Die 28 Skipper und Skipperinnen müssen ordentlich einstecken bei dieser Transatlantik-Regatta. Wie sehr, kann man in ihren Gesichtern und zwischen den Zeilen ihrer Berichte lesen, die zwischen Sarkasmus, Schicksalsergebenheit und schierem Zorn changieren.
Thomas Ruyant zum Beispiel, als einer der Topfavoriten gestartet, liegt 325 Seemeilen zurück auf einem für ihn bitteren achten Platz, noch hinter dem britischen Imoca-Rookie James Harayda. “Es war heftig”, sagte Ruyant gestern. Zu sehen, wie Charlie und Boris im Norden davonziehen, während er selbst nicht auf die andere Seite des Trogs kommt, muss noch mehr schmerzen als die Strapazen der ständigen Segel- und Tempowechsel in diesem Gebiet instabiler Druckverhältnisse.
Der Chef von TR-Racing, in dessen Rennstall auch Sam Goodchild angestellt ist, sprach von einer “gesalzenen Rechnung”. Und Ruyant erwartet, dass diese Rechnung ihn und die in der südlich positionierten Gruppe mit ihm segelnden Konkurrenten noch deutlich teurer zu stehen kommen wird. Denn was vor ihnen liegt, ist weit weniger klar als die Route, die den beiden Führenden im Norden offensteht.
Nicht nur die Solisten leiden. Auch ihre Boote zeigen mehr und mehr Blessuren. Abgesehen von nicht gerade völlig unüblichen Maleschen wie gerissenen Segeln (Sam Goodchild) oder einem kompletten Blackout der Energieversorgung (Justine Mettraux), traf es Nico Lunven gestern Vormittag besonders schmerzhaft. Dem Bretonen, zweifacher Figaro-Sieger und aussichtsreich auf Platz drei liegend, brach erneut der Bugspriet seiner “Holcim – PRB”. Das Rennen ist für ihn gelaufen, weil er bis ins Ziel keinen Spi und kein Code-Segel mehr fahren kann. “Wir werden fischen müssen”, sagte er geknickt, denn er habe nicht annähernd genug Essen an Bord.
Im Vergleich zu Nico hat es Boris gut. Allerdings wirkte auch er gestern in seinem Video von Bord der “Malizia – Seaexplorer” ausgelaugt. Man vergisst ja nur zu leicht, was es auf den aktuellen Foilern bedeutet, halbwinds mit 20 Knoten und mehr über die See zu ballern.
Der 43-Jährige hat im vorderen Teil seines komplett gekapselten Cockpits extra eine Federung für den Sitz einbauen lassen, von dem aus er die Schoten bedienen und den Autopiloten einstellen kann. Doch der aus einem Mountainbike entlehnte Stoßdämpfer reichte nicht aus, um die Kompressionen ausreichend zu mindern, weshalb Boris in solchen Phasen auf eine zentral montierte Liege im achteren Crew-Quartier ausweicht, die aus Segeltuch besteht und die Wirbelsäule mehr entlastet.
Derzeit spricht viel dafür, dass sich der “Malizia”-Skipper noch deutlich weiter nach Norden verholt und eine klassische West-Ost-Route wählt. Sie würde ihm die Kreuz ersparen, die näher an der direkten Kurslinie droht und die möglicherweise Charlie Dalin auf sich nehmen wird.
Boris müsste dann bis auf 59 Grad Nord gehen, also auf Höhe der Nordspitze Schottlands, um anschließend in einem weiten Bogen wieder nach Südost zu schwenken. Das verheißt Vendée-Globe-ähnliche Bedingungen und wäre damit nicht nur eine taktische Option, sondern auch genau der Test, den sich alle Skipper dieser Regatta erhofft hatten, die als letztes großes Training vor dem Rennen um die Welt im November gilt.
Da der 43-Jährige die Qualifikation schon sicher in der Tasche hat, spielte es nicht einmal eine Rolle, wenn der Umweg am Ende länger dauern würde. Aber das ist noch nicht ausgemacht. Tatsächlich hat Boris eine reelle Chance, diese New York Vendée zu gewinnen. Drücken wir ihm alle verfügbaren Daumen!
Kommt Boris im Norden sauber ins nächste Wettersystem? Wer behauptet sich in der Süd-Gruppe am besten? All das wird heute spannend werden.

Herausgeber YACHT