Das deutscher SailGP Team blickt heute dem Finale seiner zweiten SailGP-Saison entgegen. Die Crew um Steuermann Erik Kosegarten-Heil erlebte in diesem Jahr zwei krass verschiedene Halbzeiten. Der dornenreichen ersten Saisonhälfte mit dem historisch höchsten Strafpunktgewitter für ein Liga-Team folgte der imposante Aufstieg in Halbzeit zwei mit dem historisch ersten Event-Sieg für Schwarz-Rot-Gold in Genf. Team-CEO Tim Krieglstein zieht eine erste Saisonbilanz.
Kurz vor dem großen Abu-Dhabi-Finale im SailGP am 29. und 30. November haben das Germany SailGP Team und internationale Liga-Botschafter bei einem Event in Hamburg für ihr Team und die Formel 1 des Segelsports geworben. Dabei blickten die Verantwortlichen auf eine Saison mit Tiefen und Höhen zurück, warfen einen Blick aufs anstehende Finale beim Mubadala Abu Dhabi Sail Grand Prix und skizzierten ihre Pläne für die Zukunft. Die YACHT traf dort den deutschen Team-CEO Tim Krieglstein zum Interview.
Wir blicken auf eine Saison der zwei Gesichter zurück: Niederlage und Auferstehung. Die Auferstehung wurde mit dem deutschen Event in Sassnitz eingeläutet. Wenn wir in Abu Dhabi gut dabei sein können, könnte man fast sagen: Besser hätte es für uns nicht laufen können. Wir wollen ja nicht nur sportlich, sondern auch kommerziell erfolgreich sein. Wenn du im Sport hinterherfährst, glaubt ja keiner, dass du es kannst. Dann bist du unattraktiv. Dass wir in dieser Saison zeigen konnten, dass wir es schaffen können, ist einfach Wahnsinn. Das hilft uns jetzt und in Zukunft in jedem Gespräch. Wenn es jetzt noch in Abu Dhabi gut ausgeht, sind wir alle sehr happy.
Ja, das war so. Was es aber auch in schwierigen Zeiten erträglich gemacht hat, ist der gute Dialog, den wir im Team und auch mit den Eigentümern und mit unserem Partner Deutsche Bank haben. Da herrscht einfach ein guter Austausch. Als halt nichts ging – das war noch vor Sassnitz – da hatten wir einen wirklich guten Gesellschafter-Call.
Das Motto war: ‚Macht weiter, macht weiter, lasst Euch nicht verunsichern.‘ Klar, die ersten Events waren schwer, auch wenn ich denke, dass es eine falsche Erwartungshaltung ist zu sagen, dass man nur deshalb besser fährt oder fahren muss, weil eine neue Saison begonnen hat. Aber wir sind ja schlechter gefahren…
Das wird uns auch wieder passieren. Wir werden Änderungen im Team haben. Jonathan (Redaktion: Grinder und Mediziner Jonathan Knottnerus-Meyer) hat sich entschieden, für seinen Beruf an Land zu gehen. Weitere Änderungen kommen, aber wie genau es aussieht, das werden wir erst ein Stück nach dem Finale genauer bekanntgeben. Was man sieht, ist, dass der SailGP wächst. Es gibt mehr Teams, mehr Events, aber immer noch zu wenige Trainingsmöglichkeiten…
Ja, es ist sicher nicht leicht, aber die Liga braucht dieses Trainingsboot. Es muss kommen. Es gibt immer mehr Wettbewerb unter den Teams um die besten Segler und fürs richtige Team. Es gibt es jetzt auch eine neue Transfer-/Verleih-Policy. Das haben auch wir stark gespürt, sind ein bisschen überrascht worden. Auch bei uns ist jemand angesprochen worden.
Wir haben dann die Beine in die Hand genommen. Lennart und Erik haben über die letzten Monate einen krassen Job gemacht: Jetzt ist für die nächsten Jahre ein Team beisammen, von dem ich glaube, dass wir mit einer Weiterentwicklung in die neue Saison gehen. Aber natürlich muss ein Team dann auch erst wieder zusammenwachsen. Es ist aber keine komplette Veränderung. Es ist nicht so, dass wir auf einmal fünf neue Leute sehen werden. Von sechs Leuten verändern sich zwei.
Interessanterweise ist bei mir sehr, sehr stark eine dieser Auftaktveranstaltungen hängengeblieben. Da haben wir an einem sogenannten Sassnitzer Sturmgespräch teilgenommen, das dort einmal im Monat stattfindet. Dahinter steht der Verein Fischerei und Hafenmuseum Sassnitz e.V., der sich das Ziel gesetzt hat, diesen Museumskutter, den es da noch gibt, zu erhalten. Wir waren eingeladen. Es waren 200, 250 Bürger dabei, die sich stark für den Hafen und diese Kuttergeschichte interessieren.
Uns war vorher nicht klar: Wie wird das? Wie blicken die Menschen auf das, was wir in Sassnitz mit dem SailGP vorhaben?” Tim Krieglstein
Wir sind dann so umarmt worden! Von einem Interesse, von einer Offenheit, von einer Passion, die man für das Wasser ja auch teilt. Und auch von der Faszination für etwas Neues. Es war ein eher älteres Publikum. Und da ist uns schon ein bisschen ein Stein vom Herzen gefallen, weil wir vorher nicht sicher sein konnten, wie das Thema aufgenommen wird. Wir wussten zwar, dass das gut werden kann. Und wir wussten, dass die Stadt hinter uns steht. Es gibt aber immer auch Leute, die sich beschweren…
Am selben Abend fand noch ein Abendessen zur der inklusiven Segelmeisterschaft statt. Das hatte auch so eine tolle, ganz besondere Atmosphäre. Und so sind wir in die Woche gestartet. Und dann erinnere ich mich auch an diesen ‘Blick zurück’. Ich hatte nicht erwartet, dass man sich zu den Tribünen umdreht und eine solche Kulisse sieht. Es war einfach alles voll!
Wir hatten anfangs mal mit 2000 Tribünenplätzen geplant. Am Ende waren es so Secheinhalbtausend plus pro Tag. Und ich glaube: nochmal die gleiche Menge an Menschen, die einfach ohne Tickets in Sassnitz waren. Es war einfach… So ein Menschenmeer im hohen Norden Deutschlands, solche Bilder!
Man muss einmal ehrlich festhalten, dass man sich nicht unbedingt darauf verlassen kann, dass das Wetter nochmal so gut sein wird. Auf den Tribünen muss man das dann aushalten, für die Gästebereiche überlegen wir: Was kann man anders machen?
Ansonsten hoffe ich, dass es uns noch besser gelingt, den SailGP in die Stadt zu integrieren. Klar, das ist ein Event, für das man Tickets kauft. Aber man kann es durch anders gelöste Absperrungen und ein anderes Verkehrskonzept noch besser machen. Da haben wir jetzt die Learnings. Man wird die Stadt gar nicht mehr so sehr blockieren müssen, weil fast alle mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen sind.
Was ich auf jeden Fall noch verändern will, ist, dass der deutsche Sail Grand Prix in Sassnitz noch mehr zu einer Drehscheibe für die ganze Insel wird. Da sind wir dran. Wir haben uns mit Binz, Sellin und anderen getroffen. Ansonsten wird es nicht komplett anders werden. Die Flächen – das hat alles super funktioniert.
Ich glaube, diese Öffnung ist eigentlich nur da, weil man immer noch an den kommerziellen Rahmen, an den Eckdaten arbeitet. Wir sind noch nicht ganz da, wo wir hinwollen. Aber wenn wir da hinkommen, wo wir hinwollen, dann gibt es keinen Grund, woanders hinzuwollen. Bislang hat sich auch niemand so positioniert, dass er auf dem gleichen Niveau mitreden kann oder will.
Wir haben uns als Team gegenüber der Liga verpflichtet, dass wir einen gewissen Geldbetrag fürs Event zusammenbekommen. Wenn wir den nicht zusammenbekommen, dann müssen wir den bezahlen. Dadurch, dass Rockwool jetzt als Titelpartner des Events an Bord gekommen ist, ist es realistisch, dass wir das auch schaffen.
Das ist viel wert, denn nur aus den öffentlichen Kassen geht es nicht. Das ist logisch und bekannt. Dann kommt das Engagement der Stadt Sassnitz dazu. Aber ohne einen ordentlichen Sponsor, der vernünftige Sponsorenpakete kauft, kommt man auch auf diese kleine Zahl nicht, die die Liga sehen will. Die Liga wird sicher auch im nächsten Jahr noch fünf, sechs Millionen Euro Verlust machen. Das ist bei fast allen der nordeuropäischen und auch den amerikanischen Events so.
Ja, pro Event. Die Events in Südeuropa sehen etwas anders aus. Und die Events im Mittleren Osten verdienen eher Geld.
Es geht immer um die sogenannte Host City Fee. Das ist einer der Dreh- und Angelpunkte. Bei uns geht das so nicht. Wir haben wenig öffentliche Gelder für Spitzensport. Und wir haben auch wenige schon etablierte Sponsoring-Strukturen, also außerhalb von vielleicht olympischen Kampagnen.
Wir haben wenig organisierte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen auf kommunaler und Landesebene plus der Wirtschaft, um dann gewisse Geldbeträge zusammenzubekommen, damit Spitzensportveranstaltungen gesichert werden können. Wir haben diese Strukturen nicht. Wir haben das Geld dann oft nicht allokiert. Und wir haben in Deutschland nicht so sehr diese professionelle Arbeit, die mittlerweile notwendig ist, um sich auch zu bewerben.
Genau, ja, das machen wir ganz stark. Wir haben jede Woche Telefonate mit den Ansprechpartnern in der Kommune, beim Land. Von beiden bekommen wir tolle Unterstützung. Da herrscht nicht nur eine große Begeisterung, sondern auch viel Tatkraft mit Blick auf die Chancen, die mit dem SailGP verbunden sind. Die werden mit allen Händen ergriffen.
Wir haben uns als deutsches Team zum Ziel gesetzt, der Katalysator für diese Bewegung und die Entwicklung zu sein. Man darf auch nicht vergessen, dass Mecklenburg-Vorpommern ein bevölkerungskleines Land ist. Sassnitz ist eine kleine Kommune. Die können natürlich keine Strukturen wie eine Stadt wie London aufbauen. Wir gehen gerne in diese Netzwerk- und Übersetzerrolle und arbeiten an den verschiedenen Möglichkeiten, die es zur Finanzierung dann doch gibt. Der SailGP ist ein großes Thema, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung für die Stadt Sassnitz kann über eine aufgebaute und wachsende Netzwerkfunktion gesteuert werden.
Mein persönliches Ziel wäre es, eine Zehn-Jahres-Perspektive für den SailGP zu entwickeln.” Tim Krieglstein
Ein persönlicher Traum für mich wäre, wenn wir alle gemeinsam mit den Menschen vor Ort, der Stadt und dem Land eine gemeinsame langfristige Zukunftsperspektive gestalten. Ich habe sie für mich Vision 2040 für Sassnitz genannt. Dass wir also eine Positionierung entwickeln rund um die Themen Sport und Gesundheit, wodurch Sassnitz eine eigene Positionierung auf der Insel bekommt. Es gibt die Seebäder, es gibt den Bodden, es gibt die Strände. Es gibt bei Sassnitz noch unglaubliche Entwicklungsflächen. Es gibt eine nicht erschlossene Thermalquelle. Es gibt eine Menge Möglichkeiten und Chancen. Es gibt viel Raum für einen Sporthafen. Man kann so sagen: der SailGP kann ein Anker dafür sein.
Mit der gemeinsamen Arbeit kann man Investoren locken. Der Vorteil für uns könnte sein, den SailGP vielleicht auch zehn Jahre nach Sassnitz zu bringen. Ob das klappt und wie das klappt, das sehen wir. Aber wir nehmen im Moment gerne diese Katalysatorrolle an, um die Leute immer wieder zusammenzuführen.
Mein Eindruck ist, dass die schon sehen, dass der SailGP realistischer und greifbarer ist. Und vor allem jetzt und nicht erst in 20 Jahren vielleicht ist. Aber natürlich ist SailGP ein Gewicht, das das Land mit in die Waagschale werfen kann, wenn die Ministerpräsidentin mit dem Ministerpräsidenten von Bayern redet. Da hat sicherlich Mecklenburg-Vorpommern jetzt etwas vorzuweisen, was sie vorher nicht hatten.
… genau. Aber ich sage nochmal: Man zeigt, dass man solche Großevents stemmen kann. Und auch die Bilder sind toll. Es wurde immer gesagt, dass es mit dem Wetter im Norden so eine Sache sei. Aber das stimmt halt nicht. Das Wetter auf Rügen ist um ein Vielfaches besser als in anderen Teilen von Deutschland. Kap Arkona ist einer der sonnenreichsten Orte in Deutschlands. Und auch die Windwahrscheinlichkeit ist eine andere. Es ist einfach sehr gut geeignet für das, was wir tun und vorhaben.
Die Teams sind alle momentan so zwischen 60 und 70 Millionen US-Dollar wert.
Wir haben das Team 2023 für 20 Millionen US-Dollar gekauft. Natürlich haben wir auch große Verluste gemacht in den ersten Jahren. Wenn es uns jetzt gelingt – da sind wir aktuell in guten Verhandlungen und optimistisch – noch einen Schritt weiterzukommen, dann ist es zumindest mal so, wenn man aufs gesamte investierte Geld schaut, dass es sich in der Papierbewertung verdoppelt hat.
Ja.
Die einmalige Qualität an Erik ist, dass er sich nicht nur um sich, sondern um das ganze Team kümmert. Das ist ja nicht normal für jemanden, der in seiner olympischen Karriere immer sehr auf sich beziehungsweise auf sein Team mit Thomas (Red.: mit Thomas Plößel gewann Erik Kosegarten-Heil zwei olympische Bronzemedaillen) fokussiert war.
Ich halte es für eines der größten Potenziale, eine der größten Chancen unseres Teams, dass Erik in der Lage ist, diese Atmosphäre zu kreieren, ganz leise, auf seine Art. Ich glaube, dass es auch für ihn eine Art Wachstum ist. Eine sportliche Bewertung kann ich schwer treffen, weil ich zwar mal einen Opti-Schein gemacht habe, aber darüber hinaus kein Segler bin.
Es ist mein Eindruck, dass Erik dieses Team auf sehr gute Weise zu seinem gemacht hat.” Tim Krieglstein
Nein. Wir setzen darauf, dass das Team gemeinsam das volle Commitment hat. Andere Teams machen es ja nach wie vor so, dass sie einzelne Stars haben, die aber auch noch andere Sachen machen. Wir setzen sehr stark darauf, uns voll auf den SailGP zu konzentrieren. Keine anderen Kampagnen. Volle Fokussierung auch in der Zwischenzeit auf Trainings. Wir verbringen möglichst viel Zeit miteinander. Das ist ein Ansatz und ein Konzept, das mit einem Star im Team auch weniger gut funktionieren würde. Das Team ist aber schon mit und um Erik gebaut.
Die Top-Drei in Abu Dhabi (lächelt).
Hinweis: Das große Finale in Abu Dhabi steigt an diesem Wochenende vor Abu Dhabi, wird am 29. und am 30. November vom ZDF live gezeigt und von Kristin Recke kommentiert. Hier geht es zur Übertragung.