The Ocean RaceBoris Herrmann und Team Malizia fliegen wieder

Jochen Rieker

 · 06.01.2023

The Ocean Race-Special wird präsentiert von
The Ocean Race: Boris Herrmann und Team Malizia fliegen wiederFoto: Team Malizia/Antoine Auriol
Archivfoto vom vorigen Sommer, als “Malizia – Seaexplorer” erstmals abhob – damals mit den Original-Foils. Jetzt sind weniger weit ausladende, stärker gebogene Flügel montiert

Bis Mittwochabend war die Anspannung im Team von Boris Herrmann mit Händen zu greifen. Zu viel Kraft hatte der Umbau auf andere Foils gekostet, zu viel Ungewissheit blieb bis zuletzt. Würden die Tragflügel, die für ein ganz anderes Boot konstruiert wurden, sauber passen? Würden sie überhaupt funktionieren? Gestern Nachmittag beim ersten Test vor dem Start zu The Ocean Race in zehn Tagen dann die Erlösung – 18 Knoten Speed bei 4 Beaufort: „Malizia – Seaexplorer“ fliegt. Und sogar besser als erhofft!

Die Tage im Team Malizia verlaufen nach einem festen Muster. Mittags um halb eins und abends um halb sieben gibt es eine warme Mahlzeit für die gesamte, inzwischen auf rund 40 Köpfe angewachsene Crew. Der Koch wirbelt in einem umgebauten Wohnwagen; seine Kunst, auf wenig Raum Erstaunliches zu kreieren, ist legendär. Inzwischen versorgt er auch das Team von Paul Meilhat (Biotherm) mit, das nebenan werkelt.

In den vergangenen zwei Wochen war das Abendessen für viele nicht der Endpunkt ihrer Schicht, sondern der Beginn der Verlängerung. Denn der Umbau des Bootes auf neue, in aller Eile von einem anderen Team zugekaufte Foils forderte zehn, zwölf Stunden Arbeit pro Tag, manchmal 16. Stuart aus England, ein Komposit-Experte, der schon für Alex Thomson und Ben Ainslie gearbeitet hat, kennt es kaum anders. Doch auch er, der coole, stets gut gelaunte Routinier, seufzte mitunter. Bis am Mittwoch gegen 18 Uhr alles saß und nichts mehr wackelte.

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Die Malizia-Crew am Mittwochnachmittag beim Einführen der Ersatzflügel, deren deutlich abweichende Form hier gut erkennbar istFoto: Team Malizia/B. Herrmann
Die Malizia-Crew am Mittwochnachmittag beim Einführen der Ersatzflügel, deren deutlich abweichende Form hier gut erkennbar ist

„Ich wollte eigentlich längst daheim sein“, sagte er. „Aber jetzt warte ich, bis das Boot wieder ins Wasser gekrant wird und wir mit was Sprudelndem darauf anstoßen, dass die Operation geglückt ist.“

Boris Herrmann, sonst für jedes Fest zu haben, blieb derweil reservierter. Auch ihm war anzumerken, dass eine Last abgefallen war. Aber zum Feiern war ihm noch nicht zumute. „Das sollten wir erst tun, wenn wir das erste Mal mit dem Boot auf den Foils waren“, sagte er. Dass das schon einen Tag später gelingen sollte, war da noch nicht abzusehen. Zu leicht die Windvorhersage, zu ungewiss das Potenzial der neuen Flügel.

Woher sie stammen, wie nah sie an den Original-Foils von „Malizia – Seaexplorer“ dran sind, darüber breitet das sonst so offen kommunizierende Team einen Schleier des Schweigens. Klar ist: Sie unterscheiden sich sowohl in der Länge als auch in der Form gravierend von den VPLP-Anhängen, die bis Dezember montiert waren.

Die ursprünglichen Foils haben lange und vom sogenannten Ellbogen an – dem Winkel nach dem im Rumpf gelagerten Schaft – nur leicht nach oben weisende Spitzen. Sie entsprechen damit dem aktuellen Designkonzept der Klasse.

Die jetzt montierten Flügel von „Malizia – Seaexplorer“ sind dagegen sichelförmig gerundet und ragen seitlich deutlich weniger weit ins Wasser. Sie ähneln auffällig denen von „l’Occitane“, dem von Sam Manuard für die Vendée Globe 2020/21 konstruierten Boot, das jetzt unter dem Namen „Bureau Vallée“ von Louis Burton gesegelt wird. Allerdings gilt das nur für die Spitzen der Foils; Ellbogen, Schaft sowie der Rumpfaustritt der Foils unterscheiden sich stark.

Ist das der Organspender? Team Malizia äußerte sich bisher nicht zur Herkunft der Ersatz-Foils. Diese ähneln aber stark denen von Sam Davies’ neuem Manuard-Design “Initiatives Cœur”Foto: Polaryse/Y. Riou
Ist das der Organspender? Team Malizia äußerte sich bisher nicht zur Herkunft der Ersatz-Foils. Diese ähneln aber stark denen von Sam Davies’ neuem Manuard-Design “Initiatives Cœur”

Optisch die größte Nähe haben „Malizias“ neue Tragflügel zu denen von Sam Davies, die ihrerseits auf einem modifizierten Nachbau von “Bureau Vallée” segelt. Ihre „Initiatives Cœur 4“ gilt aber als leichter im Vergleich zu Boris Herrmanns bewusst solide konstruiertem und gebautem Boot.

Umso erstaunlicher, wie mühelos „Malizia – Seaexplorer“ bei nur mäßiger Brise auf die Foils kam, und das gleich im allerersten Anlauf. Offenbar passen dynamischer Auftrieb, Einbauposition und die Gewichtsverteilung sehr gut. Nach den recht groben Daten von MarineTraffic segelte Boris’ Boot am Wind mit zwischen 9,5 und 10 Knoten Speed, raumschots waren es über weite Strecken 15 bis 17 Knoten – deutlich mehr als Kevin Escoffiers Crew auf “PRB – Holcim” schaffte, die allerdings etwas früher gestartet war; von daher sind die Werte nicht direkt vergleichbar.

MarineTraffics Kursdaten vom ersten Testschlag der “Malizia – Seaexplorer” gestern Nachmittag vor AlicanteFoto: YACHT/J. Rieker
MarineTraffics Kursdaten vom ersten Testschlag der “Malizia – Seaexplorer” gestern Nachmittag vor Alicante

”Malizia – Seaexplorer” schaffte nach Angaben eines Begleiters sogar 18 Knoten in der Spitze und kam bereits bei um die 13 Knoten Fahrt durchs Wasser aufs Foil – kaum anders als mit den ursprünglichen Anhängen.

Auf Videobildern von On-Board-Reporter Antoine Auriol konnte man einen erleichterten, geradezu erlösten und entspannt lächelnden Skipper sehen, der seine Hände zu einer Dankesgeste aneinanderlegte.

Mission erfüllt, jedenfalls bis hierher.

Noch allerdings stehen weitere Tests an – und am Sonntag das erste In-Port Race, über das wir ausführlich berichten werden. Die nächsten Tage versprechen mehr Wind und ein wenig mehr Welle; dann kann die Crew ihre neuen Flügel unter mehr Druck testen, was wichtig ist, bevor es am 15. Januar auf die erste Etappe zu den Kapverden und kurz darauf nach Kapstadt geht.

Wie gut die neuen Foils genau funktionieren, wird sich wohl erst dann sagen lassen. Und vor allem, ob sie anders als das erste Set auch wirklich im Regattamodus halten. Im Moment lassen sie sich im Anstellwinkel offenbar nur minimal verändern, und in maximal aufgeholter Position ragen sie eine Handspanne weiter aus dem Rumpf, als wünschenswert wäre. Das bedeutet bei Leichtwind mehr benetzte Fläche und Verwirbelung. Alles Petitessen allerdings, wenn man bedenkt, dass die Teilnahme von „Malizia – Seaexplorer“ vor drei Wochen noch völlig in den Sternen stand.

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