New York VendéeFlieg, Boris, fliiiieeeeg!

Jochen Rieker

 · 05.06.2024

Mehr als 1.000 Seemeilen Nord-Süd-Split zwischen Boris Herrmann und den Verfolgern im Süden. Die New York Vendée entwickelt sich zu einem Strategie-Thriller
Foto: Geovoile / New York Vendée Tracker
Bildgalerie und Zwischenstand an Tag 7 der New York Vendée
Malizia-Skipper Boris Herrmann braucht noch Durchhaltevermögen. Heute Früh war er Langsamster im Feld der 28 Imocas bei der New York Vendée. Aber selbst, wenn er Platz 2 verlieren sollte – bald hat auch er wieder mehr Wind

Die Fans des Hamburgers müssen stark sein. Noch mehr aber Boris selbst. Denn seit gestern hat die Verfolgergruppe im Süden mächtig aufgeholt, auch auf den Führenden Charlie Dalin. Dennoch spricht derzeit viel für einen Sieg des “Macif”-Skippers.

Jérémie Beyou, der mit “Charal” ebenfalls zu den Top-Favoriten zählt, konzedierte gestern, dass Charlie “in einer anderen Stratosphäre” segle.

Boris Herrmann und die Entdeckung der Langsamkeit

Boris dagegen übte sich in kontemplativer Isolation, die für faszinierende Bilder sorgte. In seinem Video von Bord sinniert er, in warme Klamotten gehüllt, mit Strickmütze und Norweger-Pulli, über das Licht des Nordens und das skurrile Gefühl, bei spiegelglattem Wasser noch um die 5 Knoten zu loggen – angetrieben nur von einer schwachen Höhenströmung.

Lange wird es freilich nicht so still und elegisch bleiben. Heute sollte der Wind nördlich des Hochdruck-Kerns nach und nach zulegen. Das muss er auch, damit die Nord-Route am Ende aufgeht. Immerhin sieht es so aus, als ob Boris ansonsten keine großen Hürden mehr im Weg stehen. Westlich von Irland könnte zum Wochenende der Nordnordwest durchstehen und ihn bis ins Ziel pushen, wo vorgestern noch die Gefahr eines weiteren Hochs bestand.

Den Verfolgern bei der New York Vendée steht ein hartes Amwind-Finale bevor

Auch sollte der Lauf der Gruppe im Süden, die von Thomas Ruyant angeführt wird, nicht ewig anhalten. Schon um Mitternacht mussten die Verfolger, die bis dahin um die 20 Knoten geloggt hatten, ein Leichtwindgebiet passieren, das sie auf einstellige Werte einbremste.

Das Tempo hat zwar bereits wieder angezogen und wird auch heute hoch bleiben, wenn die kleine Flottille die Azoren an Backbord lässt. Danach aber folgt eine lange und harte Amwind-Phase – dann, wenn Boris allein im Norden längst raumschots im Overdrive unterwegs sein sollte.

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Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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