Die Crews, die Fans, die Liga und die Gastgeber haben die SailGP-Premiere in Sassnitz umarmt: 13.000 zahlende Stadion- und Tribünenbesucher erlebten ein Rennwochenende, wie man es so nie zuvor in Deutschland sehen konnte. Erst gewann das Germany SailGP Team das Auftaktrennen, dann brach das dänische Team Rockwool Racing den Speedrekord, erreichte in der Ostsee-Arena vor Rügens Kreidefelsenkulisse 103,93 Stundenkilometer.
Bruch gab es auch. Und das nicht zu knapp. Den dramatischsten Rückschlag hatten die erste SailGP-Fahrerin Martine Grael und ihre Team Mubadal Brazil bereits am Freitag vor dem deutschen Gipfel erleben müssen, als erst der Beam und dann das riesige Flügelsegel brachen – das Aus für die Südamerikaner. Danach erwischte es die Franzosen, deren Ruder nach Bruch spektakulär weggeflogen war.
Das Bruch-Finale erwischte Briten und Amerikaner, als der US-Foiler am Samstag in den englischen Katamaran rauschte und ein heftiges Loch in den Rumpf bohrte. Dylan Fletcher und seine Crew waren not amused. Über-Nacht-Schichten der Tech-Teams und kreative Lösungen führten dazu, dass sowohl die Franzosen als auch die Briten am Finalsonntag wieder durchstarten konnten.
Hochmotiviert, beantworteten die Franzosen ihren Rückschlag an Renntag zwei mit den Rängen 4, 8 und 4, die Briten konterten noch wesentlich erfolgreicher mit zwei Tagessiegen und einem zweiten Rang. Beide Teams erreichten hinter den über sieben Fleetraces souverän agierenden australischen SailGP-Rekordsiegern das Finale der besten drei Teams.
Das Nachsehen hatten punktgleich Peter Burlings Black Foils und das Germany SailGP Team. Mit nur drei Punkten Rückstand auf die Franzosen, verpassten Kiwis und Deutsche den Sprung ins Finale. Es wäre der erste Finaleinzug für Team GER in seiner zweijährigen Teamgeschichte gewesen.
“Da sind natürlich ein bisschen gemischte Gefühle. Es wäre ein absolutes Highlight gewesen, vor dieser Familien-Heimkulisse noch das Finale zu machen”, sagte Erik Kosegarten-Heil ehrlich. Die Bedingungen draußen auf dem Kurs – da waren sich alle Segler und Seglerinnen einig – waren an diesem Sonntag mit Druck zwischen drei und 20 Knoten und starken Drehern mehr als fordernd.
“Wir waren eigentlich recht happy mit den Starts. Wir hatten, glaube ich, den besten Startschnitt des Wochenendes”, sagte der Steuermann aus Strande. Das bestätigte auch der Flensburger Coach Lennart Briesenick, sagte: „Ich bin ganz zufrieden mit den Starts. Wir haben in allen Rennen gezeigt, dass wir völlig wettbewerbsfähig sind.”
Wir haben einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Aber wir müssen und wollen unbedingt weiter.” Lennart Briesenick
Das hätten wir gerne nach Hause gefahren, aber an so einem Tag suchst du dir das nicht aus.” Erik Kosegarten-Heil
Schwere Dreher und der fast schon Lotterie-reife Positionierungspoker haben schließlich im letzten Fleetrace den Ausschlag über den Finaleinzug gegeben. Sein Team, so Kosegarten-Heil, habe vor dem letzten Rennen, vermutlich sogar vor der letzten Kreuz in Lauf sieben mit einem Bein im Finale gestanden.
Gleichzeitig wusste der zweimalige olympische Bronzemedaillen-Gewinner um die insgesamt gute Vorstellung, die er mit Strategin Anna Barth, Wing Trimmer Stuart Bithell, Flight Controller James Wierzbowski und den Grindern Felix van den Hövel, Jonathan Knottnerus-Meyer und Will Tiller an diesem Sassnitz-Wochenende gegeben hatte. Ihr Publikum feierte sie dafür.
Es ist unser bestes Ergebnis in dieser Saison. Die Bilanz ist absolut positiv. Die Fans haben es geliebt.” Erik Kosegarten-Heil
Dass die deutsche Mannschaft vor dem Heimspiel von der Liga vier Tage Extra-Traing gewährt bekam, habe, so der Steuermann, einen positiven Einstieg in die Rennen vor Sassnitz ermöglicht. Das Stopp-and-Go, das in den stark schwankenden Sonntagswinden für die Zuschauer Krimispannung brachte, verursachte bei den Crews im Gegensatz zum rauschenden ersten Renntag einige Kopfschmerzen.
