Tatjana Pokorny
· 13.06.2023
Charlie Enright hat es nach dem Hafenrennen in Den Haag gut auf den Punkt gebracht: “Das war eine In-Port-Version der Etappe, die wir gerade beendet haben – mit Vollgas! Es war wirklich intensiv und windig. Alle Boote haben um ihre Positionen gekämpft. Der Start erfolgte in 20 Knoten Wind. An den Marken 1 und 2 hatten wir dann 25 Knoten.”
Die frischen Sommerwinde nutzte am besten das französisch-deutsche Team Guyot. Die Crew um Skipper Benjamin Dutreux ging mit tollem Timing und Höchstgeschwindigkeit auf den Foils über die Startlinie und konnte schon kurz nach dem Startschuss erst an Team Holcim – PRB und dann an 11th Hour Racing Team vorbeiziehen. Die Imocas ließen ihre Muskeln spielen und rasten über den Kurs, lieferten sich sehenswerte Positionskämpfe. An Marke eins verteidigte die “Guyot”-Crew ihre Führung bei Innenposition knapp, aber erfolgreich vor den Amerikanern.
Dicht dahinter folgte Team Malizia. Mit einer frühen Wende kamen Boris Herrmann, Will Harris, Nico Lunven und Rosie Kuiper als gefeierter Darling der niederländischen Fans an 11th Hour Racing Team vorbei. Zeitgleich baute Team Guyot seinen Vorsprung auf Runde eins des Hafenrennens weiter aus. Kurz vor Beginn der zweiten Kursrunde konnte 11th Hour Racing den zweiten Rang von Team Malizia zurückerobern. “Wir haben eine kleine Lücke gelassen, und sie haben sich reingequetscht”, erzählte Boris Herrmann später.
Im hinteren Teil der Flotte lieferten sich Paul Meilhats Team Biotherm und das Team Holcim – PRB ein aktives Duell, in dem am Ende die Schweizer unterlagen, die bei diesem Ocean Race zwar noch um den Gesamtsieg kämpfen, in den Hafenrennen aber erstaunlich selten glänzen konnten.
In der zweiten, aufgrund des starken Windes etwas verlängerten Runde, begann Team Biotherm, die Crew auf “Malizia – Seaexplorer” zu attackieren. Die Franzosen setzten das Herrmann-Quartett unter Druck, doch die Malizianer hielten stand und verteidigten ihren dritten Rang. Ben Dutreux, Sébastien Simon, Phillip Kasüske und Annie Lush erreichten die Ziellinie nach fehlerfreier Gala in schwierigen Bedingungen als Erste. Es mag “nur” ein Hafenrennen gewesen sein, doch für Team Guyot bedeutete dieser erste Sieg sehr viel mehr.
“Es ist schön, so schön”, entfuhr es Benjamin Dutreux nach dem Erfolg, über den sich die ganze Ocean-Race-Familie und viele Fans freuten. Es ist der Lohn für die Stehauf-Crew dieser 14. Ocean-Race-Edition im 50. Jubiläumsjahr des Rennens. Weiter sagte Ben Dutreux: “Das war toller Teamgeist. Es ging heute vor allem darum, hart zu pushen und sich zu konzentrieren. Ich bin glücklich, diesen Sieg für das ganze Team zu haben.”
Es ist gut zu wissen, dass wir immer noch schneller sein können als sie …” (Annie Lush)
“Wir sind sehr ruhig und sehr sauber gefahren”, zog “Guyot”-Seglerin Annie Lush Bilanz. “Es ist wirklich schön, einen Sieg zu holen. Wir wissen, dass die anderen hart arbeiten, da diese Ergebnisse für einige der Teams wirklich wichtig sind. Daher ist es gut zu wissen, dass wir immer noch schneller sein können als sie.”
Es war ein Hafenrennen mit hohem Segel- und Fan-Genussfaktor. “Es hat wirklich Spaß gemacht”, sagte “Malizia – Seaexplorer”-Skipper Boris Herrmann. Co-Skipper Will Harris stimmte ein: “Das war definitiv eines der spaßigsten In-Port-Rennen, die ich bislang gesegelt habe. Es war so intensiv und ging so eng zu. Es war ein wirklich guter Kampf zwischen allen Booten. Diese Boote machen einfach so viel Spaß. Und wir sind so glücklich, dass ‘Guyot’ das Rennen gewonnen hat. Was für ein Comeback nach all den Problemen, die sie durchgemacht haben! Ich konnte das Lächeln in ihren Gesichtern sehen, nachdem sie ein so hartes Rennen hinter sich gebracht hatten. Das ist wirklich ein wunderbarer Moment.”
Für den Fall einer Punktgleichheit am Ende der sieben Etappen im Ocean Race hat sich 11th Hour Racing in der Wertung der Hafenrennen mit Rang zwei in Den Haag und als souveräne Spitzenreiterin nach sechs von sieben In-Port-Rennen in eine komfortable Position gebracht.
Charlie Enright und seine Crew bauten ihre Führung bei insgesamt 24 Punkten weiter aus. Es folgt im Klassement der In-Port Races Team Malizia mit 21 Zählern vor Team Biotherm (16 Punkte), Team Holcim – PRB (15 Punkte) und Team Guyot, das trotz zweier verpasster Hafenrennen auf bislang zehn Punkte kam. Die Leistungen in den In-Port-Rennen fließen zwar nicht direkt in die Ocean-Race-Gesamtwertung ein, wirken aber als Tiebreaker, wenn nach sieben Etappen zwei oder mehr Teams punktgleich sein sollten.
Ein Beispiel: Sollte es Team Malizia gelingen, die siebte und letzte Etappe nach Genua zu gewinnen, kämen Boris Herrmann und seine Crew im Ocean-Race-Abschlussklassement auf 32 Punkte. Würde gleichzeitig Team Holcim – PRB nur Platz fünf belegen, kämen auch die Schweizer in der Endabrechnung auf 32 Punkte. In dem Fall hätte in der Ocean-Race-Endabrechnung “Malizia – Seaexploer” die Bugspitze vorn, weil “Holcim – PRB” das deutsche Boot in der Wertung der Hafenrennen nicht mehr einholen kann.

Freie Reporterin Sport