New York VendéeMalizia-Co-Skipper Will Harris über Boris Herrmanns Nord-Option

Jochen Rieker

 · 03.06.2024

New York Vendée: Malizia-Co-Skipper Will Harris über Boris Herrmanns Nord-OptionFoto: Team Malizia/Antoine Auriol
Beim Transat Jacques Vabre vorigen Herbst war er noch mit an Bord, jetzt verfolgt er den Kurs seines Teamchefs vom Homeoffice aus – und glaubt an Boris’ Siegchance
Wie weit der “Malizia – Seaexplorer”-Skipper nach Norden will, hat er heute im Verlauf des Tages gezeigt: so weit wie nötig. Anders als Charlie Dalin verfolgt Boris Herrmann eine eindeutige Strategie bei der New York Vendée, die ihn bis an den 59. Breitengrad führen könnte. Will Harris, der Boot und Skipper genau kennt, über die Chancen und Risiken der einsamen Entscheidung

Was sich heute Früh schon abzeichnete, ist inzwischen Gewissheit: Boris Herrmann bleibt seinem Kurs weit im Norden treu. Und er kommt dabei schnell voran. Zuletzt loggte er mehr als 20 Knoten über Grund. Allerdings zeigt sich das nicht im Ranking. Weil er steil nach Nordnordost hält, ist seine Geschwindigkeit bezogen auf den Kurs zum Ziel (VMC, Velocity Made good on Course) mit 8,3 Knoten nur halb so groß wie die von Charlie Dalin.

Folglich blutet der Hamburger Meilen auf seinen heißesten Wettbewerber. Heute Morgen noch knapp an Position 1 gelegen, hatte Boris am Nachmittag schon 55 Seemeilen Rückstand. Man muss es als sehr langfristige Investition sehen, die sich erst in ein paar Tagen rechnet, wenn alles glatt geht.

Schnell, aber fernab der Kurslinie: Boris Herrmann allein im Norden, wo er Mitte der Woche schnelle Raumschots-Bedingungen erwartetFoto: Geovoile/New York Vendée TrackerSchnell, aber fernab der Kurslinie: Boris Herrmann allein im Norden, wo er Mitte der Woche schnelle Raumschots-Bedingungen erwartet

Wir fragten Will Harris nach seiner Einschätzung, der am Vormittag eigene Routings gemacht hat.

Will, schwer zu lesen, dieses Rennen. Das instabile Wetter ließ anfangs keine wirklich klare Strategie zu. Jetzt gibt es im Wesentlichen zwei mögliche Routen, eine im Norden, eine im Süden, und Charlie Dalin sitzt genau dazwischen. Wie siehst du es?

Will Harris: Ja, es ist wirklich sehr, sehr interessant gerade.

Was sagen deine Berechnungen? Wer wird am Ende vorn liegen?

Was ziemlich klar ist: Boris und Charlie werden meilenweit vor dem Rest des Feldes ins Ziel kommen. Sie haben ja jetzt schon 300, 350 Seemeilen Vorsprung, und der wird sich noch vergrößern.

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Wer von den beiden hat die besseren Chancen?

Das wird knapp werden. Und es ist ja noch lange hin. Im Moment sieht es so aus, als träfen die Ersten um den 9. Juni in Les Sables-d’Olonne ein. Deshalb gilt für alle Routings eine relativ hohe Unsicherheit.

Warum der große Nord-Süd-Split zwischen Boris Herrmann und Charlie Dalin?

Charlie hat sich offensichtlich für eine sichere Variante entschieden. Indem er in der Mitte bleibt, kann er im Prinzip die gesamte Gruppe im Süden decken. Diese Option hätte Boris auch gehabt, aber er setzt auf die Stärke seines Bootes, nämlich schnelle Raumschotskurse. Und die findet er nur oberhalb der direkten Kurslinie, nördlich des Hochdruckgebiets, das er heute Nacht oder morgen passieren wird. Das bedeutet jede Menge mehr Strecke, aber schnellere Meilen. Im Moment sieht es so aus, als brächte ihm das den Sieg. Aber es wird, wie schon gesagt, knapp.

Kannst du die Entscheidung nachvollziehen?

Ja, ich glaube, er hat das genau durchdacht und setzt es jetzt konsequent um. Er weiß, dass Charlie Dalin das schnellere Boot am Wind hat. Wäre er bei ihm geblieben, wäre er womöglich allein wegen des kleinen Geschwindigkeitsdefizits an der Kreuz geschlagen worden. Stattdessen geht er ein etwas größeres Risiko, lässt “Macif” und die übrige Flotte ungedeckt und hat die Chance, die New York Vendée zu gewinnen.

Was sagen deine Routings für die übrige Flotte?

Manche Berechnungen sehen die Boote im Süden gegen Ende des Rennens recht gut positioniert. Aber sie haben bis dahin noch ein paar Übergänge zu meistern. Und für Boris Strategie spricht auch einiges. Er könnte sehr schnelle Bedingungen im Norden finden. Dennoch: Auch er muss erst mal über den Kern des Hochs kommen, und wenn der sich verlagert, könnten ihm die Optionen ausgehen, während Charlie freie Wahl hat, wohin er den Cursor setzen will. Charlie könnte immer noch abfallen und ebenfalls in den Norden gehen, wenn er das will. Wir werden abwarten müssen, wie sich das Rennen weiter entwickelt.


Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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