Ende Mai hatte es beim SailGP in New York geknallt. Im dritten von insgesamt nur drei Fleetraces beim auf einen Tag verkürzten Big-Apple-Event war es im Start zum ebenso schockierenden wie komplexen Dreier-Crash zwischen Amerikanern, Brasilianern im Sandwich und Italienern gekommen. Schreckmomenten und viel Bruch folgten Diskussionen, die immer noch anhalten. Die Amerikaner wurden als Verursacher mit sieben Minuspunkten bestraft. Auch Red Bull Italy kassierte vier Minuspunkte, weil die Azzurri die Kollision nicht vermieden hatten. Lediglich die Brasilianer blieben – ohne Chance zum Ausweichen – ohne Strafpunkte.
Die Debatten über den Fall kamen – und blieben. Und wie ein Schneeball, der einen verscheiten Abhang herunterrollt, wurden sie größer und größer. Die wachsende Kiritk an Liga-Prinzipien: Müssen die Boote im Reach zur ersten Wendemarke starten? Wäre nicht eine Kreuz zum Rennauftakt weniger gefährlich? Und sind nicht diese Foiler überhaupt viel zu gefährlich, das Rennformat in jetziger Form einfach nicht richtig?
Liga-Boss Russell Coutts, seit der SailGP-Gründung 2018, in bislang fünf absolvierten Saisons und im laufenden Jahr kritik- und sturmerprobt, verfolgte auch diese jüngste Welle aufmerksam. Und zunächst still. Doch nun ist ihm offensichtlich der Kragen geplatzt. Der 64 Jahre alte fünfmalige America’s-Cup-Gewinner und Olympiasieger hat den Kritikern eine Standpauke gehalten. Den Clip dazu schickte die Liga durch die sozialen Netzwerke.
Coutts eröffnet sein Kontra mit Bezug auf den Kritikhagel und sagt: “Im Internet wurde viel über den SailGP diskutiert. Ich muss sagen: Das meiste ist wirklich uninformiert und enttäuschernderweise auch nicht gut durchdacht.” Mit mehr als einem Hauch Ironie in der Stimme fragt Coutts: “Amwindstarts? Wirklich?”
Coutts beantwortet die von ihm provokant aufgeworfene Frage selbst: “Das würde im SailGP einfach nicht funktionieren. Wenn die Hälfte der Flotte auf Steuerbordbug und die Hälfte auf Backbordbug startet, kann man sich doch vorstellen, das Boote, die auf Backbordbug überlappen, und dann auf spät ankommende Boote auf Steuerbordbug treffen, im kompletten Chaos enden.” Weshalb ein Reaching-Start in einem Schlag, so hält Coutts kurz fest, “definitiv das Optimum” sei.
Dazu verweist Coutts auf eine weitere Gefahr des Amwindstarts: Die Boote, die fast simultan die Kursbegrenzung auf der Backbordseite erreichten, die würden das nächste Chaos anrichten. Coutts’ Fazit: “Es ist doch schon nach fünf Sekunden des Nachdenkens klar – was offensichtlich einige dieser Leute nicht getan haben – das das nicht funktioniert”.
Damit ist es für Coutts aber noch lange nicht genug. Er fährt fort und sagt: “Die andere Sache mit den F50er ist die, dass die Crews im Manöver die Seiten wechseln müssen. Es braucht also ein bisschen Zeit zum Manövrieren. Das ist auch eine Überlegung wert.” Dann kommt Coutts auf den SailGP als Sportprodukt zu sprechen und erklärt: “Die Hauptgrund dafür, dass der SailGP ein viel größeres Publikum als nur die Segelfanbasis anspricht, ist seine leichtere Verständlichkeit.”
Als sein Team einst mit dem SailGP durchgestartet war, habe man unter anderem Studien zur Fanbindung durchgeführt. Dafür haben wir echte Rennbilder genutzt, in diesem Fall tatsächlich von einem unserer Rennen in Chicago. Das Verstehen dieser Rennen ist eine der entscheidenden Hürden auf dem Weg, neue Fans zu begeistern. Was bedeutet: Je verständlicher man es machen kann, je besser. Und da ist dieser erste Reach, der Start, dieses Rennen um die Spitzenposition an der ersten Wendmarke, ein aufregender Teil des Rennens für jeden. Du musst kein segelnder Fan sein um das zu verstehen.”
Wenn du am Wind startest und die Boote in gegensätzliche Richtungen davonsegeln, dann kann ich garantieren, dass das für jeden neuen Sport- oder Racing-Fan, der noch keine Erfahrungen mit dem Segeln gemacht hat, verwirrend wäre.” Russell Coutts
Im Anschluss an diese Erklärungen gab es von Coutts auch noch Seitenhiebe in Richtung der Berichterstatter. Der Neuseeländer sagte: “Worum geht es also bei all dieser Kritik? Es sind ein paar Journalisten, oder sogenannte Journalisten, die wirklich versuchen, den SailGP zu Fall zu bringen. Und warum das? Weil sie denken, dass sie mit dem Runterziehen des SailGP ihr Lieblingsprodukt namens America’s Cup fördern.” Dazu gab Coutts einen aus seiner Sicht besseren Tipp: “Der Weg, den America’s Cup zu fördern, ist, ihn zu steigern, ihn zu reparieren, ihn besser zu machen.”
Der Weg, den America’s Cup zu stärken ist nicht der, den SailGP niederzumachen. Und selbst, wenn sie das versuchten, würden sie damit sowieso nicht erfolgreich sein. Dafür ist der SailGP jetzt zu groß geworden.” Russell Coutts
In jedem Fall würde, so Coutts, “die Kritik ins Leere laufen”. Er sagte an die Kritiker gerichtet: “Sie sollten versuchen zu überdenken, ob sie als Experten im Sport angesehen werden wollten. Dann sollten sie versuchen, die Dinge ein bisschen tiefer zu durchdenken als sie es getan haben.” Zum Crash von New York wies Coutts auch noch einmal intensiv auf die Vermeidungspflicht von Kollisionen als fundamentale Grundregel auf See hin. Gleichzeitig kündigte Coutts an, dass die Liga Schritte unternehmen werde um sicherzustellen, dass die Teams in Zukunft wachsam sein werden.
Eine gute Kunde gab es kurz vor dem Halifax-Gipfel am Wochenende auch noch: Es ist dem SailGP-Techteam in einem XL-Kraftakt offenbar gelungen, alle drei demolierten Foiler rechtzeitig wieder flottzubekommen. Das vermeldete die Liga am frühen Morgen des 18. Juni. Das US-Team, die Brasilianer und nun voraussichtlich auch die Italiener sollten laut Liga für die Rennen am Samstag und am Sonntag startklar sein. Inklusive dem bereits angekündigtem Comebacks von Neuseelands Black Foils dürfte damit die Flotte erstmals wieder komplett sein. Das ZDF überträgt die Rennen in seinem SailGP-Stream am 20. und 21. Juni ab 21 Uhr.

Freie Reporterin Sport
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