Boris Herrmann“Ich liebe die aggressiven Linien”

Tatjana Pokorny

 · 25.02.2026

Bei CDK Technologies: das Bauteam und der Rumpf für die neue "Malizia 4".
Foto: Flore Hartout/Team Malizia
Boris Herrmann und Team Malizia bauen eine neue Imoca. Jetzt haben sie erstmals den Rumpf ausführlich vorgestellt. Bei der Premiere von Folge zwei der Doku-Serie “Born to Race” gaben die Protagonisten Auskunft über die Entwicklung sowie die Ziele und Hoffnungen, von denen die Entstehung von “Malizia 4” begeleitet wird.

“Schmaler, schärfer im Bugbereich und mit einer sehr viel kleineren Hauptkabine ausgestattet, vielleicht einem Viertel von dem, was wir vorher hatten.” So beschreibt Boris Herrmann den neuen Rumpf der noch im Bau befindlichen “Malizia 4”, den Team Malizia in Folge zwei der Doku-Serie “Born to Race” am Abend des 25. Februar erstmals ausführlich vorstellte und YACHT online hier bereits gezeigt hatte. Zum im Vergleich mit “Malizia – Seaexplorer” geschrumpften Raum unter Deck sagte Herrmann: “Ich glaube nicht, dass das notwendigerweise eine schlechte Sache ist. Das macht es auch ziemlich aufregend.”

Die Neue für Boris Herrmann: weniger Freibord, schmalerer Rumpf

Designer Antoine Koch sagt zu seinem Imoca-Entwurf für gleich drei Rennställe – Thomas Ruyant Racing, Team Malizia und Banque Populaire: “Der Hauptunterschied zwischen ‘Malizia 3’ und ‘Malizia 4’ besteht darin, Vielseitigkeit zu gewinnen. Insbesondere wird das Boot eine etwas tiefere Wasserlinie haben. Es wird weniger Freibord haben und einen etwas stärkeren Akzent auf die Aerodynamik legen.”

Boris Herrmann erklärt dazu: “Es gibt im Prinzip zwei Dinge, die wir beeinflussen können, wenn wir ein schnelles Boot bauen wollen. Wir können ihm mehr PS geben. Oder wir können ihm eine geringere Verdrängung geben. Dieses Mal versuchen wir beides.”

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Das übergeordnete Konzept für “Malizia 4” bestehe darin, “das wir versucht haben, ein polyvalentes Boot für glattes Wasser und mittlere Winde zu konstruieren”, sagt Vordenker Antoine Koch, der in der Imoca-Szene für so erfolgreiche Boote wie “Paprec Arkéa” und auch Thomas Ruyants Vorgängerin verantwortlich zeichnete. Mit Thomas Ruyant arbeitet Antoine Koch bereits seit 2019 zusammen.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ein Multitalent für Boris Herrmann und Team Malizia

Weiter sagte Antoine Koch: “Wir wollten auch Konkavität in einige Rumpfbereiche bringen um zu versuchen, einen sehr schmalen Rumpf zu haben, der aber ein bisschen kraftvoller ist, wenn das Boot aus dem Wasser kommt.” Boris Herrmann war beim ersten Anblick des neuen Rumpfes begeistert, sagte: “Ich liebe es, vor diesem Rumpf zu stehen und mir vorzustellen, wie das Wasser entlang dieser Linien fließt. Das ist ein bisschen wie ein inneres CFD-Modell.”

Auch konnte sich der sechsmalige Weltumsegler schon gut vorstellen, wie der neue Rumpf künftig Lift erzeugen wird. Designer Koch beschreibt im Gespräch für die Dokumentation die Arbeit im Ergonomiebereich, wobei das Team den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine an Bord viel Aufmerksamkeit gewidmet habe. Dabei sei eine “gute Position für den Steuermann” und ein “guter Zugang für die Trimmer zu den Winschen” bei gleichzeitig möglichem Blick auf die Segel vor großer Bedeutung gewesen.

Als größte Herausforderung und gleichzeitig wichtigste Priorität beim Bau einer Imoca bezeichnete Antoine Koch die Zuverlässigkeit und die Sicherheit, die an Nummer eins der entscheidenden Design-Kriterien gestanden habe. Koch wies auch auf die zunehmend wichtige Rolle von Simulatoren bei der Entwicklung von Imocas hin. “Damit haben wir wirklich ein digitales Modell vom Boot”, sagte der Franzose.

