The Ocean RaceTeam Malizia mit Frühstart, harte Nacht voraus

Tatjana Pokorny

 · 08.06.2023

Der Moment, in dem die Crew auf "Holcim – PRB" den Spieß im Duell mit Team Malizia umdreht und die Crew auf der deutschen Yacht zum Frühstart zwingt
Foto: Sailing Energy/The Ocean Race
Das Ocean-Race-Imoca-Quintett ist vor Aarhus in die sechste Etappe nach Den Haag gestartet. Im Zeitlupenauftakt der dänischen Sommerflaute musste Boris Herrmanns Team Malizia einen Frühstart bereinigen und die Verfolgung aufnehmen. Keine 24 Stunden vor dem Kieler Fly-by stand den Imoca-Crews bei wenigen Knoten Bootsgeschwindigkeit eine nervenaufreibende Nacht durch die dänische Inselwelt bevor

Es war ein Auftakt, bei dem man fast Mitleid mit den Crews auf ihren flügellahmen Imocas bekam: In schläfriger dänischer Sommerflaute mühten sich die Imocoa-Foiler vor Aarhus über die Startlinie von Etappe sechs, als wären sie von unsichtbaren Gummibändern gehalten worden. Bei Bootsgeschwindigkeiten von ein bis drei Knoten waren die möglichst wenigen Manöver der Mannschaften wie in Superzeitlupe gut zu beobachten. So auch das Start-Duell zwischen Team Malizia und Holcim – PRB, in dem zunächst die Malizianer die besseren Karten in der Hand zu halten schienen.

Führungswechsel im Fünf-Minuten-Takt

Sie hielten auf dem Weg zur Startlinie die sichere Leeposition zu “Holcim – PRB”. Das Schweizer Team aber konnte die Überlappung kurz vor Erreichen der Startlinie aufbrechen, am Heck der “Malizia – Seaexplorer” passieren und seinerseits eine Überlappung in Lee herstellen. Damit setzte “Holcim – PRB” die Herrmann-Equipe so sehr unter Druck, dass nur noch ein Frühstart möglich war. Die Bereinigung kostete wertvolle Zeit, doch eine halbe Stunde später hatte Team Malizia bereits wieder zu Team Guyot aufgeschlossen.

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An der Spitze setzten sich zunächst die Ocean-Race-Spitzenreiter von 11th Hour Racing gut in Szene. Paul Meilhats Team Biotherm blieb aber hartnäckig dran und führte die Flotte drei Stunden nach dem Start am Donnerstagabend mit 0,08 Seemeilen Vorsprung vor dem aufholenden Team Holcim – PRB und den Amerikanern an. Wieder eine Stunde später hatte “Guyot” die Führung vor “Malizia – Seaexplorer” übernommen. So ging es mit Führungswechseln im Fünf-Minuten-Takt munter weiter. Alle fünf Boote eierten in winzigen Radien zwischen vorn und hinten umeinander herum.

Kiel bereitet sich auf den Fly-by vor

Den Ocean-Race-Teams steht eine harte Nacht bevor, denn die Winde bleiben vorerst flau. Die Gefahr, auf Kurs Kiel in einer Flautenfalle der dänischen Inselwelt hängen zu bleiben, bestand jederzeit und für jedes Team. Gleichzeitig hofften die Segler und Seglerinnen, dass sich der leichte Wind aus Nord bis Nordost möglichst zügig zu ihren Gunsten entwickelt. Am Freitagmittag soll der Wind stärker aus Osten wehen und könnte dabei noch von einer Seebrise unterstützt werden.

Während die Imocas um jeden Meter rangen, bereitete sich Kiel auf den Fly-by am Freitagnachmittag vor. Bereits am Donnerstagnachmittag wurde der Ocean Race Live Park an der Kiellinie offiziell eröffnet. Die ersten Besucher strömten bei Kaiserwetter auf die Ocean-Race-Festmeile und bekamen bei der Live-Übertragung vom Start auf der großen Bühne einen ersten Eindruck davon, was am Freitag die Förde zum Kochen bringen könnte.

Drei Ocean-Race-Pioniere zu Gast in Kiel

Zu Gast waren mit Thomas Weber, Joachim Müller-Deile und Volker Mackeprang auch drei Ocean-Race-Pioniere aus Kiel und Flensburg. Das Trio gehörte bei der Ocean-Race-Premiere – damals noch unter dem ersten Namen Whitbread Round the World Race – zur Crew der “Peter von Danzig” vom Akademischen Segler-Verein Kiel. “Im Vergleich zu den heutigen Booten waren wir damals ja wie mit der Postkutsche unterwegs”, stellte Joachim Müller-Deile lächelnd fest. Zum Thema moderne Ernährungsberatung sagte Müller-Deile: “Die hatten wir damals auch. Das waren unsere Mütter und Großmütter.”

Zwischen 15.30 und 16.30 Uhr sollen die Imocas am Freitagnachmittag auf den Tag genau 21 Jahre nach dem Ocean-Race-Triumph der “Illbruck” die Kieler Wendemarke vor dem Ufer der Kiellinie runden. Mit Blick auf die flauen Winde über Nacht steht Ocean-Race-Renndirektor Phil Lawrence und seinem Team eine möglicherweise sehr anspruchsvolle Aufgabe bevor, das Timing in etwa einzuhalten.

Mehr als 100.000 Fans in Kiel erwartet

Etappe sechs markiert mit 800 Seemeilen den kürzesten Sprint-Abschnitt bei der 14. Auflage der Weltumsegelung. “Diese Etappe wird völlig anders als das, was wir von den Offshore-Etappen bislang kennen. Wir sind der Küste näher, in Mobiltelefonabdeckung und den Gegnern näher”, hatte Boris Herrmann vor dem Start gesagt.

Am Freitag werden die Crews dann auch den Fans in Kiel ganz nahe kommen. In der “Sailing City” werden gut eine Woche vor Beginn der Kieler Woche mehr als 100.000 Fans und 1.000 Boote auf der Förde erwartet, bevor die Flotte ohne Halt ihren Kurs nach Den Haag fortsetzt.

Wird Kiel beim nächsten Ocean Race Etappenhafen?

Auf das Fest unter Segeln freute sich auch Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer, der zur Eröffnung in den Ocean Live Park kam. Dabei war erneut eine künftige Rolle Kiels als Etappenhafen im Ocean Race im Gespräch. Kämpfer sagte, das Ocean Race sei durch den Erfolg der “Illbruck” im Ocean Race 2001/2002 “Teil der Segelgeschichte von Kiel”. Und weiter: “Natürlich hat Kiel die Kieler Woche. Aber wir wollen auch sonst bei großen Regatten dabei sein.” Zu Kiels Zukunft im Ocean Race sagte Kämpfer: “Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auf die eine oder andere Weise dabei sein werden.”

Den Ball nahm Mirko Gröschner, Marketing-Direktor im Ocean-Race, gern auf. Seine Verneigung vor dem Fly-by-Hafen Kiel, wo eine Wendemarke so dicht vor dem Ufer liegt wie in keinem der aktuellen Etappenhäfen: “Man ist hier fast im Maracanã des Segelsports. So dicht unter Land – da kommt kein anderer Port heran.” Lächelnd fügte Mirko Gröschner hinzu: “Wir freuen uns dann darauf, hier in Zukunft mal länger zu bleiben.”

Komplex, fordernd, flau: die Vorschau auf Etappe 6:

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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