Erst war da die Vorfreude aufs Ocean Race Europe in Kiel, dann kamen der Crash-Schock, ein Loch im Rumpf und der Reparaturmarathon bei Knierim Yachtbau. In ihrem Race Blog bei YACHT online berichtet „Holcim-PRB“-Skipperin Rosalin Kuiper von ihren glücklichen Erinnerungen an den Kieler Startgipfel zum Ocean Race Europe, die dunklen Momente nach dem Start, viele helfende Hände in Kiel und den gewonnenen Wettlauf gegen die Zeit nach Portsmouth.
Ich erinnere mich sehr gerne an die Zeit in Kiel vor dem Start ins Ocean Race Europe. An die vielen Menschen und die ganze Community im Race Village, all die Leute, die gejubelt haben und gekommen sind, um Hallo zu sagen. Und um zu sagen, dass sie das Rennen und das Team einfach toll finden. Ich habe das als wirklich aufbauend und sehr cool empfunden, verbinde Kiel mit warmen Erinnerungen, weil die vielen Menschen es so lebendig gemacht haben.
Die Kollision nach dem Start kann ich vor der Protestverhandlung nicht kommentieren. Aber wenn mir jemand vor dem Start erzählt hätte, dass so etwas passiert, dann hätte ich das nicht geglaubt. Ehrlich, das hätte ich nicht geglaubt. Und ich kann es manchmal immer noch nicht glauben. In den vier Tagen bei Knierim Yachtbau in Kiel musste ich mich manchmal kneifen und fragen: Passiert das hier gerade wirklich?
Nach so intensiver Vorbereitung, nach so einem langen Aufbau, nach all dem Training, nach eineinhalb Jahren, die diesem Rennen gewidmet waren, war dieser Start so ein dicker Block im Terminkalender, ein Meilenstein. Darauf habe ich mich am meisten gefreut. Wenn die Leute mich vorher fragten, auf was ich mich beim Ocean Race Europe am meisten freue, habe ich gesagt: den Starttag!
Und dann passierte das! Unglaublich!” Rosalin Kuiper
Wir haben nach der Kollision supergut und professionell auf den Unfall reagiert. Es war sehr klar an Bord, wer was macht. Die Kommunikation war innerhalb der gesamten Crew völlig klar. Wir haben die Segel gefurlt, Wir haben sichergestellt, dass sich das Boot zur Steuerbordseite neigt, damit auf der Backbordseite kein Wasser eindringt. Dann, rums, haben wir das Großsegel runtergenommen und sind zurück in den Hafen.
In der Zwischenzeit hatten wir natürlich schon die Shore-Crew informiert. Ich habe mit unserem Teammanager Seb Col telefoniert, um alles für die Rückkehr ans Dock vorzubereiten. Es war verrückt, aber wenn so etwas passiert, dann realisierst du wie wichtig die Shore-Crew ist. Das weißt du natürlich grundsätzlich, aber in so einer Situation erlebst du sie dann in Action in allen Bereichen.
Am nächsten Morgen haben wir schon begonnen, die Form (Red.: für das weggebrochene und neuzubauende Stück Rumpf) zu bauen. In der Nacht haben uns dabei die Designer, Knierim Yachtbau und unsere Crew geholfen. Wir haben alles zusammengefügt. Die Zeichnungen wurden schon am Morgen alle geschickt, um die notwendige Form zu bauen, die wir 24 Stunden nach dem Crash hatten. Dann haben wir begonnen, das neue Stück Rumpf zu bauen.
Das war eine Riesenleistung, die beweist, dass man Unglaubliches erreichen kann, wenn alle Köpfe in die gleiche Richtung denken. Wir haben auch das D0 und das D2 ersetzt, wichtige Teile, die den Mast unterstützen und die bei der Kollision ebenfalls beschädigt wurden.
Wir haben keinen „Nine to five“-Job. Das ist eines der hervorstechenden Merkmale in unserer Branche. Und das gilt auch für Knierim Yachtbau. Es haben uns so viele Leute Tag und Nacht geholfen. Ich glaube, so kann man Grenzen verschieben. Das ist ein Gefühl, das mir Gänsehaut beschert. Und Energie und ein Feuer in meinem Inneren. Alle wollen dich wieder im Rennen sehen. Das ist auch das Besondere am Offshore-Segeln: Es ist hart, aber am Ende gibt es so viel Respekt und Solidarität zwischen den Teams. Das ist so cool!
Ich habe die Leute in allen Bereichen wachsen sehen. Sie haben ihre Verantwortung übernommen, sie haben gekämpft. Das zog sich durchs ganze Team. Ich bin davon sehr beeindruckt. Ich bin auch sehr beeindruckt von unserem Boat Captain Charles und unserer Technischen Direktorin Rebecca. Sie war nicht in Kiel vor Ort. Aber es war beeindruckend. Ich war erstaunt, wie sie das gemanagt haben.
Die großartige Kooperation, die Komplimente, die wir auch von Knierim Yachtbau bekommen haben, die sagten, wow, da gibt es ja gar keine Egos in dem Team, die arbeiten einfach nur hart. Keiner ist da, um sich wichtig zu nehmen. Die Struktur dabei war flach. Das ist das größte Kompliment, das wir als Team bekommen können. Darauf bin ich sehr stolz.
Manche Leute haben mich gefragt, ob ich je Zweifel hatte, dass uns die Reparatur rechtzeitig gelingt. Natürlich ist mir der Gedanke kurz nach dem Unfall mal durch den Kopf geschossen. Ich habe aus dem Inneren des Bootes durch dieses große Loch geschaut. Da kam Wasser rein und ich dachte nur, oh je! Wir würden sehen müssen, ob man das reparieren kann. Aber dieser Gedanke hat nicht die Oberhand gewonnen.
Ich habe totales Vertrauen in unser technisches Team. Ich muss mir da keine Sorgen machen. Sie würden immer alles in ihrer Macht Stehende tun. Wenn du dieses Gefühl der besten Leute in deinem Team hast, null Zweifel, gibt mir das mit Abstand am meisten Motivation. Leute, die bereit sind und es schaffen.
Also konnte ich mich auf andere Dinge, auf das große Bild konzentrieren. Ich wusste, dass diese Reparatur gemanagt wird. Natürlich bist du involviert, aber es lag voll in ihren Händen. So konnten wir uns auch auf die nächste Etappe fokussieren, obwohl wir nicht wussten, ob wir das wirklich schaffen.” Rosalin Kuiper
Dieser Unfall, seine Bewältigung und das Comeback werden hundertprozentig neue Chancen kreieren.” Rosalin Kuiper
Wenn ich sehe, wie sehr das Team gewachsen ist, wie sehr wir in diesen Tagen zusammengerückt sind – wie auf ein neues Niveau. Wir werden davon profitieren. Auch, wie wir als Team zusammenarbeiten. Wir sind stärker geworden. Ich will natürlich nicht sagen, dass es gut ist, dass das passiert ist. Doch was das für unser Team und den Zusammenhalt getan hat, das ist wirklich gut.
Was wir ab jetzt erreichen können? Das hängt natürlich mit Blick auf die Ergebnisse auch von der Anhörung ab, die in Cartagena stattfindet. Aber ich kann sagen, dass wir immer noch auf dem höchsten Level kämpfen werden. Wir sind für den Wettkampf hier. Das ist das Ziel des Projekts. Das werden wir auf den nächsten Etappen machen. Wir werden immer und immer wieder um den ersten Platz kämpfen.
An die Gewinner der ersten Etappe: Sie haben einen echt guten Job gemacht. Ihr Erfolg ist nicht super überraschend, auch wenn natürlich immer viel auf dem Wasser passieren kann. Sie haben es sehr, sehr gut gemacht. Sie haben ein sehr gutes Boot und eine exzellente Crew. Sie haben es wahrgemacht – gutgemacht! Es ist sehr schön, die erste Etappe zu gewinnen.
Jetzt sind auch wir seit Samstag in Portsmouth. Und ich bin glücklich, dass auch Allagrande Mapei Racing es geschafft hat. Wir sind kurz vor dem Start der zweiten Etappe angekommen. Das fühlt sich unglaublich an. Ich bin so froh, hier mit dem Team zu sein, das die ganze Nacht nach Großbritannien durchgefahren ist, um sicherzustellen, dass das Boot heute bereit ist. Das ist echte Teamarbeit!
Da sind so viele Anstrengungen hinter den Kulissen, die man von außen nicht sieht, die aber den Unterschied ausmachen, wenn wir auf dem Wasser sind. Das macht The Ocean Race Europe so extrem: Es ist ein Rennen auf See, aber auch an Land. Und wir haben gezeigt, dass wir damit umgehen können. Diese Kampagne war bisher eine Achterbahnfahrt, aber eines ist klar: Wir sind stärker denn je. Und bereit für das, was kommt.

Freie Reporterin Sport