“Malizia 4”: virtuell erkundet, jetzt real im Ausbau

So, wie sich Charles Caudrelier während des Designprozesses mit 3DL-Brille im “Mockup”-Modell der neuen Gitana bewegte und besseren Input hat geben können, so haben auch Boris Herrmann, Will Harris und Team Malizia die virtuelle Realität bei der Entwicklung genutzt. “Insbesondere mit Blick auf den ergonomischen Bereich”, so Antoine Koch, “haben wir VR-Tools genutzt, waren mit den Brillen imstande, uns im Boot zu bewegen und die Ergonomie zu erkunden, herauszufinden, ob sie mit den Erwartungen der Crew korrespondiert.”

Will Harris erzählt von dieser Phase und sagt: “Das Erste, was mir auffiel, als ich in diese Art von Mockup ‘an Bord’ ging, war, wieviel kleiner alles ist, wie komprimierter.” Boris Herrmann erklärte beim Blick auf den inzwischen real gewordenen Rumpf: “Wenn man auf 3D-Modelle schaut und dann die Realität erlebt, ist immer ein großer Unterschied. Wir haben 3D-Brillen und stehen vor einem virtuellen Boot. Aber es ist trotzdem noch einmal etwas ganz anderes, das echte Boot zu sehen.”

Die neue Doku-Folge berichtet auch davon, wer hinter dem Bau von “Malizia 4” steht, die Ende Juni in Lorient vom Stapel laufen soll. Ein sechsmonatiger Design-Prozess war der Bauphase bei CDK Technologies in Frankreich vorausgegangen. Insgesamt 15 Monate währt der gesamte Entstehungsprozess, bei dem die Designarbeit ständig parallel fortgesetzt wird.

Weniger ist für die neue Imoca-Rakete mehr

Zur neuen Malizia-Imoca, mit der Boris Herrmann im Team einen Sieg im The Ocean Race 2027 und eine erfolgreiche dritte Vendée-Globe-Teilnahme 2028/2029 anpeilen will, erklären in dieser “Born to Race”-Folge mit dem Titel “Performance in Motion – Leistung in Bewegung” auch Technikdirektor Pifou Dargnies, Komposit-Abteilungsleiter Clément Caumont, Boat Captain Henry Mc Cann und der Technik-Berater Jesse Naimark-Rowse viele Details.

Was das Bauteam antreibt ist klar. “Alles, was das Boot betrifft, ist ein Rennen ums Gewicht. Wir wollen alles simpel und leicht gestalten. Und dann ist es auch ein Rennen um Platz. Davon gibt es nicht so viel, obwohl es ein 60-Fuß-Boot ist”, sagt Jesse Naimark-Rowse. Inzwischen befindet sich der Rumpf längst im Ausbau.

Boris Herrmann zeigt am Objekt, wo sich künftig was befinden, wo die Hauptwinsch und weitere Ausrüstung angeordnet sein sollen. In einer heiteren Szene zeigt der 44-Jährige auch die künftige Deckenhöhe seines Cockpits und hält sich die flache Hand vor die Stirn. Auch hier wurden Abstriche gemacht. Eine grundsätzliche Stehhöhe wie noch unter Deck der diesbezüglich sehr komfortablen Vorgägerin gibt es nicht mehr.

Die Vorzüge des kompakten Cockpits

Herrmann erklärt: “Es wird für mich nicht hoch genug sein, um in der Cockpitmitte voll aufgerichtet stehen zu können.” An den Seiten jedoch gäbe es Positionen, “wo ich perfekt stehen kann und einen guten Über- und Ausblick habe”.

Ich glaube, das kleinere Cockpit ist sicherer.” Jesse Naimark-Rowse

Naimark-Rowse weist darauf hin, dass bei Knockdowns oder anderen gefährlichen Situationen auf der vorherigen “Malizia – Seaexplorer” mehr Raum zum “Umherfliegen” gegeben habe, während das neue Boot dafür einen “weniger offenen Raum” böte. “Wenn du also Fliegen gehst, dann vielleicht nur einen oder eineinhalb Meter, bevor eine Grindersäule oder etwas anderes kommt, während es auf ‘Malizia 3’ gleich von einer auf die andere Seite ging, wenn das passierte. Das war potenziell gefährlicher.”

Die erste große Erkenntnis von Team Malizias Rumpfvorstellung ist offensichtlich: Der Leistungsgedanke hat einiges an früherem Komfort verdrängt. Das werden die kommenden Folgen von “Born to Race”, die bis zum Stapellauf einmal monatlich ausgestrahlt werden, aus weiteren Perspektiven zeigen.

Wie ihn seine Schöpfer beschreiben – der neue Rumpf für “Malizia 4” ist Thema in der zweiten Folge der Serie “Born to Race”:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta