The Ocean RaceDie Frauen rücken vor

Tatjana Pokorny

 · 11.01.2023

The Ocean Race-Special wird präsentiert von
Die Heldin der vergangenen Ausgabe: Carolijn Brouwer. Die Holländerin siegte an der Seite von Charles Caudrelier mit Dongfeng. Diesmal ist sie allerdings nicht dabei – zwar war sie an einer VO65-Kampagne beteiligt, diese scheiterte jedoch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten
Foto: Pedro Martinez/Volvo Ocean Race
The Ocean Race: Diese Frauen sind dabei

Die Regeln sind klar: Die Imocas werden im Ocean Race von vierköpfigen Crews mit mindestens einer Frau gesegelt. Das Verhältnis 1:3 stärkt den Einfluss der Seglerinnen. Mit Susann Beucke steht eine deutsche Senkrechtstarterin vor ihrer Premiere

Die Bilder vom ersten weiblichen Ocean-Race-Sieg sind noch in lebendiger Erinnerung: Carolijn Brouwer war 2018 das Gesicht des historischen Erfolgs. Die Holländerin siegte an der Seite von Charles Caudrelier mit Dongfeng im 13. Rennen um die Welt. Ihre Jubelfotos mit der im Konfettiregen hochgereckten Trophäe gingen um die Welt. In Brouwers großem Schatten gab es damals mit der Französin Marie Riou und der Schweizerin Justine Mettraux zwei weitere Siegerinnen im Dongfeng-Team, der die gleiche Pionierleistung gelang.

Verlagssonderveröffentlichung
Justine ist eine herausragende Seglerin. Niemand arbeitet härter als sie“

- Charlie Enright

Justine Mettraux feiert jetzt ihr Comeback. Gerade noch hat die 36-Jährige bei ihrer Solo-Premiere als Siebte bei der Route du Rhum, beste Imoca-Skipperin und beste Nicht-Französin beeindruckt. Das und zwei absolvierte Ocean Races machen sie zum Maß der Dinge unter den zehn Seglerinnen im 14. The Ocean Race. 2014/2015 war die gelernte Mehrrumpf-Spezialistin vom Genfer See mit dem Frauen-Team SCA als Sechste im Ocean Race durchgestartet. Im Ocean Race Europe segelte sie 2021 mit dem 11th Hour Racing Team um Skipper Charlie Enright auf Platz zwei.

„Sie ist eine herausragende Seglerin. Niemand arbeitet härter als sie“, sagt Enright über seine Eidgenossin. Im Team unter US-Flagge wechselt sich Mettraux im Ocean Race ab 15. Januar mit der zwei Jahre jüngeren Sportwissenschaftlerin Francesca Clapcich ab. Die 49er-FX-Weltmeisterin und Olympia-Fünfte kommt mit enormer Olympia-Erfahrung. Mit Ikone Dee Caffari hat die Italienerin ihre Ocean-Race-Premiere auf „Turn the Tide on Plastic“ absolviert. Mit der Kombination Mettraux/Clapcich hat Enright zwei begehrte athletische Power-Frauen verpflichtet, die genau wissen, was sie tun.

Boris Herrmann setzt auf Team-Player mit Zusatzqualifikation

Die vier gegnerischen Teams haben ihre eigenen Konzepte für ihre vierte Kraft an Bord. Manche ähneln dem US-Mix, andere wie das von Team Malizia unterscheiden sich erheblich. Boris Herrmann setzt auf zwei Ocean-Race-Novizinnen, sagt: „Ich habe sie danach ausgewählt, dass sie nicht nur die besten Frauen fürs Rennen, sondern auch die besten Team-Mitglieder sind. Es war ein Einstellungskriterium, dass sie über das Rennen hinaus feste Rollen in unserem Rennstall übernehmen. So, wie Will in der Perfromance-Analyse tätig ist, wächst Rosalin Kuiper in die Rolle eines Boat Captains hinein. Axelle Pillain ist für die Elektronik zuständig.“

Entsprechende Erfahrungen brachten Rosalin Kuiper und Axelle Pillain ab 2022 ins Team. Die 27-jährige Rosalin Kuiper hat mehr als 60.000 Seemeilen im Heckwasser, bestritt das Ocean Race Europe als Trimmerin auf „AkzoNobel“ und startete bei Klassikern wie Fastnet Race oder Sydney Hobart Race mit Champions wie Chris Nicholson oder Xabi Fernández.

Olympia-Könnerinnen mit viel Ocean-Race-Erfahrung

Kuiper bringt neben erarbeitetem Technik-Knowhow den Schwerpunkt Sportpsychologie aus ihrem Studium an der Universität von Leiden mit, wo einst auch Caro Brouwer studierte. Hobby-Sprinterin Axelle Pillain verstärkt Team Malizia als kluger Kopf mit Hang zum Meeres-Marathon. Die 32-jährige Französin hält einen Doktortitel in angewandter Mathematik und wirft Erfahrung aus dem Mini-Transat und aus der Arbeit für Teams wie Spindrift oder die Imoca-Kampagne „Corum L’Épargne“ in die Waagschale.

