New York VendéeWie weit nach Norden geht Boris Herrmann?

Jochen Rieker

 · 03.06.2024

New York Vendée: Wie weit nach Norden geht Boris Herrmann?Foto: Team Malizia/Boris Herrmann
Am Wochenende gelang dem Hamburger der Durchbruch durch den Trog, der die Spitzengruppe tagelang gebremst und gequält hatte. Nur Charlie Dalin konnte folgen, wenn auch auf einem weiter südlichen Kurs
Bald jeder Tag bringt neue Überraschungen bei der New York Vendée. Nur an der Spitze tut sich wenig. Dort liefern sich Charlie Dalin und Boris Herrmann weiterhin ein Fernduell, mehr als 200 Seemeilen voneinander entfernt. Der Rest der Favoriten dagegen hat enorm verloren und auch in den kommenden Tagen noch eine höchst komplexe Wetterlage vor dem Bug

Die 28 Skipper und Skipperinnen müssen ordentlich einstecken bei dieser Transatlantik-Regatta. Wie sehr, kann man in ihren Gesichtern und zwischen den Zeilen ihrer Berichte lesen, die zwischen Sarkasmus, Schicksalsergebenheit und schierem Zorn changieren.

Thomas Ruyant zum Beispiel, als einer der Topfavoriten gestartet, liegt 325 Seemeilen zurück auf einem für ihn bitteren achten Platz, noch hinter dem britischen Imoca-Rookie James Harayda. “Es war heftig”, sagte Ruyant gestern. Zu sehen, wie Charlie und Boris im Norden davonziehen, während er selbst nicht auf die andere Seite des Trogs kommt, muss noch mehr schmerzen als die Strapazen der ständigen Segel- und Tempowechsel in diesem Gebiet instabiler Druckverhältnisse.

Der Chef von TR-Racing, in dessen Rennstall auch Sam Goodchild angestellt ist, sprach von einer “gesalzenen Rechnung”. Und Ruyant erwartet, dass diese Rechnung ihn und die in der südlich positionierten Gruppe mit ihm segelnden Konkurrenten noch deutlich teurer zu stehen kommen wird. Denn was vor ihnen liegt, ist weit weniger klar als die Route, die den beiden Führenden im Norden offensteht.

Immer mehr Imocas zeigen Schwächen bei dieser so wechselhaften New York Vendée

Nicht nur die Solisten leiden. Auch ihre Boote zeigen mehr und mehr Blessuren. Abgesehen von nicht gerade völlig unüblichen Maleschen wie gerissenen Segeln (Sam Goodchild) oder einem kompletten Blackout der Energieversorgung (Justine Mettraux), traf es Nico Lunven gestern Vormittag besonders schmerzhaft. Dem Bretonen, zweifacher Figaro-Sieger und aussichtsreich auf Platz drei liegend, brach erneut der Bugspriet seiner “Holcim – PRB”. Das Rennen ist für ihn gelaufen, weil er bis ins Ziel keinen Spi und kein Code-Segel mehr fahren kann. “Wir werden fischen müssen”, sagte er geknickt, denn er habe nicht annähernd genug Essen an Bord.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Im Vergleich zu Nico hat es Boris gut. Allerdings wirkte auch er gestern in seinem Video von Bord der “Malizia – Seaexplorer” ausgelaugt. Man vergisst ja nur zu leicht, was es auf den aktuellen Foilern bedeutet, halbwinds mit 20 Knoten und mehr über die See zu ballern.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Der 43-Jährige hat im vorderen Teil seines komplett gekapselten Cockpits extra eine Federung für den Sitz einbauen lassen, von dem aus er die Schoten bedienen und den Autopiloten einstellen kann. Doch der aus einem Mountainbike entlehnte Stoßdämpfer reichte nicht aus, um die Kompressionen ausreichend zu mindern, weshalb Boris in solchen Phasen auf eine zentral montierte Liege im achteren Crew-Quartier ausweicht, die aus Segeltuch besteht und die Wirbelsäule mehr entlastet.

Welche Strategie sticht? Noch ist es unmöglich, das zu beurteilen. Boris Herrmann jedenfalls scheint eine klassische Nordroute zu favorisieren, während Charlie Dalin heute Vormittag wieder knapp an ihm vorbeizog im RankingFoto: Geovoile/New York Vendee TrackerWelche Strategie sticht? Noch ist es unmöglich, das zu beurteilen. Boris Herrmann jedenfalls scheint eine klassische Nordroute zu favorisieren, während Charlie Dalin heute Vormittag wieder knapp an ihm vorbeizog im Ranking

Zieht Boris Herrmann sein Solo bis in die hohen Breiten durch?

Derzeit spricht viel dafür, dass sich der “Malizia”-Skipper noch deutlich weiter nach Norden verholt und eine klassische West-Ost-Route wählt. Sie würde ihm die Kreuz ersparen, die näher an der direkten Kurslinie droht und die möglicherweise Charlie Dalin auf sich nehmen wird.

Boris müsste dann bis auf 59 Grad Nord gehen, also auf Höhe der Nordspitze Schottlands, um anschließend in einem weiten Bogen wieder nach Südost zu schwenken. Das verheißt Vendée-Globe-ähnliche Bedingungen und wäre damit nicht nur eine taktische Option, sondern auch genau der Test, den sich alle Skipper dieser Regatta erhofft hatten, die als letztes großes Training vor dem Rennen um die Welt im November gilt.

Da der 43-Jährige die Qualifikation schon sicher in der Tasche hat, spielte es nicht einmal eine Rolle, wenn der Umweg am Ende länger dauern würde. Aber das ist noch nicht ausgemacht. Tatsächlich hat Boris eine reelle Chance, diese New York Vendée zu gewinnen. Drücken wir ihm alle verfügbaren Daumen!

Kommt Boris im Norden sauber ins nächste Wettersystem? Wer behauptet sich in der Süd-Gruppe am besten? All das wird heute spannend werden.


Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta