Tatjana Pokorny
· 02.04.2018
Nach einer der schwersten und dramatischsten Etappen in der 45-jährigen Geschichte des Volvo Ocean Race ist die Entscheidung über den Sieg auf dem Königsabschnitt rund Kap Hoorn erst auf den letzten Metern ins Ziel und nach einem packenden Matchrace-Duell zwischen Bouwe Bekkings Team Brunel und Charles Caudreliers Dongfeng Race Team gefallen. Als hätte es die Stürme im Southern Ocean, das tödliche Unglück von John Fisher und den Vestas-Mastbruch nie gegeben, hatte Itajaí die beiden schnellsten Boote auf dieser Etappe mit nervenaufreibenden Leichtwind-Herausforderungen begrüßt. Konzentriert und in klassischer Verteidigungs-Taktik hat sich dabei Spitzenreiter Brunel vor der brasilianischen Küste packende Positionskämpfe mit der Dongfeng-Crew geliefert, die am Ende immer dichter aufkam. Beide VO65-Yachten parkten zwischendurch fast ein. Wenige Seemeilen vor der Ziellinie konnte Dongfeng den Rückstand sogar bis auf unter eine Seemeile drücken. Zum Überholen hat es für die "Roten" in der notorisch schwachwindigen Bucht von Itajaí aber nicht mehr gereicht. Caudrelier und sein Team kreuzten die Ziellinie schließlich 14 Minuten und 48 Sekunden nach dem "gelben Bus", wie Bekking sein Boot mitunter zu nennen pflegt.
Am Ende waren beide Skipper und ihre Crews nach 7770 (Brunel) und 7785 Seemeilen (Dongfeng) mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Denn: Bliebe es bei den aktuellen Positionen der Verfolger, die erst in den kommenden Tagen im Etappenhafen erwartet werden, dann hätte sich Team Brunel mit dem ersten Etappensieg bei dieser Edition im Zwischenklassement von Platz fünf auf Platz drei katapultiert. Das Dongfeng Race Team könnte vor dem Start in die achte Etappe ins amerikanische Newport gar zum Spitzenreiter aufsteigen, wenn das bislang führende Team Mapfre während der laufenden Etappe nicht mehr an Dee Caffaris Team Turn the Tide on Plastic vorbeikommt.
Das Ziel erreichten die beiden Teams stolz und dankbar, aber auch mit vielen Gedanken an den im Southern Ocean tödlich verunglückten Briten John Fisher. "Wir freuen uns sehr über diesen Sieg, aber unsere Herzen sind schwer", sagte achtmalige Rekordteilnehmer Bouwe Bekking nach seinem ersten Etappensieg bei dieser Edition. Sein Team vermeldete: "Wir sind extrem stolz auf den Sieg bei dieser monumentalen Etappe. Aber es ist aufgrund des tragisches Verlustes von John Fisher ein bittersüßer Sieg. Wir können ihn nicht vergessen." Auch der zweitplatzierte Skipper Charles Caudrelier sagte: "Wir treten in diesem Rennen an, um Grenzen zu verschieben. Es ist Hochleistungssport. Aber der Verlust von John Fisher ist so, so traurig."
In der Zwischenzeit hat das Team Sun Hung Kai / Scallywag eine Woche nach dem tragischen Verlust ihres Teammitglieds John Fisher die chilenische Küste erreicht. In einer Pressemitteilung des Volvo Ocean Race hieß es dazu am Dienstag, das Team habe in den vergangenen sieben Tagen einen "erbarmungslosen emotionalen und physischen Kampf gekämpft, um den Rest der Crew und den Volvo Ocean 65 sicher an Land zu bringen". Die Mannschaft will kurzfristig in Chile bleiben, um dort ein Debriefing durchzuführen und im Anschluss über künftige Pläne zu entscheiden. Inzwischen hat laut den Veranstaltern das Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Chile die Such- und Rettungsaktion "deaktiviert".

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