“Es war einer der heftigsten Tage in der ganzen Saison. Die Teams werden das wahrscheinlich alle sagen. Es war absolut irre, was wir da für Böen und Dreher hatten und welche Winkel wir gefahren sind. Ich weiß gar nicht, ob man das auf der Tribüne überhaupt nachvollziehen kann. Es war so heftig, was da die ganze Zeit passierte: Irgendwlche Leute beschleunigen, hier werden sie langsam, hier sind sie wieder auf den Foils…”, beschrieb Erik Kosegarten-Heil die schwierige Sonntagsmission.
Hut ab vor den Kommentatoren, die dazu was sagen sollten.” Erik Kosegarten-Heil
Am Finalsonntag hatte zunächst kurz vor Rennbeginn noch der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel das Steuer des deutschen Rennkatamarans übernommen und erntete Jubelstürme beim Einsatz im nassen Element. Der 38 Jahre alte Heppenheimer hatte den GER-Rennstall 2023 mit Initiator Thomas Riedel gegründet, ist Miteigentümer. Vettel beschreibt den SailGP als “Rennsport ohne Bremsen”.
Gewonnen hat den ersten Sassnitz-Gipfel der schnellsten Segelliga der Welt Team Frankreich vor Emirates GBR und Australiens Bonds Flying Roos. “Ich nehme viele gute Erinnerungen von diesem deutschen Sail Grand Prix mit”, sagte Frankreichs Steuermann Quentin Delapierre nach der Achterbahnfahrt seiner Equipe.
Zu den Tiefpunkten zählte die Reparatur des französischen F50-Foilers, zu den Hochs die knappe Qualifikation fürs Finale und der Sieg-Coup im Dreikampf mit Australiern und Briten. Da war das “französische SailGP-Märchen”, wie es die Liga betitelte, perfekt.
Das Germany SailGP Team hatte den ersten Finaleinzug in seiner zweijährigen Teamgeschichte auf Platz fünf nach sieben Rennen um nur drei Punkte verpasst. “Wir sind trotzdem sehr glücklich, haben gesehen, dass unsere harte Arbeit sich in vielen Bereichen auszahlt”, sagte Erik Kosegarten-Heil.
Unser Team hat für dieses Event alles gegeben.” Erik Kosegarten-Heil
Der Mann am Steuer sagte weiter: “Ich glaube, viele waren sehr zufrieden. Die Leistung gibt uns Selbstvertrauen. Das Publikum war der Hammer!” Das Germany SailGP Team konnte zwar seinen elften Platz in der laufenden Saisonmeisterschaft nach acht von zwölf Events noch nicht verbessern, aber dem Team-Konto nach Ausgleich der vielen Strafpunkte von Sydney endlich sechs wertvolle Pluspunkte hinzufügen. Tabellenführer ist nun Australien vor Neuseelands Black Foils und Team Emirates GBR. Zur Saison-Tabelle geht es hier.
Mehrere Kollisionen und Bruch an Bord der rasenden F50-Katamarane, in deren Folge erst Brasilien, dann auch die USA ausgeschieden waren, hatte der engagierten Premierengastgeberstadt Sassnitz zwischendurch den Spaßnamen «Crashnitz» beschert. Bis zum Dreier-Finale hatten die besten Segler der Welt vor tosendem Publikum auf den XL-Tribünen schwere Aufgaben zu lösen – fürs die Zuschauer ergab sich daraus eine so spannende wie spekatkuläre Segelegelschau.
Bereits zum Auftakt hatten die Liga-Verantwortlich am Samstag ihr Sassnitz-Comeback für den 22. und 23. August 2026 und mindestens einen weiteren Germany Sail Grand Prix in 2027 bestätigt. Der fünfmalige America's-Cup-Gewinner und SailGP-CEO Russell Coutts hatte gesagt: “Dieses starke SailGP-Debüt bestätigt uns in unserer Einschätzung, dass Deutschland ein wichtiger Markt für uns ist.”
Sebastian Vettel verabschiedete sich mit Begeisterung von Sassnitz, sagte: “Es war eine besondere Woche hier: nicht nur die Deutschland-Premiere für den SailGP in Sassnitz, sondern es hat auch die erste Inklusive Segelregatta bei einem SailGP stattgefunden. Mit dem Team als Partner durfte ich gestern mit der Siegerin Nomine segeln, was echt toll war.” Der 38-jährige Rennsport-Star hatte sich sehr viel Zeit für die Inklusiv-Regatta und auch für das Kennenlernen der Teilnehmer genommen.
Für das Herzensprojekt segelte Seb Vettel am Sonntag mit einem Helm und der Aufschrift “Alle an Bord”. Er sagte: “Mit dem Helm wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Behinderung auch am Segelsport teilnehmen dürfen und sollen, daher auch der Slogan ‘Alle an Board’ und das Design.” Den Helm, der noch versteigert werden soll, hatte das deutsche Team mit Sebastian Vettel designt, um für mehr Inklusion im Segelsport zu werben. Der Erlös geht an den Verein Wir sind Wir – Inclusion in Sailing.
Abschließende Gedanken – das Debriefing aus Sassnitz mit den internationalen Kommentatoren:

Freie Reporterin Sport