The Ocean RaceWeltumsegelung in der Warteschleife – Jury entscheidet

Tatjana Pokorny

 · 20.06.2023

11th Hour Racing überführt sein repariertes Boot außerhalb der Wertung nach Genua
Foto: Amory Ross/11th Hour Racing/The Ocean Race
Mit dem fatalen Crash kurz nach dem Start zur siebten Etappe zwischen Team Guyot und 11th Hour Racing sind dem Ocean Race nicht nur Teams, sondern auch die Spannung abhandengekommen. Der Termin für die Verhandlung des US-Antrags auf Wiedergutmachung durch eine internationale Jury steht weiter aus

Die von Team Guyot kurz nach dem Start der Finaletappe in Den Haag verursachte Kollision mit den Spitzenreitern vom Team 11th Hour Racing und die Folgen daraus lähmen das Ocean Race. Ausgerechnet im mit Spannung erwarteten Showdown steckt die wichtigste Mannschaftsregatta um die Welt in der Warteschleife fest. Eine rein sportliche Entscheidung auf dem Wasser ist im Kampf um den Ocean-Race-Gesamtsieg nicht mehr möglich. Stattdessen wird eine internationale Jury darüber entscheiden, welches Team das 14. Ocean Race gewinnt.

Die Entscheidung über den Ocean-Race-Gesamtsieg fällt am grünen Tisch

Die Vorbedingungen legen nahe, wie das Ringen um den Triumph am grünen Tisch ausgehen könnte. Nach sechs Etappen und vor dem Schlussabschnitt von Den Haag nach Genua führte das US-Team 11th Hour Racing die Wertung mit zwei Zählern Vorsprung vor Team Holcim – PRB an. Die Schweizer hätten auf der Finaletappe drei Plätze besser sein müssen als die Amerikaner. Bei nur noch drei Booten im Rennen hat Team Holcim – PRB nicht einmal mehr die Möglichkeit dazu.

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Zwar hat sich Charlie Enrights Team 11th Hour Racing vier Tage nach dem Crash am 15. Juni am Montagabend mit repariertem Boot auf eigenem Kiel auf den Weg nach Genua begeben. Das jedoch außerhalb der Konkurrenz, nachdem die Amerikaner zuvor die Etappe offiziell aufgegeben und eine Blitzreparatur eingeläutet hatten. Auf diese Weise wollen sie den Zielhafen Genua rechtzeitig erreichen, um zumindest am finalen Hafenrennen am 1. Juli in Genua teilnehmen zu können. Beim Ablegen am Abend des 19. Juni ergaben erste Berechnungen den 30. Juni als mögliche Ankunftszeit von 11th Hour Racing im italienischen Finalhafen.

11th Hour Racing und auch Team Holcim – PRB betroffen

Worauf Crews, Beobachter und Fans nun schon seit fünf Tagen vergeblich warten, ist mindestens eine Terminierung für die Jury-Anhörung und Verhandlung des Antrags von 11th Hour Racing. Es geht um nicht weniger als die Wiedergutmachung der durch den Crash genommenen Chancen auf den Gesamtsieg. Mit intensivem Eigeninteresse beobachtet die Situation auch Team Holcim – PRB. Die Schweizer sind indirekt betroffen, weil sie das Rennen in der Folge der Kollision nun auch mit einem letzten Etappensieg nicht mehr sportlich auf dem Wasser gewinnen können.

Der Ausgang des Meeres-Marathons liegt allein in der Entscheidung der Jury. In einer Ocean-Race-Pressemitteilung hieß es am 19. Juni: “Das 11th Hour Racing Team hat einen Antrag auf Wiedergutmachung gestellt, ein Verfahren, das es der internationalen Jury von World Sailing für das Ocean Race ermöglicht, einem Team Punkte zuzuerkennen, wenn sie feststellt, dass das Team ohne eigenes Verschulden daran gehindert wurde, sein Potenzial auszuschöpfen.” Experten rechnen damit, dass 11th Hour am ehesten eine Wiedergutmachung in Form des Durchschnittswertes der in den vorherigen sechs Etappen erzielten Ergebnisse zugesprochen wird.

Verschiedene Rechenspiele führen zum gleichen Ergebnis im Ocean Race

Der Blick auf die Leistungen des US-Teams seit dem Startschuss des Rennens im Januar verrät diese Platzierungen: 2. (4 Punkte), 3. (3 Punkte), 3. (6 Punkte, doppelt gewertete Etappe), 1. (5 Punkte), 1. (10 Punkte, doppelt gewertete Etappe) und 1. (5 Punkte). Bezieht man ein, dass zwei Etappen doppelt gewertet wurden, und errechnet man die Durchschnittspunkte für 11th Hour Racing, käme das US-Team theoretisch auf eine Wiedergutmachung von 4,1 Punkten. Und damit in der Endabrechnung auf 37,1 Punkte. Würde das aktuell auf Etappe sieben führende Team Holcim – PRB den Schlussabschnitt gewinnen, kämen die Schweizer auf 36 Punkte. In diesem angenommenen Szenario würde 11th Hour Racing das Ocean Race gewinnen.

Auch anders gerechnet, läge am Ende einer Wiedergutmachung 11th Hour Racing vorn. Nimmt man die puren Ergebnisse (2., 3., 3., 1., 1., 1.), ergäbe sich ein Durchschnitt von 1,83 als Platzierung, die den Amerikanern als Durchschnitt der ersegelten Platzierungen zugesprochen werden könnten. Aufgerundet ergäbe das einen zweiten Platz für Etappe sieben. Auch in diesem Szenario hätte 11th Hour Racing dann in der Endabrechnung die Bugspitze vorn. Weil die Amerikaner vor der Etappe, die sie durch Verschulden eines anderen Teams nicht bestreiten konnten, mit zwei Punkten in Führung lagen, gehen Experten davon aus, dass die Tendenz der Wiedergutmachung in diese Richtung gehen wird.

“Warum nicht beide Teams zu Siegern küren?”

Basis für einen Antrag auf Wiedergutmachung und dessen Erfolg bilden die internationalen Regeln zum Wettsegeln. In Regel 62 heißt es, dass einem Boot Wiedergutmachung gewährt wird, wenn “das Ergebnis oder die Platzierung eines Bootes in einem Rennen oder einer Serie ohne eigenes Verschulden erheblich verschlechtert wurde oder werden kann”. So ist es im Fall 11th Hour Racing.

Darüber hinaus bleibt noch die Frage, wie sich Team Holcim – PRB zu diesem Fall positionieren wird, denn auch die Chancen der Schweizer wurden durch den Crash über Bande gemindert. Sie können nicht mehr auf dem Wasser um den Sieg kämpfen. Der wäre zwar nicht leicht zu erringen gewesen, denn Benjamin Schwartz und Crew hätten drei Punkte Vorsprung zum Einholen von 11th Hour Racing gebraucht. Unmöglich war das aber auch nicht. In einem Leser-Kommentar zur Berichterstattung auf yacht.de hieß es bereits salomonisch: “Warum nicht beide Teams zu Siegern küren?”

Der Ocean-Race-Dreikampf auf See leidet unter dem Warten auf die Jury-Verhandlung

Dass es so lange dauert, einen Termin für die Jury-Verhandlung anzuberaumen, dürfte mehreren Faktoren geschuldet sein. Zum einen braucht es immer etwas Zeit, bis man eine hochkarätige Gruppe internationaler Experten an einem Ort zusammenholen kann. Zum anderen aber ist sehr offensichtlich, dass die Veranstalter alles dafür tun, die laufende Etappe und das “Grande Finale” in Genua ins verdiente Rampenlicht zu rücken. Die Bemühungen sind verständlich, machen die Situation aber nicht besser.

Der Dreikampf im Ocean Race auf See zwischen Team Holcim – PRB, Team Biotherm und Boris Herrmanns Team Malizia leidet unter der lähmenden Verzögerung. Das Trio segelte am Dienstag vor der portugiesischen Küste wie an einer Perlenschnur aufgereiht hintereinander weg. Team Biotherm hatte am Dienstagmittag 18 Seemeilen Rückstand auf die Spitzenreiter von Team Holcim – PRB. Die Malizianer hatten nach zäher Flaute am Dienstagnachmittag gut 50 Seemeilen auf das führende Team aufzuholen.

Wir warten auf die Gelegenheit, sie wieder anzugreifen” (Will Harris)

“Wir hatten eine harte Zeit im Kanal, haben ein paar Meilen auf die anderen verloren, die sich weiter absetzen konnten. Jetzt warten wir auf die Gelegenheit, sie wieder anzugreifen”, sagte Malizias Co-Skipper Will Harris.

Hier geht es zum Rennreport vom 20. Juni:

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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