Eigentlich ist es ein gnädiger Beginn, könnte man meinen: Zum Start gab es milde Temperaturen und mit 5 bis 8 Knoten Wind gerade genug Druck, um die Imocas ins Gleiten zu bringen. Es ist ein Wetter, das den Skipperinnen und Skippern Luft lässt und sie nicht wie zu Beginn der Hin-Regatta, dem Transat CIC, im Cockpit umherbeutelt. Doch fordert gerade diese Leichtwindphase enorm.
Wie sehr, zeigt die spärliche Zahl an Interviews, Videos und Fotos, die heute von Bord kamen. Denn an der Grenze zum Golfstrom ist das Wetter notorisch kapriziösen Schwankungen unterworfen, die ständige Segelwechsel und Trimmanpassungen verlangen - und die es nahezu unmöglich machen, einer Taktik zu folgen, weil man häufig gezwungen ist, das Beste aus Strom und Wind zu holen - auch wenn das bedeutet, mal eine Stunde in ungewollter Richtung zu segeln.
Boris Herrmanns bisherige Rennverlauf illustriert das Dilemma. Er rutschte nach einem starken Start zwischenzeitlich bis auf Rang 21 im Klassement ab, verbesserte sich heute am späten Nachmittag durch einen vom Wetter erzwungenen Holeschlag nach Osten rasch auf Platz 6 - und segelte in Sichtweite von seinem ehemaligen Teamkollegen Nico Lunven, dem Malizia-Navigator bei The Ocean Race, der jetzt für “PRB Holcim” am Start ist.
Auch Boris’ Geschwindigkeit oszillierte wild: In den Fronten, die teils von Blitz und Donner begleitet waren, sprang seine “Malizia - Seaexplorer” auf die Foils und flog mit mehr als 20 Knoten über den Atlantik, nur um kurz danach fast stillzustehen. Weit im Westen gestartet, wie er das mit Will Harris ausgearbeitet hatte, war er am Nachmittag plötzlich einer der am weitesten östlich positionierten Skipper.
So ein Auftakt zerrt an Kräften und Nerven. Denn die Leichtwindphasen, die ja stets nur kurz unterbrochen wurden, erfordern große Tücher, ihr Trimm viel Arbeit am Grinder. Und dabei fährt stets die Sorge mit, den nächsten Dreher, die nächste Front später zu erwischen als die Konkurrenten.
Die Lage ist nicht einfach. Wetterphänomene entstehen praktisch direkt über unseren Köpfen. Das macht es kompliziert, irgendetwas zu antizipieren.” Jérémie Beyou, “Charal”
Beyou, der zu den Topfavoriten zählt, kämpft derzeit noch mit Aussetzern in seiner Bordelektronik, die den Autopiloten beeinträchtigt. Das erklärt seinen verhaltenen Start. Aber auch Thomas Ruyant, der drei der letzten fünf Transatlantikrennen gewann, zeigte sich beeindruckt von dem Auf und Ab in der Windstärke.
“Im Moment habe ich drei Knoten Wind und segle kaum schneller als der Golfstrom, der das Boot ein wenig schüttelt”, sagte er. Am Vormittag dagegen jagte er in einer Front dahin, die sich vor ihm formiert hatte. “Sie war sehr aktiv, sehr beeindruckend, sogar ein bisschen furchteinflößend. Die Atmosphäre wirkte regelrecht apokalyptisch. Da musstest du zusehen, dass du das Boot unter Kontrolle behältst.”
Den jüngsten Modellen zufolge sollte die Wetterlotterie in Kürze vorbei sein und einer etwas ausgeprägteren Lage Platz machen, die in Folge eines Tiefausläufers westnordwestliche Winde bringt. Sie versprechen höhere Geschwindigkeiten. Aber so ganz verlässt sich hier niemand auf Prognosen. Denn dieser Bereich des Nordatlantik ist für seine Tücken bekannt. “Es ist ein Gebiet der Zyklogenese”, hatte Boris Herrmann Anfang der Woche in einem längeren Gespräch mit YACHT online erklärt. “Die Modelle kommen damit nicht so gut klar”. Boris weiß das aus eigenem Erleben, weil er in New York wochenlang auf das richtige Wetterfenster für einen Nordatlantikrekord gewartet hatte, damals noch in Giovanni Soldinis “Maserati”-Team. Er wird nicht überrascht sein über die Launen des Auftakts - genervt aber wohl schon.
Zumindest eine Handvoll Skipper hat der Leichtwind nach dem Start in die Karten gespielt: Tatsächlich waren Benjamin Dutreux, Eric Bellion, Maxime Sorel und Oliver Heer zu früh über der Linie und kassierten dafür eine Drei-Stunden-Strafe. Weil die anderen Boote nur mit zwei, drei Knoten drifteten, bereinigten Dutreux, Sorel und Bellion ihren Penalty gleich - und ohne allzu schmerzhaft nach hinten durchgereicht zu werden. Noch bleiben gut 3.100 Seemeilen, um den Patzer zu Beginn vergessen zu machen.

Herausgeber YACHT