RegattaVendée Globe: Boris Herrmann greift an der Eisgrenze an

Tatjana Pokorny

 · 18.12.2020

Regatta: Vendée Globe: Boris Herrmann greift an der Eisgrenze anFoto: Boris Herrmann /Seaexplorer - YC de Monaco/VG2020

Kurz nach dem Bergfest bei der Vendée Globe präsentiert sich der deutsche Skipper in bester Angriffslaune. Am Samstagmorgen rückte Herrmann auf Platz vier vor

Attacke! Boris Herrmann ist an die Eigrenze gegangen und hat seinen Rückstand auf den viertplatzierten Jean Le Cam mit Unterstützung einer nicht so erwarteten Front in kalten Temperaturen um fünf Grad binnen vier Stunden um mehr als 20 Seemeilen reduziert. Schon der nächste Positionsreport um 12 Uhr deutscher Zeit könnte den 39-jährigen "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco"-Skipper sogar auf Platz vier vorrücken lassen. An der Spitze des Feldes hat gleichzeitig Yannick Bestaven auf "Maître Coq IV" seinen Vorsprung vor Charlie Dalin ("Apivia") und Thomas Ruyant ("LinkedOut") sogar etwas ausbauen können. Die beiden dichtesten Verfolger Bestavens trennten am Samstagmorgen rund 100 Seemeilen. Die führenden Skipper arbeiteten sich zu Wochenend-Beginn im Halsen-Slalom an der Eisgrenze entlang.

  Sieht müde aus, ist aber gut drauf: "Apivia"-Skipper Charlie DalinFoto: Charlie Dalin/Apivia/VG 2020
Sieht müde aus, ist aber gut drauf: "Apivia"-Skipper Charlie Dalin
  Die Positionen der Führungsgruppe am frühen SamstagmorgenFoto: Vendee Globe
Die Positionen der Führungsgruppe am frühen Samstagmorgen

Am frühen Samstagmorgen berichtete Herrmann, der inzwischen wie die gesamte Spitzengruppe und ihre stärksten Verfolger den Indischen Ozean verlassen hat und in den Pazifik eingetaucht ist, von Bord:

"Ich habe hier draußen soweit einen schönen Tag. Keine Probleme. Abgesehen von zwei Sonnenschüssen aufgrund von merkwürdigem Schwell von Lee. Ich habe gerade an der Eisgrenze gehalst. Ich bin mit kleinem Gennaker und einem Reff in Winden um 28, 30 Knoten an die Eisgrenze vorgestoßen. Ich habe herausgefunden, dass der kleine Gennaker ein großartiges Segel ist, das ich bislang nicht viel genutzt habe. Die 30 Knoten waren nicht vorhergesagt. Da ist einfach wieder eine Front durchgagangen. An Bord habe ich fünf Grad an Teamperatur gewonnen, indem ich mein Cockpit in ein Gewächshaus verwandelt habe und den Vorhang der Kuchenbude nun ständig geschlossen halte. Jetzt ist es drinnen viel trockener und lebenswerter im Boot und im Cockpit. Meine Morgen, an denen Europa noch schläft, sind inzwischen zu ganzen Tagen geworden (Red.: Die Flotte bewegt sich südlich von Neuseeland). Für mich ist jetzt Abend während Europa gerade erwacht. Davon abgesehen habe ich das Gefühl, dass ich meinen Platz hier unten ein bisschen besser gefunden habe. Ich bin einfach ein bisschen mehr auf mich selbst fokussiert und lasse die Gedanken an Land und Leute los. Ich komme in der Erimitage an und akzeptiere langsam alleine zu sein. Das hat lange genug gedauert."

  "Im Krieg mit dem Wasser": "Medallia"-Skipperin Pip HareFoto: Pip Hare/Medaillia/Vendée Globe
"Im Krieg mit dem Wasser": "Medallia"-Skipperin Pip Hare

Währenddessen hatte "Medallia"-Skipperin Pip Hare mit mehr als 3150 Seemeilen Rückstand auf den Spitzenreiter als Achtzehnte noch inmitten des Indischen Ozeans zu kämpfen. Auszüge aus ihrem Bericht:

"Die letzten 48 Stunden war ich im Krieg mit dem Wasser. Und eine Weile lang hat das Wasser gewonnen. Alle Imocas sind nasse Boote und da ist 'Medallia' keine Ausnahme. Ich habe die Härten des Segelns auf einem Boot ohne Cockpit-Cover akzeptiert, denn das ist es, was ich habe. Doch in den letzten 48 Stunden habe ich mehr Wasser übers Deck kommen sehen als jemals zuvor. Ich muss extra hart arbeiten, damit mein Leben nicht zu einem feuchten Haufen ruinierter Ausrüstung verkommt. Wenn ich an Deck bin, sind die Wellen gnadenlos. Man kann ihnen nicht entkommen. Wenn ich wieder unter Deck gehe, tropfe ich als wäre ich gerade dem Meer entstiegen. Und mein Lebensraum ist klein. Ich schlafe auf Sitzsäcken auf dem Boden und arbeite auf Bodenniveau. Also ist es wirklich wichtig zu versuchen, diesen Bereich trocken zu halten. Ich weiß, dass das hier immer noch härter wird. Höhere Wellen, intensivere Phasen mit schnellem Segeln. Und ich frage mich, wie nass alles sein wird, wenn wir den Atlantik wieder erreichen."

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