SailGPLeichtwindpoker wie Curling, aber ohne Wischen

Tatjana Pokorny

 · 01.03.2026

Das United States SailGP Team vor Sydneys berühmten Opernhaus.
Foto: Jason Ludlow for SailGP
Der SailGP-Flautenpoker von Sydney hat an diesem Wochenende für einige Überraschungen gesorgt. Erstmals konnte US-Steuermann Taylor Canfiel ein Event mit seinem Team gewinnen. Australiens Top-Favoriten verpassten das Finale. Team Germany hatte mit seinen Starts zu kämpfen.

SailGP-Kommentator Stevie Morrison prägte das Bild für den Sydney-Gipfel an diesem Wochenende, als er den Zeitlupenrennen die “Intensität und die Spannung von Curling” bescheinigte. Der einstige 49er-Weltmeister traf damit den Nagel auf den Kopf, denn beim Flautenpoker im Sydney Harbour waren gelungene Starts und präzises Positionieren auf dem Kurs gefordert. Hinzu kam beim oft quälend langsamen Robben durchs Wasser der Kampf um jeden Meter auf Foils.

Zwiespältiges Vergnügen in flauen Winden

Am besten gelang das an diesem Wochenende in den sehr leichten und unbeständigen Winden dem US-Team um den früheren Matchrace-Weltmeister Taylor Canfield. Die Amerikaner beendeten mit ihrem Event-Sieg eine lange Durststrecke. Für die Mannschaft war es der erste Event-Sieg seit dem Cadiz-Erfolg in Saison vier. Für ihren Fahrer ist es der erste Triumph in der Segelweltliga. “Das ist ein unglaubliches Gefühl”, sagte Taylor Canfield.

Bezwingen konnte das US-Team im Finale die amtierenden britischen SailGP-Meister um Fahrer Dylan Fletcher. Die hatten ihre Bugspitzen zwar im entscheidenden Lauf am Start leicht vorne, wurde aber von den Amerikanern schon an der ersten Marke überholt. Im weiteren Verlauf des Rennens gaben Canfield und Co. die Führung nicht mehr ab, bauten ihren Vorsprung aus und kamen als Sieger ins Ziel. Den Champagner darauf trank der Fahrer im „australischen Stil“ aus dem eigenen Segelschuh.

“Es war heute einfach so schwer, insbesondere mit diesem wirklich schwachen Wind. In den ersten beiden Rennen am Finaltag konnten wir überhaupt nicht foilen. Im Finale dann ein bisschen. Es fühlt sich an, als habe man den Tag “überlebt”. Das ist uns irgendwie gelungen. Wir haben das Finale erreicht und sind Zweite geworden”, fasste Emirates GBR-Strategin Hannah Mills das zwiespältige Vergnügen zusammen.

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Team Germany mit Startproblemen

Der zweite Event-Sieg in der neuen Saison nach dem Perth-Erfolg blieb den Briten als nachträgliches Geburtstagsgeschenk für die am 29. Februar 1988 geborene Hannah Mills in Sydney versagt. Hier geht es zu den Sydney-Ergebnissen. Dennoch rückten die britischen Meister von 2025 in der SailGP-Saisonwertung mit nun 28 Punkten auf Platz ein vor. Zweite sind nun Australiens Bonds Flying Roos (25 Punkte) vor dem erstarkten US-Team und Frankreichs DS Team France (beide 20 Punkte), das nach dem dramatischen Crash mit Neuseelands Black Foils wie die Kiwis in Sydney aussetzen musste.

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Team Germany dagegen fiel mit Rang acht in Sydney nach 3 von 13 Events der neuen Saison auf Platz neun in der Tabelle zurück. Coach Lennart Briesenick hatte schon zur Halbzeit gesagt: „Der Anteil am Erfolg ist bei solchen Bedingungen sehr auf den Start gebunden. Den haben wir in drei aus vier Rennen nicht gut auf die Platte bekommen.“ Am zweiten Tag gelangen Schwarz-Rot-Gold nur teilweise bessere Starts. Ein weiterer zweiter Rang zeigte in der Achterbahnbilanz des deutschen Rennstalls mit den Ergebnissen 8, 9, 9, 2, 9, 2 und 7, was möglich ist.

