Die Sieger der 10. Etappe haben sich nach großem Kampf eine große Chance erarbeitet. Bouwe Bekkings Team Brunel hat das spanische Team Mapfre im dramatisch spannenden Duell um den Etappensieg auf Kurs Göteborg mit knapp zwei Minuten Vorsprung niedergerungen. Damit rücken die Holländer in der Gesamtwertung vor der letzten Etappe von Göteborg nach Den Haag sensationell auf Platz 1 vor – punktgleich mit Mapfre! Das hätte nach den ersten Etappen und der unbeständigen Vorstellung des spät in die 13. Auflage des Volvo Ocean Race durchgestarteten Teams Brunel kaum jemand für möglich gehalten.
Die versammelten Stars an Bord von Team Brunel haben mehr Zeit zur Anpassung an ihre neuen Offshore-Aufgaben gebraucht, als ihr Skipper gehofft hatte. Das hat Bouwe Bekking YACHT online im Interview erzählt. "Ich dachte, wir schaffen das schneller", so Bekking, "doch wir haben es geschafft. Und ich habe gleichzeitig unfassbar viel von ihnen gelernt." Gemeint sind mit diesem Kompliment die America's-Cup-Stars Peter Burling, Kyle Langford und auch Landsmann Carlo Huisman. Sie hatte Bekking auf Bermuda getroffen, als er dort im vergangenen Jahr während des America's Cup mit der J-Class "Lionheart" im Einsatz war und recht spontan Teile seines Teams für die eigene achte Teilnahme am Rennen um die Welt rekrutierte.
Gemeinsam mit der gesamten Brunel-Crew waren die prominenten Cup-Segler wacklig in das Volvo Ocean Race gestartet, bevor die Leistungskurve mit dem legendären Sieg auf der Southern-Ocean-Etappe von Auckland nach Itajaí in den vergangenen vier Etappen plötzlich nahezu unglaublich steil angestiegen war. "Jetzt sind wir angekommen, und ich glaube auch, dass unsere neueren Segel im Vergleich anderen Teams eine Rolle spielen", sagte Bekking. Volvo-Ocean-Race-Kommentator Conrad Colman fasste das Phänomen Brunel so zusammen: "Das ist wie Phönix aus der Asche."
Im Sieger-Interview vor Göteborg sagte der 55-jährige achtmalige Rekordteilnehmer am späten Donnerstagabend: "Wir haben als Team einen großartigen Job abgeliefert. Wir haben ein Ergebnis erzielt, das man sich besser nicht hätte erträumen können. Natürlich wollten wir die roten Boote schlagen. Dass wir die Etappe aber auch noch gewinnen, ist einfach großartig. Der Druck wird nun nicht geringer, aber wenn man das Kaliber der Leute bei uns an Bord betrachtet, dann ist es ja nicht so, dass wir keinen Druck kennen." Das war die Bekking-Kampfansage für das finale Kräftemessen.
Drei Siege und ein zweiter Platz, der ohne Flautenfalle vor Newport auch ein erster hätte sein müssen, sprechen nun vor der alles entscheidenden letzten Etappe für das gelbe Boot und seine Besatzung. "So spannend ist das Volvo Ocean Race noch nie zu Ende gegangen", hielt Kommentator und Weltumsegler Conrad Colman am späten Abend fest. Vor dem Schlussspurt ab 21. Juni von Göteborg nach Den Haag, wo Hunderttausende Fans mit ihren Landsleuten auf Brunel und AkzoNobel mitfiebern werden, liegen Team Brunel und Mapfre punktgleich mit 65 Zählern an der Spitze des Feldes. Dahinter lauert aber auch noch Charles Caudreliers Dongfeng Race Team mit 64 Punkten. Und das ist theoretisch ebenso 65 Punkte wert, denn alle sind sich einig, dass Dongfeng am Ende des Rennens das Team sein wird, das den Bonuspunkt für die schnellste gesegelte Zeit um die Welt kassieren wird. Also wird dieser Extrapunkt in den Rechenspielen vor dem finalen Showdown bereits dem Dongfeng-Konto gutgeschrieben. Damit kommt auch Dongfeng vor dem letzten und alles entscheidenden Akt auf 65 Punkte. Das Szenario ist so spannend wie einfach zu verstehen: Es gewinnt das Volvo Ocean Race 2017/2018, wer von diesen drei Teams – Brunel, Mapfre oder Dongfeng – den Zielhafen Den Haag zuerst erreicht – egal, ob vorn oder weiter hinten im Feld.
Freiwillig oder unfreiwillig: Simeon Tienponts Team AkzoNobel hat Team Brunel und auch Mapfre mit Platz drei auf Etappe 10 ein großes Geschenk gemacht. Weil die Holländer Charles Caudreliers Dongfeng Race Team in Schach halten konnten, war das im Gesamtklassement führende Team erst als vierte Mannschaft ins Ziel gekommen. Dürfte sich Tienpont dafür etwas zurückwünschen, hätte er da so eine Idee: "Der Sieg auf der letzten Etappe nach Hause nach Den Haag, der wäre es!" Zwar könnte AkzoNobel auch damit keinen Podiumsplatz in der Gesamtwertung mehr erreichen, doch eine Genugtuung wäre es für Skipper und Crew allemal.

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