StrukturschädenStreit um Festigkeit der Volvo-Flotte

Jochen Rieker

 · 11.04.2012

Strukturschäden: Streit um Festigkeit der Volvo-FlotteFoto: Juan Yacht Design
Juan Kouyoumdjian
Nach Kritik an den zahlreichen Ausfällen beim Volvo Ocean Race: Konstrukteur Juan Kouyoumdjian nimmt erstmals öffentlich Stellung
  Eine von vielen Notreparaturen: Rumpfverstärkung auf Abu DahbiFoto: Nick Dana/Abu Dhabi Ocean Racing Eine von vielen Notreparaturen: Rumpfverstärkung auf Abu Dahbi

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang. Normalerweise halten sich Konstrukteure während eines Rennens zurück, wenn es um Aussagen zu ihren Booten geht. Nicht so Juan K, wie der in Valencia arbeitende Argentinier in der Szene genannt wird. In einer gestern veröffentlichten Stellungnahme plädiert er für eine differenziertere Kritik – und lässt dabei seine tief sitzende Enttäuschung auch über Aussagen von Volvo-Ocean-Race-Chef Knut Frostad erkennen.

  Juan KouyoumdjianFoto: Juan Yacht Design Juan Kouyoumdjian

Tatsächlich, so Juan Kouyoumdjian, stimme die Wahrnehmung nicht, dass alle Boote im Rennen schwere strukturelle Schäden davongetragen hätten. Dieser Eindruck war insbesondere auf der fünften Etappe durch das Südpolarmeer entstanden, bei dem mit Puma nur ein Einziger der sechs teilnehmenden VO-70-Renner ungestreift ins Ziel kam. Alle anderen mussten entweder reparieren oder ganz aufgeben.

"Alle Konstruktionen über einen Kamm zu scheren, wenn es um Strukturschäden geht, ist eine Verzerrung der Wahrheit", sagt der 41-jährige. "Man muss grundlegend unterscheiden zwischen Mastbrüchen und dem Rest." So habe "Telefonica" am Kap Horn nicht gezwungenermaßen einen Reparaturstopp eingelegt, sondern weil sich die Möglichkeit ergab, ein günstiges Wetterfenster abzupassen. "Groupama" habe keine Strukturschäden gehabt; das Etappenziel in Brasilien hätten die Franzosen nach Mastbruch unter Notrigg als Dritte erreicht.

Grundsätzlich lassen sich Volvo Ocean 70s oder andere Boote für Rund-um-die-Welt-Regatten nicht so konstruieren, dass sie unzerstörbar seien, betont Kouyoumdjian. "Bruch liegt in den Händen der Crew."

Seine Boote gewannen bereits die beiden vergangenen Auflagen des Volvo Ocean Race. Und auch jetzt dominieren Kouyoumdjian-Konstruktionen das aktuelle Rennen, allen voran "Telefonica". Das erklärt zum Teil die Enttäuschung, die zwischen den Zeilen der Erklärung herauszulesen ist. "Verallgemeinerungen mögen einem Team als Erklärung dienen oder dazu, künftig eine bestimmte Agenda durchzusetzen", so der Erfolgsdesigner. Aber sie würden der Arbeit seines Büros nicht gerecht.

Es gibt aber noch einen anderen Hintergrund. Nach bisher unbestätigten Informationen der YACHT plant der Veranstalter für das kommende Rennen eine Art Einheitsklasse. Ziel ist, dadurch die Kosten drastisch zu senken, weil sich der Entwicklungsspielraum verringert. Der Schritt ließe sich umso besser verkaufen, wenn mit Sicherheitsaspekten argumentiert würde – was gut zum Image von Hauptsponsor Volvo passen würde.

Dem Vernehmen nach sollen die Pläne für die nächste Generation der Volvo-Rennyachten von Farr Yacht Design entwickelt werden. Für Juan Kouyoumdjian, der die Klasse besser beherrscht als jeder andere, eine schmerzhafte Entscheidung. Umso mehr, wenn seine unbestreitbaren Erfolge im Zuge der aktuellen Diskussion ungerechtfertigt geschmälert würden.

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Jochen Rieker

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Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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