New York VendéeDer Nordatlantik zeigt Härte, Sam Goodchild erleidet Mastbruch

Jochen Rieker

 · 07.06.2024

Da stand das Rigg noch. Foto von Sam Goodchilds "Vulnerable", aufgenommen von "Charal"-Skipper Jérémie Beyou gestern südöstlich der Azoren, kurz bevor der Mast von oben kam
Foto: Charal / Jérémie Beyou
Die Schlussphase der New York Vendée läuft. Hier die letzten Bilder von Bord
Während sich Boris Herrmann im Norden wieder nach vorn kämpft im Klassement der New York Vendée, werden seine Verfolger hart geprüft. Der Brite Sam Goodchild musste nach Mastbruch bereits aufgeben, und der Gruppe im Süden stehen auf ihrer Kreuz ins Ziel noch forderndere Bedingungen bevor.

Dass es kein Spaziergang würde, hatte Sam Goodchild schon vor anderthalb Tagen vorhergesagt. In einem kurzen Interview verwies er am Mittwochabend auf einen kleinen Tiefdruck-Wirbel, der südöstlich der Azoren auf das Feld der Verfolger von Charlie Dalin und Boris Herrmann treffen würde. Goodchilds Einschätzung: “Das wird, gelinde gesagt, ungemütlich werden”.

Und so kam es! Wie ruppig die modernen Foiler segeln, wenn sie bei gut 25 Knoten Wind auf einem spitzen Halbwindkurs segeln, stand Jérémie Beyou ins Gesicht geschrieben. Er wirkte ausgemergelt, aufs Höchste angespannt, als er per Smartphone filmte, wie er im Cockpit umhergeworfen wurde, als er gestern Nachmittag den Briten passierte.

Sam Goodchild muss als Erster die New York Vendée aufgeben

Goodchilds 2019er-Imoca, die ehemalige “LinkedOut” seines Teamchefs Thomas Ruyant, der nahezu gleichauf segelte, heißt inzwischen “Vulnerable”, auf Deutsch “verletzlich”. Kurz nach 17 Uhr bekam der ungewöhnliche Name, der auch auf Ruyants neuem Finot/Koch-Design steht, eine sprichwörtliche Bedeutung. Da nämlich knickte ohne Vorwarnung bei rund 16 Knoten Fahrt der Flügelmast.

Für Sam Goodchild, der wie die anderen Skipper auch die Erschöpfung dieser New York Vendée spürt, müssen die folgenden Stunden brutal gewesen sein, psychisch und physisch. Allein die Anstrengung, in gut zwei Meter Seegang Riggteile, Boot und Segel zu sichern, ist nahezu unmenschlich. Selbst mit vier Mann Crew wie bei The Ocean Race dauert es gefühlt ewig, Wanten und Stagen zu durchtrennen und Hunderte Quadratmeter Tuch einzusammeln. Wieviel Kraft und wieviel mehr Zeit muss es kosten, das allein zu bewerkstelligen?!

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In einem Video, zwei Stunden später, bedankt sich der “Vulnerable”-Skipper bei all jenen, die ihm nach der Nachricht Zuspruch aufs Handy geschickt hatten, insbesondere seinem Team. Er wirkte gefasst, doch brach ihm gegen Ende die Stimme. Dass es noch keine Bilder gibt, liegt daran, dass Sam zunächst mal Erholung brauchte. Er will ein Notrigg stellen, sobald das möglich ist, und die Azoren-Insel Santa Maria anlaufen, die er vor 24 Stunden erst passiert hatte. Immerhin ist seine Qualifikation für die Vendée Globe nicht gefährdet. Die hatte er schon kurz vorher gesichert.

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Der Stand der New York Vendée heute, Freitag, um 10:45 UhrFoto: Geovoile / New York Vendée TrackerDer Stand der New York Vendée heute, Freitag, um 10:45 Uhr

Charlie Dalin ist der Sieg bei dieser New York Vendée praktisch nicht mehr zu nehmen

Unterdessen kann Spitzenreiter Charlie Dalin sein Risiko managen. Er weiß, dass ihm von der Südgruppe keine Gefahr mehr droht; sein Vorsprung auf Jérémie Beyou betrug heute Vormittag 300 Seemeilen - bei nur noch 600 Meilen bis Les Sables d’Olonne. Dort wird er Samstagabend erwartet.

Der “Macif”-Skipper ist nur noch ein, zwei Wenden entfernt vom Zielanflug. Weil der Wind links dreht, kann er gegen Ende noch einmal an Tempo zulegen, wenn er bei halbem Wind die Stärke seines Verdier-Designs ausspielt. “Ich segle das Rennen jetzt schon länger gegen mich selbst, indem ich versuche, mein Routing zu schlagen”, sagte er in einem Interview mit den Veranstaltern.

Dennoch behält er die Konkurrenz stets im Blick, insbesondere Boris Herrmann auf Malizia - Seaexplorer”. Der werde “ziemlich harte Bedingungen” bis ins Ziel haben, glaubt Charlie Dalin. “Das wird interessant. Ich verfolge ihn genau.” Der Skipper aus Le Havre sieht Boris auf Platz 2. Nach seinen letzten Berechnungen werde er westlich von Brest sein, wenn er selbst in Les Sables d’Olonne einläuft - so nichts dazwischenkommt.

Boris Herrmann rückt vor und hat Platz 2 im Visier

Boris sieht es inzwischen ähnlich. Er rechnet mit einer Zielankunft am Sonntagnachmittag oder frühen Abend, sagte er gestern. „Ich bin optimistisch für den zweiten Platz. Nach meinen Adrena-Routen liege ich komfortabel vor der Gruppe im Süden, deshalb bin ich recht zuversichtlich, und das fühlt sich gut an. Ich bin allerdings ziemlich isoliert, und es wäre viel schöner, Boote um mich herum zu haben.

Am Anfang war es ein bisschen schwierig für mich, als ich meine Wahl treffen musste und die Wettermodelle sehr unsicher waren. Aber ich habe mich mit der Situation abgefunden, ich bin hier und mache mein Ding. Es geht mir gut. Ich habe die Möglichkeit, zu halsen, und das wird das Spiel für mich bis zum Ziel sein, mehrmals zu halsen - drei Mal, vielleicht fünf Mal oder mehr, plus ein paar Segelwechsel.”

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