Volvo Ocean RaceDas Rudel umschleicht die Berge

Lars Bolle

 · 15.10.2014

Volvo Ocean Race: Das Rudel umschleicht die BergeFoto: Brian Carlin/Team Vestas Wind/Volvo Ocean Race

Die Boote liegen weiterhin extrem eng beieinander, die Kanarischen Inseln werden im Osten passiert. Wer schafft den Sprung nach Westen?

So eng war das Volvo Ocean Race noch nie. Alle sieben Boote lagen nach fünf Segeltagen heute in den frühen Morgenstunden in Sichtweite zueinander und innerhalb von nur sechs Seemeilen. Zur Erinnerung: Vor vier Jahren waren zu diesem Zeitpunkt schon zwei von sechs Yachten ausgeschieden, und die vier verbliebenen hatten sich auf über 100 Seemeilen auseinandergezogen. "Es ist unglaublich, wie komprimiert das Feld ist", schreibt Abu Dhabis Reporter Matt Knighton. "Die Race-Veteranen sind beeindruckt."

Das Onboard-Video von Team Dongfeng zeigt, wie knapp es manchmal zwischen den Kontrahenten zugeht.

Onboard Team Dongfeng

Nach vier Tagen scheint sich nun ein Trend abzuzeichnen: Mit der Einführung der Einheitsklasse ändert sich offenbar auch der Charakter des Race. Die Taktik aller Teams glich in den ersten Tagen dem, was auch typisch für das Segeln in anderen Einheitsklassen ist, wie etwa den olympischen Disziplinen: Dort heißt ein wichtiges Gebot für die frühe Phase einer Wettfahrt, keine Extremschläge zu riskieren. Das Entfernen vom Hauptfeld kann zwar einen großen Vorsprung bringen, birgt aber auch die Gefahr eines kaum noch einzuholenden Wegverlustes. Der Alleingang vom Team SCA bei der Passage der Straße von Gibraltar war ein Beispiel für solch einen Gewinn, der Schlag von Team Vestas Wind auf den Atlantik führte dagegen zu einem herben Verlust. (Wobei das dänische Team sich zuvor auch Seegras eingefangen hatte und gestern die Antenne vom AIS verlor. Außerdem berichtet es von verschiedenen Lecks, unter anderem an einem Grinder, wodurch bereits ein Laptop unter Wasser gesetzt wurde.Und der Hydraulik-Kiel ließ sich nich mehr bis auf Anschlag heben,. Alle Schäden konnten aber repariert werden.)

Wenn das Material gleichwertig ist, wie bei strikten Einheitsklassen, ist es eine Frage des Selbstbewusstseins, eng bei den Gegnern zu bleiben, auf deren Fehler zu warten und sich selbst kleine Vorteile zu ersegeln, sei es durch überlegene Navigation oder bessere Manövertechnik. Ein Wegsegeln vom Hauptfeld bedeutet dann immer auch Glücksrittertum und ist eigentlich nur jenen vorbehalten, die hoffnungslos achteraus liegen. Das ist jedoch bei keinem Team bisher der Fall.

Doch die immer schwächer werdenden Winde vor der afrikanischen Küste haben dafür gesorgt, dass sich das Feld wieder äußerst dicht zusammengeschoben hat. Die Taktik wird momentan von einem Hochdruckgebiet über den Kanarischen Inseln bestimmt. Das Feld segelt dicht unter der afrikanischen Küste an der Inselgruppe vorbei und versucht dort, so viel wie möglich von den thermischen Winden einzufangen. Die große Herausforderung für die Navigatoren wird sein, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung nach Westen zu bestimmen, um auf dem Rücken des Passats zu reisen. (Nach Westen müssen die Boote, weil die Inselgruppe Fernando de Noronha vor der brasilianischen Küste als Wegmarke an Backbord zu lassen ist.)

  Die Rippenverletzung von Tony RaeFoto: Brian Carlin/Team Vestas Wind/Volvo Ocean Race
Die Rippenverletzung von Tony Rae

Dabei gilt es natürlich auch, in einem Stück anzukommen. Was nicht selbstverständlich scheint, mehren sich doch die Meldungen von Verletzungen. So hat der Spanier Carlos Hernández vom Team Mapfre einen Kinnhaken verpasst bekommen (von wem, wird nicht beschrieben) und wurde vom Arzt für 24 Stunden unter Deck verbannt. Amory Ross, Reporter vom Team Alvimedica, rutschte auf dem Deck aus, verrenkte sich die Schulter, kugelte sie sich aber selbst wieder ein. Wie hart diese Jungs – und Frauen – sein müssen, zeigt auch Tony Rae vom Team Vestas Wind. Er verletzte sich bereits beim Training ernsthaft an den Rippen auf seiner rechten Seite, hielt die Verletzung aber geheim. "Ich wollte nicht, dass sich meine Mutter Sorgen macht", sagt er. Sein Brustkorb wird mit Tape und Platten zusammengehalten. Sein lapidarer Kommentar dazu: "Ich mache wesentlich mehr mit meiner linken Seite als mit der rechten."

  Die Positionen heute VormittagFoto: Volvo Ocean Race
Die Positionen heute Vormittag

Beim aktuellen Positionsreport hatte sich das Feld wieder etwas auseinandergezogen. Zwischen Team Dongfeng an der Spitze und Vestas Wind als Schlusslicht lagen 14 Seemeilen.

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