New York VendéeTage des Donners - Jetzt kommt der Payback-Moment für Boris Herrmann

Jochen Rieker

 · 06.06.2024

Boris Herrmann nimmt seine Fans mit an Bord wie kein Zweiter. Heute schickte er ein 13-Minuten-Video aus dem kühlen Norden, wo er inzwischen Wind gefunden hat
Foto: Team Malizia/Boris Herrmann
Innenansichten von Tag 8 der New York Vendée
Für den Hamburger ist die Zeit des Zweifelns und Innehaltens vorbei. Seit heute Früh gegen 4 Uhr loggt er wieder zweistellige Speed-Werte, und das wird absehbar bis ins Ziel so bleiben. Wird es auch reichen? Manche Routings sehen ihn nach wie vor als Ersten in Les Sables d’Olonne. Aber er braucht weiterhin Nerven, Kraft, Durchhaltevermögen für etliche Halsen - und ein wenig Glück.

Das Klassement musste man heute Früh nicht so ernst nehmen. Danach liegt der Skipper der “Malizia Seaexplorer” auf Rang 11 nur 4,2 Seemeilen vor der Jüngsten im Feld, Violette Dorange auf “Devenir”. Es war eine Momentaufnahme, die schon eine Stunde später überholt war - und die im Lauf des Tages weiteren Wechseln unterworfen sein wird.

Boris kann, nachdem er jetzt in frischer Brise nördlich des Hochdruckgebiets segelt, massig Boden gutmachen, vor allem auf die zuletzt sehr schnell vorankommende Gruppe im Süden, die nach wie vor von Thomas Ruyant auf “Vulnerable” angeführt wird.

Sie hatte von nahezu perfekten Reachingbedingungen profitiert - mit Geschwindigkeiten um die 20 Knoten bei blauem Himmel und tiefblauer See, durchzogen nur von den Schaumstreifen, die ihre Foiler kurzfristig hinterlassen.

Der Stand der New York Vendée heute Früh um 08:45 UhrFoto: Geovoile / New York Vendée TrackerDer Stand der New York Vendée heute Früh um 08:45 Uhr

Heute aber geht es für die neun Skipperinnen und Skipper, die sich inzwischen in drei Untergruppen geteilt haben, südöstlich von den Azoren höher an den Wind. Am frühen Nachmittag bekommen es die ersten Vier mit dem Rand eines kleinen Tiefdruckwirbels zu tun, was definitiv kein Spaß wird. Pierre Hays, Teil der Wettfahrtleitung der New York Vendée, spricht von “boat-breaking conditions” - Bedingungen also, die zu Bruch und Ausfällen führen können.

Für die Skipper im Süden der New York Vendée ist der Geschwindigkeitsrausch bald vorbei

Vor allem werden sie den Fortschritt verlangsam. Viel mehr als 15 Knoten Speed sind auf keinen Fall mehr drin, eher weniger. Denn man darf nicht vergessen: die Imocas sind nach einer Woche mit krass oszillierenden Winden und harten Squalls müde, die Segler ebenfalls. Eine einzige Unachtsamkeit, eine besonders steile Welle - und schon kann das Rennen zu Ende sein, mindestens aber die Aussicht auf einen Podestplatz. Und es ist nicht das einzige Tief, das es zu meistern gilt. Bis Les Sables wartet am Kap Finisterre eine weitere Bewährungsprobe.

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Im Gegensatz dazu hat Charlie Dalin, der gestern Abend die 1000-Meilen-Marke passierte, zwar auch keine Spazierfahrt vor sich, aber einen weitaus weniger anspruchsvollen Kurs ins Ziel. Dort wird er frühestens am Samstagabend erwartet wird, vielleicht auch erst Sonntag.

Christian Dumard, einer der besten Wetterrouter der Welt, sieht ihn als Sieger der New York Vendée. Das zeigen seine jüngsten Berechnungen. Dalin hat zwar noch ein, zwei Tage Amwind-Bedingungen, was ihn langsamer segeln lässt als Boris im Norden. Doch dann dreht der Wind links, was den “Macif”-Skipper ebenfalls auf 20 Knoten und mehr beschleunigen wird - bei kürzerem Weg nach Les Sables d’Olonne.

Boris Herrmann muss kämpfen, will er seine Siegchance wahren

Auch Boris scheint sich schon ein wenig auf Platz 2 festzulegen, wie er in einem Video sagte. Aber er will es einstweilen weiter spannend machen und wird nichts unversucht lassen, seinen ersten großen Sieg in der Imoca-Klasse zu holen.

Will Harris, sein Co-Skipper, sah ihn gestern Vormittag noch vorn. Er hat auf Team-Malizias-YouTube-Kanal eine anschauliche Interpretation der Wetterlage und des weiteren Rennverlaufs gegeben:


Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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