​Die Starts waren wirklich entscheidend. Auf einer kurzen Strecke ist es sehr schwer, sich wieder nach vorne zu kämpfen, wenn man nicht gut aus den Startlöchern kommt.” Erik Kosegarten-Heil

​Auch Steuermann Erik Kosegarten-Heil hatte die Starts als eine Achillesferse im deutschen Spiel ausgemacht, sagte nach den drei Fleetraces am Finaltag: “Wir hatten einen Start, der nicht nach unseren Vorstellungen verlief, und einen weiteren, bei dem wir im letzten Rennen etwas Pech an der Startlinie hatten. Im ersten Rennen gerieten wir mit den Kanadiern in Konflikt, hatten dann aber ein starkes zweites Rennen und ein solides drittes. Insgesamt fühlte es sich okay an. Nichts Spektakuläres, aber konstant genug, um ein paar wichtige Punkte in der Gesamtwertung zu holen.”

Wieder ein Olympia-Revier: von Sydney geht es zur SailGP-Premiere nach Rio

Erik Kosegarten-Heils Wochenendbilanz fiel entsprechend kritisch aus: “Wir verlassen Sydney also mit gemischten Gefühlen. Es gibt definitiv Dinge, die wir mitnehmen und aus denen wir lernen können. Wir freuen uns sehr auf Rio. Wir haben uns dort vier Jahre lang auf die Spiele vorbereitet, daher ist es ein besonderer Ort für uns. Die Atmosphäre ist immer unglaublich – die Menschen, die Energie – Rio schafft etwas Einzigartiges.”

2016 hatte Erik Kosegarten-Heil mit Thomas Plößel in Rio seine erste von zwei olympischen Bronzemedaillen gewonnen. Ihm bleibt die Zeit unvergesselich, das Revier der Guanabara Bucht zu Füßen des Zuckerhuts bestens bekannt. Die im vergangenen Jahr noch geplatzte Rio-Premiere steigt in gut fünf Wochen am 11. und 12. April.

In Rio de Janeiro fiebern die Fans vor allem dem Einsatz der einzigen Fahrerin im SailGP und ihres Team Mubadala Brazil entgegen: Doppel-Olympiasiegerin Martine Grael ist in ihrer Heimat ein Star, seit sie 2016 im 49erFX mit Kahena Kunze ihr erstes Olympia-Gold holte. Die 35-Jährige aus Rio de Janeiro sagte: “Das waren damals unvergesslich schöne Tage mit der Familie, Freunden und den Fans. Jetzt freuen wir uns im SailGP darauf, endlich zuhause segeln zu können.”

In der Guanabara Bucht mit den Fans im Rücken zu segeln, wird fantastisch sein!” Martine Grael

Enttäuscht beendeten Australiens Topfavoriten der Bonds Flying Roos um Fahrer Tom Slingsby ihr Heimspiel in Sydney. Als Fünfte nach sieben Rennen hatten die als Starkwindliebhaber bekannten Australier den Einzug ins Top-Drei-Finale verpasst. Ihre heftigen Ausschläge in den Ergebnissen hatten nach dem jüngsten Event-Sieg in Auckland mit den Rängen 1, 8, 6, 1, 6, 6 und 10 eher eine Achterbahnfahrt durchs Klassement, nicht aber den klar angestrebten Heimsieg ergeben.

Es war hart da draußen. Ich bin mit Racing im Sydney Harbour großgeworden, aber es war ein sehr löchriger Kurs.“ Tom Slingsby, dreimaliger SailGP-Rekordsieger

Dass die Amerikaner an diesem Wochenende mit 46,16 km/h die höchste und gerade einmal etwa doppelte Geschwindigkeit eines schnell gespielten Curling-Steins erreichten, beschreibt den Windmangel in Sydney gut. Den SailGP-Speedrekord hält seit der Sassnitz-Premiere im Sommer 2025 mit 103,93 km/h das dänische Team Rockwool Racing. Die nächste Chance zu einem Sassnitz-Rekord kommt am 22. und 23. August, wenn die Segelweltliga mit Event neun der sechsten Saison zum zweiten Mal in auf Rügen gastieren wird. Hier geht es zum SailGP-Event-Kalender.

Hier geht es nach der englischsprachigen Live-Sendung am frühen Morgen zur deutschsprachigen ZDF-Übertragung vom SailGP-Finale in Sydney mit Kommentator Nils Kaben. Und das sagten die Fahrer der Teams zum Rennwochenende in Down Under:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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