The Ocean RaceSanni Beucke “voller Vorfreude” auf ihre Flug-Premiere

Tatjana Pokorny

 · 24.01.2023

The Ocean Race-Special wird präsentiert von
Diese Traumaufnahme gelang Ming Hao vom Team Biotherm
Foto: Ming Hao/Team Biotherm/The Ocean Race

Einen Tag vor dem Start der zweiten Etappe im 14. The Ocean Race sind die Teams bereit für die nächste Prüfung ihrer Weltumsegelung. Während Boris Herrmann pausiert und seinen verbrühten Fuß auskuriert, bereiten sich drei deutsche Segler auf das Geduldspiel in den Doldrums, Speed-Bolzerei in den Passatwinden und die Herausforderung des St.-Helena-Hochs vor

Leichte Winde, schwere Aufgaben: Die zweite Etappe der Weltumsegelung The Ocean Race startet am 25. Januar um 19.10 Uhr deutscher Zeit vor Mindelo im Revier der Kapverden. Der 4.600 Seemeilen lange Kurs führt die fünf Teams nach Kapstadt. Während “Malizia – Seaexplorer”-Skipper Boris Herrmann mit verbrühtem linken Fuß pausieren muss, bestreitet Susann Beucke ihre Premiere im Schweizer Team Holcim –PRB. “Ich freue mich so sehr darauf, mit den Booten fliegen zu gehen. Das muss irre sein. Ich hätte gedacht, dass ich auch Angst habe, aber da ist nur Vorfreude”, sagte die 31-jährige Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele von Japan, die erst vor einem Jahr vom olympischen in den Seesegelsport wechselte.

Mit Crocs, Seestiefeln und Lakritz in die Premiere

Susann Beuckes Ocean-Race-Team Holcim – PRB hatte die erste Etappe vor Charlie Enrights US-Team 11th Hour Racing und Boris Herrmanns Team Malizia gewonnen. Damit steigt die 31-Jährige bei ihrem ersten Ocean-Race-Einsatz aufs Boot der Spitzenreiter um Skipper Kevin Escoffier. “Nur kein Druck …”, sagt sie dazu und lacht. “Natürlich haben Kevin und das Team die Messlatte mit dem ersten Etappensieg noch einmal höher gelegt, aber es ist auch ein gutes Gefühl, Teil dieses Teams zu sein.”

Die einzige deutsche Seglerin bei dieser Ocean-Race-Edition steigt mit Crocs, Seestiefeln, “herbstlicher” Hightech-Bekleidung, Lakritzbonbons und eingeschweißten Fotos von ihrer Familie auf “Holcim – PRB”. Erstmals in ihrem Leben wird sie mehrere Wochen am Stück mit dem Team an Bord sein. Tag und Nacht, bei Flaute wie auch in haarsträubenden Bedingungen. Der Einsatz bringt weitere Herausforderungen, wie Beucke erzählt: “Ich bin die Einzige an Bord, die noch kein Französisch spricht. Aber ich verstehe es und kann jederzeit nachfragen.”

Susann Beucke startet für Kevin Escoffiers Team Holcim – PRB in ihre Ocean-Race-PremiereFoto: Holcim – PRB/The Ocean Race
Susann Beucke startet für Kevin Escoffiers Team Holcim – PRB in ihre Ocean-Race-Premiere

“Bin ich jetzt bekehrt? Nicht wirklich …”

Susann Beuckes Vorgängerin Abby Ehler, die für zwei Etappen pausiert und Beucke erst nach der Königsetappe entlang der drei großen Kaps in Itajaí wieder ablöst, hatte vor ihrer vierten Teilnahme am Ocean Race Sicherheitsbedenken beim Imoca-Segeln. Kevin Escoffier konnte sie aber dennoch von einem Engagement für sein Team überzeugen.

Nach Etappe eins sagte Ehler: “Bin ich jetzt bekehrt? Ich würde nicht sagen, dass ich wirklich bekehrt bin. Aber die Geschwindigkeit und die Beschleunigung dieser Foiler sind fesselnd. Auch das Erlernen einer neuen Fähigkeit, den Computer, der das Boot steuert, zu ‘steuern’, fühlt sich an wie futuristische Technologie!”

Weiter sagte die dreimalige Weltumseglerin: “Letztendlich ist Segeln Segeln, es geht darum, ein Boot schnell zu machen und es entsprechend zu trimmen. Als Sport haben wir das Glück, so viele verschiedene Disziplinen zu haben. Jetzt gebe ich das Staffelholz erst einmal an Sanni Beucke weiter und wünsche dem Team viel Glück für die kommende Zeit und insbesondere die Monster-Etappe durchs Südmeer. Ich freue mich, in Itajaí für die Etappe nach Newport wieder einzusteigen.”

Crew-Wechsel in allen Teams – bis auf Biotherm

Auch in anderen Teams hat es Crew-Wechsel gegeben. Im Guyot Environnement – Team Europe setzen die Berliner Robert Stanjek und Phillip Kasüske ihre Ocean-Race-Premiere fort. Während sich Benjamin Dutreux wie geplant eine Etappe erholt, übernimmt Robert Stanjek dessen Skipperrolle auf “Guyot”. Sébastien Simon kommt neu ins Team. Zudem wird Annie Lush für eine Etappe von der Imoca-erfahrenen Französin Anne-Claire Le Berre ersetzt.

