Beim ersten Rolex Sail Grand Prix in Rio de Janeiro gab es an diesem Wochenende Überraschungen in Serie. Das passte zu dem vor und während des Events so häufig ausgesprochenen Satz: “In Rio ist alles möglich.” Nur für die Titelverteidiger im Rolex SailGP erschien an beiden Renntagen kaum etwas möglich.
Erst verpassten Dylan Fletcher und das Emirates Team GBR das Auftaktrennen mit technischen Problemen. Dann lief es auch in den folgenden sechs Fleetraces nicht gut für das Team, das mit einem Event-Sieg und zwei zweiten Plätzen so überzeugend in die sechste Saison eingestiegen war. In Rio de Janeiro gab es jetzt ein völlig anderes Bild: Die Briten kamen mit einer Durchschnittsplatzierung von 10,2 nicht über den zwölften und letzten Platz hinaus.
“Es war sicher nicht unser bestes Wochenende”, räumte Doppel-Olympiasiegerin Hannah Mills am Sonntagabend in Rio ein. Steuermann Dylan Fletcher machte es kurz: “Offensichtlich sind wir nicht gut genug gesegelt. Aber ich bin stolz darauf, dass das Team an diesem schwierigen Wochenende trotzdem immer wieder gekämpft hat.”
Strategin Hannah Mills erinnerte umgehend daran, wo ihr Team nach nunmehr vier Events aber trotzdem noch steht: “Es war ein hartes Event. Aber wir sind insgesamt stark in die Saison gestartet und sind in der Meisterschaft immer noch in guter Position.” Damit meint sie den zweiten Platz in der laufenden Meisterschaftswertung der sechsten Saison.
Auch die andere Doppel-Olympiasiegerin in der mit insgesamt 14 olympischen Medaillengewinnern hochdekorierten SailGP-Flotte hätte sich ein etwas besseres Ergebnis als Platz neun gewünscht. Lokalmatadorin Martine Grael und ihr Team Mubadala Brazil verpassten beim Event-Start gleich zwei Rennen mit defektem Telemetrie-System. Die dafür überwiesenen zweimal fünf Punkte waren nur mäßig hilfreich beim Plan, vor heimischem Publikum zu glänzen.
Martine Grael zog aber nach dem Heimspiel vor knapp 8000 Fans trotzdem positiv Bilanz: “Es war ein ganz besonderes Ereignis hier in Rio. Unter diesen Bedingungen zu segeln, besonders vor dem Zuckerhut, ist sowohl eine Herausforderung als auch unheimlich viel Spaß.”
Ihre Einschätzung des Reviers, in dem sie aufwuchs und das Segeln lernte: “Der Wind ist sehr wechselhaft. Ich glaube, das hat alle an ihre Grenzen gebracht. Letztendlich kommt es beim Segeln auf Beständigkeit an, und das ist etwas, woran wir als Team noch arbeiten müssen. Hoffentlich können wir ein viel besseres Ergebnis und eine noch bessere Show liefern, wenn wir nach Brasilien zurückkehren.” Die Zusammenfassung der Rio-Premiere gibt es hier.
Die beste Show lieferten an diesem Wochenende der dreimalige SailGP-Rekordsieger Tom Slingsby und seine Bonds Flying Roos. Schon in der ersten Halbzeit nach guten Auftritten vorne, knallten die als Starkwind-Könner bekannten Australier der Konkurrenz am Sonntag in den drei verbliebenen Fleetraces drei aufeinanderfolgende Siege vor die Bugspitzen. Der letzte davon war knapp. Bis auf die Linie duellierten sich die “Fliegenden Kängurus” mit Erik Kosegarten-Heil und dem Germany SailGP Team.
Mit bloßem Auge war kaum auszumachen, welches Team gewonnen hatte. Die Zeitmessung wies zunächst mit einem angezeigten Rückstand von 0.00 Sekunden ein Unentschieden aus. Kurz darauf wurde der Rennsieg dann den Australiern zugesprochen, die danach auch im Finale trotz zwischenzeitlichem kurzem Führungswechsel insgesamt souverän zum Rio-Sieg segelten. Dabei verwiesen sie Spaniens Los Gallos und das schwedische Team Artemis auf die Plätze zwei und drei.
Der deutsche Rennstall erlebte in Rio eine kleine Achterbahnfahrt durch Klassement. Zur Halbzeit lag das am Samstag in nur einer guten Handvoll Knoten Wind geforderte GER-Quartett nach vier Rennen auf Platz vier in Schlagdistanz zu den Top-Drei. Das war die mit den Rängen 6, 3 und 9 sowie einem bildschön erkämpften Rennsieg erfochtene Chance zum Finaleinzug.
Diese Hoffnungen aber platzten, als dem deutschen Team an Tag zwei in den drei Rennen des Tages die beiden ersten Starts gründlich misslangen. Erik Kosegarten-Heil erklärte: “Der Wind war heute etwas stärker als wir erwartet hatten. Das hat unsere Startstrategie ein bisschen aus den Fugen gebracht. Wir sind zweimal nicht von der Linie weggekommen.”
Ich hatte heute große Probleme, vom Start wegzukommen. Von dem Punkt an waren es schmerzhafte Rennen.” Erik Kosegarten-Heil
Im letzten Sonntagsrennen mit der gesamten Flotte lief es anders: “Als wir beim dritten Start besser losgekommen sind, hatten wir ein gutes Rennen. Lasst uns also die Starts verantwortlich machen, dann blicken wir den nächsten Rennen freudig entgegen“, sagte der Fahrer nicht ohne Eigenironie. Warum die divenhaften Winde das Segeln zwischen Zuckerhut und Christusstatue für viele Teams zum Topfschlagen machten, erklärte Erik Kosegarten-Heil auch.
Der 36-Jährige aus Strande bei Kiel sagte: “Es war eine zusätzliche Herausforderung, dass die Windsysteme sehr instabil waren und gegeneinander gearbeitet haben, und man den Start nicht nur anhand seines Timings definieren konnte. Und dazu Schwierigkeiten hatte zu identifizieren, ob man man zur Linie zurückkommt oder nicht. Das hat die Starts hier besonders schwer gemacht.”
Wenn man die Rennen durch die Anbord-Kameras betrachtete, dann sah man Frustration bei allen Teams.” Erik Kosegarten-Heil
Auf die Haben-Seite nahm der deutsche Rennstall in der Rio-Endabrechnung einen guten sechsten Platz mit, den andere gerne gehabt hätten. