kämpfen, das wird jetzt besser."

Zu dem erstaunlich engen Rennen zwischen neuen und alten Booten, Foilern und Nicht-Foilern sagt Herrmann: "Wir hatten uns das alles ein bisschen anders vorgestellt. Aber das liegt einfach daran, dass wir das Speedpotenzial unser größeren Foils bislang nicht abrufen können."

Wie er sich motiviert, welche kleineren Ziele er sich setzt, fasste er so zusammen: "Mein Ziel ist, Damien Seguin ("Groupe Apicil") zu überholen und den Abstand zu Yannick Bestaven ("Maître Coq") zu verringern. Mit dem bin ich lange zusammen gesegelt, an den will ich wieder rankommen!" Dass er derzeit Meilen auf die Spitze gutmacht, schätzt er nicht allzu hoch ein: "Die fahren etwas in die Flaute, wir kommen auf. Dann fahren die aber auch früher wieder los. Das ist eher ein Gummiband-Effekt." Zurzeit beträgt der Rückstand von Herrmann zur Spitze nur 250 Seemeilen.

Live-Eindrücke von Thomas Ruyant, die gut zeigen, wie hart das Leben an Bord derzeit ist

Was der Deutsche vor dem Mittag-Update aber noch nicht wusste: Im Mittags-Ranking war "Apivia" zum dritten Mal hintereinander sehr langsam, segelte fast acht Knoten langsamer als die Verfolger. Und Thomas Ruyants "LinkedOut" ist bereits bis auf rund 100 Meilen an "Apivia" herangefahren; Yannick Bestavens "Maître Coq", die über Nacht den dritten Platz von Louis Burton ("Bureau Vallée 2") übernahm, ist nur 128 Seemeilen zurück. Das Wetter scheint für einen so langsamen Bootsspeed, heute morgen teilweise um die 5 Knoten, jetzt um die 10, nicht allein verantwortlich zu sein. Bleibt also die Frage, ob Dalin ein technisches Problem an Bord hat, das ihn zurzeit langsam macht. Es wird spannend, wie sich das Ganze in den nächsten Positions-Updates um 15:00 und 18:00 Uhr fortsetzen wird.

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