Deutlich mehr Ocean-Race-Erfahrung bringen die Britin Annie Lush mit zwei Rennen um die Welt („SCA“, „Brunel“) und Támara Echegoyen („Mapfre“) ins Guyot Environnement – Team Europe. Beide haben starke olympische Karrieren hingelegt. Dynamo Echegoyen ragt heraus, gewann Gold 2012, wurde zweimal Olympia-Vierte und holte zwei FX-WM-Titel. Die multitalentierte Spanierin will 2024 erneut um eine Olympiamedaille kämpfen, wird Stammcrew-Seglerin Lush nur selten, dafür aber stark entlasten.

Dreifache Vendée-Globe-Teilnehmerin für Team Biotherm

„Biotherm“-Skipper Paul Meilhat hat mit der 28-jährigen Juristin und Soloseglerin Amélie Grassi eine ehrgeizige Mini- und Class-40-Langstrecken-Liebhaberin ins Team geholt. Grassi war die einzige Class-40-Skipperin bei der Route du Rhum. Nur der Mastbruch ließ ihre berechtigten Hoffnungen auf ein Spitzenergebnis platzen.

Immer wieder vermutet, jedoch erst kurzfristig bekannt geworden, ist die Teilnahme von Sam Davies. Die Britin ist eine erfahrene Imoca-Skipperin und bringt dazu Ocean-Race-Erfahrung an Bord von „Biotherm“. 2014/15 bestritt die 48-Jährige das Rennen als Skipperin des Frauenteams „SCA“ und kann zudem auf drei Vendée-Globe-Teilnahmen zurückblicken, die vierte steht 2024/25 fest im Plan. Mit Paul Meilhat hatte die mit ihrem Mann Romain Attanasio und dem gemeinsamen Sohn in Frankreich lebende „Initiatives Cœur“-Skipperin bereits das Transat Jacques Vabre 2019 bestritten.

Die erfahrenste Ocean-Race-Seglerin segelt für Team Holcim – PRB

Die weiblichen Last-minute-Verpflichtungen vom Team „Holcim – PRB“ um Skipper Kevin Escoffier erweitern die große Bandbreite der Ocean-Race-Herausforderinnen um weitere Elemente. Die mit drei Rennen um die Welt („Amer Sports Two“, damals noch unter ihrem Mädchennamen Abigail Saeger, „SCA“, „Brunel“) erfahrenste aller Ocean-Race-Seglerinnen dieser 14. Auflage hat bei Holcim – PRB unterschrieben: Abby Ehler, als Boat Captain laut früherem Boss Bouwe Bekking sehr versiert und als Seesegelstürmerin mit Hunderttausenden Seemeilen im Heckwasser höchst erfahren, bringt weibliche Seniorität ins Team unter Schweizer Flagge.

Dazu verpflichtete Kevin Escoffier mit Susann Beucke eine deutsche Seesegel-Neueinsteigerin. Die Olympia-Zweite von 2021 im 49er FX war zu Beginn des Jahres in die Figaro-Klasse umgestiegen, um für ihre neue Solokarriere zu trainieren. Mit ihrer eigenen Kampagne „This Race is Female“ und einer eigenen Figaro startete Beucke erfolgreich in die für sie neue Welt des Offshore-Segelns. Schon ein Jahr später feiert die Silbermedaillengewinnerin von Japan nun ihre Premiere im Ocean Race.

Sanni Beucke besticht mit Talent und Motivation“

- Kevin Escoffier

„Für mich geht gerade ein Lebenstraum in Erfüllung“, blickt Beucke ihrer Feuertaufe begeistert entgegen. Weiter erzählt sie: „Als 2002 die ,illbruck’ ausgerechnet in Kiel das damalige Volvo Ocean Race als erstes und einziges deutsches Team jemals gewinnen konnte, war ich mit meiner Familie auf dem Wasser, um sie die letzten Meilen zum Sieg zu begleiten. 300.000 Menschen waren damals dabei. Es war unglaublich. Ich war neun Jahre alt. Seitdem habe ich den Traum, einmal selbst beim Ocean Race mitzusegeln. Nun geht es bald los. Das fühlt sich fantastisch an.“ Escoffiers Einschätzung: „Sanni besticht mit Talent und Motivation.“

Alle Seglerinnen der fünf Teams werden ihre Einsatzchancen erhalten. Denn nicht nur Annie Lush prophezeit: „Das Foilen bringt viele Verletzungsgefahren mit sich. Es wird einige Crew-Rotation geben. Das bringt auch mehr Chancen für die Frauen. Vielleicht erleben wir auch Crews mit 50:50 Männer und Frauen?“


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