Vendée Globe

Ouvertüre zur Vendée Globe: "Alle haben ein Ziel: Bloß nicht die Vendée gefährden!"

Tatjana Pokorny

 · 30.06.2020

Ouvertüre zur Vendée Globe: "Alle haben ein Ziel: Bloß nicht die Vendée gefährden!"Foto: Team Malizia

Der Startschuss zum neuen Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne fällt am 4. Juli um 15.30 Uhr. Boris Herrmann und "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" sind bereit

Nicht nur für Boris Herrmann ist das neue Solorennen Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne der erste und letzte große Test für die im November startende neunte Auflage des Einhand-Klassikers Vendée Globe. Die gesamte Flotte der gemeldeten 22 Starter will sich über die 3600 Seemeilen von Les Sables d'Olonne hinauf zum arktischen Polarkreis, wieder hinunter zu den Azoren und zurück in den Start- und Zielhafen auf die Einhand-Weltumsegelung vorbereiten und teilweise noch die letzten notwendigen Qualifikationsmeilen sammeln. Boris Herrmann hat die Vendée-Qualifikationshürden bereits genommen und kann sich bei der bevorstehenden Bewährungsprobe für Boot und Skipper ganz auf die Erprobung seiner mit neuen Foilern ausgerüsteten Imoca-Yacht konzentrieren. Er hat sie nach dem mehrmonatigen Umbau bis zum Startschuss nur sechs Tage testen können. Es waren nach langer Corona-Zwangspause für ihn die ersten Segeltage in diesem Jahr überhaupt.

  Der neue 3600 Seemeilen lange Kurs der arktischen Generalprobe für die ImocasFoto: Vendée-Arctic-Les Sables d'OLonne 2020
Der neue 3600 Seemeilen lange Kurs der arktischen Generalprobe für die Imocas

Dennoch ist der junge Vater, der die Geburt seiner Tochter Marie-Louise am 13. Juni noch in Hamburg miterlebt hat und erst einige Tage danach zu seinem Boot im bretonischen Lorient zurückkehrte, vor dem Start des Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne zuversichtlich: "Das wird ein guter Test. Für uns ist es eine spannende Generalprobe auf einer neuen Route, die wir noch nicht kennen." Andere Strecken, so sagt er, habe man tausendfach studiert. Die seien fast noch kompetitiver, weil sie nahezu ausstudiert sind. Das "Neuland" des bevorstehenden Rennens reizt den 39-jährigen Einhandskipper: "Wir fahren durch Regionen, die wir als Segler neu entdecken."

  Impression vom Testschlag mit der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" in französischen GewässernFoto: Team Malizia
Impression vom Testschlag mit der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" in französischen Gewässern

Der Hauptfokus liegt für Herrmann beim bevorstehenden Test "mehr auf Speed, Handling und Set-up, weniger auf Wetterstrategie vor Island". Im Klartext: Herrmann will und muss eins mit seinem Boot werden, es auf Herz und Nieren prüfen und in Vorbereitung auf seine Vendée-Premiere das Beste aus ihm herausholen. Die ersten Testtage in den vergangenen Wochen haben den Wahl-Hamburger bereits gut eingestimmt: "Wir haben zwei Fahrten gemacht, darunter eine mit den anderen Booten zusammen. Wir konnten gut mithalten. Das war eine positive Überraschung. Natürlich muss man noch die neue 'Gangschaltung' des Bootes beherrschen lernen. Da sind mir einige andere vielleicht noch ein wenig voraus."

  Schöne Drohnen-Impression von Boris Herrmanns Training vor der Generalprobe zur Vendée GlobeFoto: Team Malizia
Schöne Drohnen-Impression von Boris Herrmanns Training vor der Generalprobe zur Vendée Globe

Herrmann hat ab 4. Juli 3600 Seemeilen Raum und Zeit, die Idealeinstellungen seiner "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" zu erkunden. Deswegen bezeichnet er das bevorstehende Rennen auch als "sehr gutes Training". Ein Top-Resultat steht bei ihm aktuell noch nicht an Nummer eins der Zielsetzungen, auch wenn er sein Team durchaus als wettbewerbsstark einstuft. Seine Einschätzung der Favoriten: "'Apivia' wirkt am solidesten, am zweitstärksten erscheint 'Charal', und gleich danach kommt 'Linked-out'. Das ist die aktuelle Spitzengruppe, in der 'Apivia' einen kleinen Vorsprung hat." Daneben gäbe es vor Rennbeginn allerdings auch "eine ganze Reihe Fragezeichen". "L'Occitane" sei vermutlich ein schnelles Schiff, wurde aber noch nicht wirklich gesehen. Auch "Paprec" sei bislang nicht einzuschätzen.

Zum eigenen Team sagt Herrmann: "Wir können eine Rolle spielen. Wir sind im Gesamtpaket noch nicht ganz so weit wie die ersten drei. Es ist auch für uns wirklich ein Test. Ich bin bislang zufrieden mit dem Boot und fühle mich gut vorbereitet." Gelernt habe er in den vergangenen Wochen, dass man die foilenden Imocas am Wind gut wird bändigen müssen. "Die segeln jetzt bei 60 Grad am Wind mit 18 statt mit bislang 13 Knoten. Mit dem Potenzial kann man die Schiffe auch leicht zerstören." Genau das aber soll nicht passieren. "Ein Ziel eint uns alle bei diesem neuen Rennen", so der deutsche Teilnehmer, "Es gilt: bloß nicht die Vendée gefährden! Man will aber auch nicht zu soft segeln, um dann womöglich in der Vendée den ersten Bruch zu erleben. Wenn etwas kaputtgeht, dann lieber jetzt. Ich gehe also davon aus, dass die Leute teilweise auch ziemlich heiß segeln werden."

  Skipper Boris Herrmann und sein Team in FrankreichFoto: Team Malizia
Skipper Boris Herrmann und sein Team in Frankreich

Ob er vor dem Start Corona-Bedenken hat? "Ja, klar. Aber die verdrängt man einfach. Da kann man wenig machen. Ich esse nicht in Restaurants, sondern nur zu Hause. Ich schüttle keine Hände, laufe nicht permanent durch die Gegend. Sonst arbeiten wir wie immer. Wir können nur hoffen, dass niemand aus unserer Gruppe infiziert ist. Der Bluttest für uns alle steht am Freitag 24 Stunden vor dem Start an. Wenn auch nur einer das Virus in sich trägt, können wir nicht starten. Ich bin aber guter Dinge, dass alles klappt." Der Startschuss zum neuen Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne fällt am Samstag um 15.30 Uhr.

Hier geht es zu weiteren Informationen auf der Homepage der Imoca-Klassenvereinigung.

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