Das Szenario fürs Sonntagsfinale ist spannend: Nach vier Rennen lag bei der SailGP-Premiere in Rio de Janeiro zwischen den besten fünf Teams jeweils nur ein Punkt. Unter ihnen ist das Germany SailGP Team by Deutsche Bank. Mit den Rängen 6, 3, 9 und einem Sieg im letzten Lauf hat die Crew um Erik Kosegarten-Heil am ersten der beiden Renntage in Rio eine kleine Achterbahnfahrt durchs Klassement absolviert. Am Ende aber katapultierten sie sich in Rennen vier nach schwachem Start aus der zweiten Reihe mit guten Investitionen, teilweise längeren Wegen um die Tonnen, dafür aber mehr Flugzeit und mehr Speed als die Konkurrenz als Erste ins Ziel.
Das letzte Rennen des ersten Tages war aus deutscher Sicht besonders schön anzusehen. Mehrfach nahmen Steuermann Erik Kosegarten-Heil und seine in den leichten Winden nur drei Mitstreiter an Bord bei den Tonnenrundungen die längere Außenbahn. So blieben sie länger auf den Foils, konnten mehr Geschwindigkeit aufbauen und einen Konkurrenten nach dem nächsten überrunden. Mit 53,35 Prozent Flugzeit war Team Germanys James Wierzbowski erfolgreichster Flight Controller des Tages. Die vergleichsweise niedrige Prozentzahl demonstrierte gleichzeitig aber auch, wie schwer die Foiler aus dem Wasser zu bringen waren.
Auch der beste Start des Tages ging mit 0,179 Sekunden nach dem Signal aufs Konto von Schwarz-Rot-Gold. Paradox: Dieser Top-Start gelang in Rennen drei, in dem das deutsche Quartett mit Erik Kosegarten-Heil, Strategin und Grinderin Anna Barth, Flügeltrimmer Kevin Peponnet und James Wierzbowski mit Rang neun sein schlechtestes Ergebnis an diesem ersten der beiden Rio-SailGP-Tage einfuhr. “Heute waren die Starts so unwichtig, wie sie nur sein können. Es war wichtig, als Erster im nächsten Windfeld zu sein”, erklärte Erik Heil am Samstagabend in Rio de Janeiro.
Manchmal war das Windfeld vor einem. Dann war es wichtig, schnell zu starten. Manchmal war das Windfeld hinter einem. Dann war es wichtig, ‘schlecht’ zu starten.” Erik Heil
Diesen Satz löste er noch auf: “Also, nicht richtig schlecht zu starten. Aber so, dass man die Möglichkeit hatte, wieder viel aufzuholen. Das heißt: Bei solchen Bedingungen, in denen es ums marginale Foiling geht, in denen wir in drehigen Bedingungen gerade so auf die Foils kommen, da hat der Start im Verhältnis eine untergeordnetere Rolle. Aber natürlich ist er nie unwichtig. Der Erste war meistens immer noch Erster am Leegate. Es ist immer noch ein wichtiges Element des Rennens. Aber es gibt noch mehr Optionen.”
Von Rang 9 in Rennen 3 ließen sich die Deutschen nicht erschüttern, wie der folgende Wettfahrtsieg zeigte. Da rangen sie am Ende erst die Dänen nieder, bevor die Australier dann noch von den Foils fielen und ebenfalls von Team Germany überrundet wurden. “Das war die Kirsche auf dem Ganzen”, sagte Erik Kosegarten-Heil, konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Auf die Frage nach der größten Herausforderung mit den großen 27.5-Meter-Flügeln in meist nur einer guten Handvoll Knoten Wind sagte der Steuermann: “Ruhig bleiben ist die größte Herausforderung. Es gibt überall auf dem Kurs Ups und Downs. Man kann schnell in eine Frustration geraten.”
Wenn es einen Hit-Tipp geben soll, dann ist es der: ruhig bleiben!” Erik Kosegarten-Heil
Im sehr schwierig zu lesenden Leichtwind behielten unter dem Strich in Rio Tom Slingsbys Bonds Flying Roos mit ihrer Serie 2, 8, 3 und 3 die Bugspitzen mit insgesamt 28 Zählern knapp vor Taylor Canfields US-Team (27 Punkte) und Team Artemis (26 Punkte) mit Fahrer Nathan Outteridge. Slingsby bezeichnete den Tag als “hart und löchrig”, sagte aber auch: “Ich hatte heute Spaß auf dem Wasser.”
Direkt hinter den Top-Drei lauert schon Team Germany (25 Punkte). Die Deutschen haben ihrerseits die gut bekannten spanischen Los Gallos (24 Punkte) mit Diego Botin und Flo Trittel im Nacken. Auch weitere Verfolger lagen am Samstagabend bei SailGP-Halbzeit im ehemaligen Olympiarevier nicht weit zurück. Hier geht es zu den Zwischenständen.
Die Ausgangslage für Tag zwei beim SailGP in Rio sieht Erik Kosegarten-Heil so: “Es geht im Prinzip morgen von vorne los. Wir sind sehr eng zusammen auf den Plätzen eins bis sieben. Da haben wir auch im olympischen Segeln schon immer gesagt: Der nächste Tag ist ein neues Rennen. Wir starten von Null. Rein technisch gilt es, wach zu sein, die Momente zu nutzen, nicht frustriert zu sein, die Kommunikation sachte und bedacht zu halten. Dann hat man die besten Chancen.”
Unglücklich verlief der von Brasiliens Fans herbeigesehnte Premierenauftakt für Lokalmatadorin Martine Grael und ihr Team Mubadala Brasil. Die Brasilianer verpassten vor heimischen Publikum gleich die ersten beiden Rennen, weil sie mit Telemetrieproblemen zu kämpfen hatten. In dem Fall können sie weder die Linien noch die Box sehen, also nicht teilnehmen.
Die Wettfahrtleitung gewährte dem Team zweimal fünf Punkte als durchschnittliche Wiedergutmachung. Die waren am Abend in den offiziellen Tabellenzwischenständen noch nicht direkt addiert. Doch dürften die Brasilianer zum Start in die zweite Halbzeit mit 24 Zählern punktgleich zu den Spaniern auf Platz fünf vorrücken.
Einen eher schwarzen Tag erwischten die britischen SailGP-Champions von 2025. Das Emirates Team GBR verpasste das erste Rennen ebenfalls mit technischen Problemen und humpelte danach mit den Rängen 6, 11 und 12 weiter stark hinter den üblichen Leistungen hinterher. Bei insgesamt nur fünf Zählern lagen Dylan Fletcher, Strategin Hannah Mills und die Crew nach Halbzeit eins nur auf dem zwölften und letzten Platz. Seit dem Heimevent im vergangenen Jahr haben die Briten kein Podium mehr verpasst. In Rio droht ihnen nun genau das.
14 olympische Medaillengewinner sind im Rio-Einsatz – eine glänzende Armada von Top-Akteuren. “Es wird darauf ankommen, wer den besten Überblick hat, den Kurs lesen und den Wind verstehen kann”, hatte Martine Grael vor dem ersten Startschuss gesagt. Die 49erFX-Doppel-Olympiasiegerin und “Königin der Guanabara-Bucht” musste an diesem Tag mit nur zwei von vier Chancen zurechtkommen, ihr Spiel dort zu zeigen, wo sie großgeworden ist. Die nächsten Chancen kommen am Sonntag. Das ZDF überträgt die Rennen am SailGP-Finaltag in Rio zur Prime Time ab 20 Uhr im Livestream hier.

Freie Reporterin Sport