Anne-Claire Le Berre kommt auf Etappe zwei für Annie Lush ins Guyot Environnement – Team Europe. Die Imoca-erfahrene Französin bringt viel Ehrgeiz mit ins TeamFoto: tati
Anne-Claire Le Berre kommt auf Etappe zwei für Annie Lush ins Guyot Environnement – Team Europe. Die Imoca-erfahrene Französin bringt viel Ehrgeiz mit ins Team
Phillip Kasüske ist bei seiner Ocean-Race-Premiere das “Powerhouse” im Guyot Environnement – Team EuropeFoto: tati
Phillip Kasüske ist bei seiner Ocean-Race-Premiere das “Powerhouse” im Guyot Environnement – Team Europe

Boris Herrmanns Skipperrolle an Bord von “Seaexplorer – Malizia” übernimmt der Brite Will Harris. Die durch Herrmanns Verletzung offene vierte Position an Bord wird der erfahrene Franzose Yann Eliès mit viel Gefühl fürs Boot, guten Ideen und Seniorität füllen. Im Team 11th Hour Racing pausiert Francesca Clapcich. Für sie kommt die Schweizer Route-du-Rhum-Senkrechtstarterin Justine Mettraux ins Team. Allein Paul Meilhats Team Biotherm setzt das Ocean Race vorerst ohne Crew-Wechsel fort.

Etappe zwei: Hitzeschlacht und Flautenprüfungen, Passat-Vergnügen und Speed-Bolzerei

Die Prüfungen auf Etappe zwei werden andere sein, als die zuerst brutal stürmische und dann genussvoll schnelle erste Etappe serviert hatte. Ab 25. Januar geht es darum, in den voraussichtlich zunächst ungewöhnlich leichten Winden schnellstmöglich durch den Kalmengürtel mit seinen Flautenlöchern rund um den Äquator zu kommen. Erst dann werden sich die Imoca-Yachten in den Passatwinden nach Süden über längere Phasen auf ihre Foils erheben, Kapstadt entgegenfliegen und womöglich neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellen.

Im weiteren Verlauf lauert noch das notorisch flaue St.-Helena-Hoch. Im Finale vor Kapstadt gilt es, nicht im Windschatten des gewaltigen Tafelbergs stecken zu bleiben. Phillip Kasüske erklärt: “Mit Riesenstürmen ist eher nicht zu rechnen. Die Frage ist: Wer kommt am schnellsten durch die Doldrums? Findet jemand dort ein Tiefdruckgebiet, auf das er aufspringen kann, ist er schnell weg.”

Rosalin Kuiper: “Wir haben gezeigt, dass wir fighten können”

Team Malizia startet auch ohne Boris Herrmann optimistisch in die zweite Etappe. Der verletzte Skipper zog am Tag vor dem Start ohne ihn noch einmal Bilanz: “Die erste Etappe hatte zwei Phasen. Bei Gibraltar hatte sogar unser stets gut gelaunter An-Bord-Reporter Antoine Auriol gesagt, sein Spaßbarometer sei bei null angekommen. Natürlich macht es keinen Spaß, zwei Tage lang in Winden um bis zu 55 Knoten zu segeln. In der zweiten Phase waren wir dann sehr schnell, haben über zwei Tage 70 Seemeilen auf 11th Hour Racing aufgeholt. Hätte die Etappe noch etwas länger gedauert, wäre es noch einmal sehr spannend geworden. Wir sind mit diesem Hochgefühl ins Ziel gegangen.”

Herrmann nahm auch noch einmal auf das Segeln seiner Crew mit etwas angezogener Handbremse in der stürmischen Auftaktphase der ersten Etappe Bezug, als “Holcim – PRB” und “11th Hour Racing” dem deutschen Boot davonfuhren. “Zwei Wettbewerber haben aber auch im Gegensatz zu uns ihre Segel erheblich kaputtgemacht. Auf einem Boot brach die J3. Segellatten sind gebrochen und einiges mehr. Ich bereue nicht, wie wir gesegelt sind.” Die etwas konservativere Langzeitstrategie könnte sich ebenso auszahlen wie der volle Bug der “Malizia – Seaexplorer”, um den sie inzwischen zunehmend beneidet werden.

Will Harris, Team Malizias Neu-Skipper für Etappe zwei, stellte vor seiner Premiere klar: “Wir sind sehr glücklich mit dem Boot, das wir haben.” Rosalin Kuiper blickte voraus und sagte: “Ich denke, es liegt eine große Etappe vor uns. Es wird viel passieren. Ich kenne bislang nur die Storys, war selbst noch nie da unten, bin aber bereit. Unser Team ist bereit. Unsere sehr gute Crew-Arbeit während der ersten Etappe hat gezeigt, dass wir fighten können. Das wollen wir auf Etappe zwei fortsetzen.”

Einen interessanten Rückblick auf die Vorbereitungen für das 14. The Ocean Race zeigt Teil eins der jetzt veröffentlichten neuen Dokumentationsserie “Malizians”: