Jochen Rieker
· 03.06.2024
Was sich heute Früh schon abzeichnete, ist inzwischen Gewissheit: Boris Herrmann bleibt seinem Kurs weit im Norden treu. Und er kommt dabei schnell voran. Zuletzt loggte er mehr als 20 Knoten über Grund. Allerdings zeigt sich das nicht im Ranking. Weil er steil nach Nordnordost hält, ist seine Geschwindigkeit bezogen auf den Kurs zum Ziel (VMC, Velocity Made good on Course) mit 8,3 Knoten nur halb so groß wie die von Charlie Dalin.
Folglich blutet der Hamburger Meilen auf seinen heißesten Wettbewerber. Heute Morgen noch knapp an Position 1 gelegen, hatte Boris am Nachmittag schon 55 Seemeilen Rückstand. Man muss es als sehr langfristige Investition sehen, die sich erst in ein paar Tagen rechnet, wenn alles glatt geht.
Wir fragten Will Harris nach seiner Einschätzung, der am Vormittag eigene Routings gemacht hat.
Will Harris: Ja, es ist wirklich sehr, sehr interessant gerade.
Was ziemlich klar ist: Boris und Charlie werden meilenweit vor dem Rest des Feldes ins Ziel kommen. Sie haben ja jetzt schon 300, 350 Seemeilen Vorsprung, und der wird sich noch vergrößern.
Das wird knapp werden. Und es ist ja noch lange hin. Im Moment sieht es so aus, als träfen die Ersten um den 9. Juni in Les Sables-d’Olonne ein. Deshalb gilt für alle Routings eine relativ hohe Unsicherheit.
Charlie hat sich offensichtlich für eine sichere Variante entschieden. Indem er in der Mitte bleibt, kann er im Prinzip die gesamte Gruppe im Süden decken. Diese Option hätte Boris auch gehabt, aber er setzt auf die Stärke seines Bootes, nämlich schnelle Raumschotskurse. Und die findet er nur oberhalb der direkten Kurslinie, nördlich des Hochdruckgebiets, das er heute Nacht oder morgen passieren wird. Das bedeutet jede Menge mehr Strecke, aber schnellere Meilen. Im Moment sieht es so aus, als brächte ihm das den Sieg. Aber es wird, wie schon gesagt, knapp.
Ja, ich glaube, er hat das genau durchdacht und setzt es jetzt konsequent um. Er weiß, dass Charlie Dalin das schnellere Boot am Wind hat. Wäre er bei ihm geblieben, wäre er womöglich allein wegen des kleinen Geschwindigkeitsdefizits an der Kreuz geschlagen worden. Stattdessen geht er ein etwas größeres Risiko, lässt “Macif” und die übrige Flotte ungedeckt und hat die Chance, die New York Vendée zu gewinnen.
Manche Berechnungen sehen die Boote im Süden gegen Ende des Rennens recht gut positioniert. Aber sie haben bis dahin noch ein paar Übergänge zu meistern. Und für Boris Strategie spricht auch einiges. Er könnte sehr schnelle Bedingungen im Norden finden. Dennoch: Auch er muss erst mal über den Kern des Hochs kommen, und wenn der sich verlagert, könnten ihm die Optionen ausgehen, während Charlie freie Wahl hat, wohin er den Cursor setzen will. Charlie könnte immer noch abfallen und ebenfalls in den Norden gehen, wenn er das will. Wir werden abwarten müssen, wie sich das Rennen weiter entwickelt.

Herausgeber YACHT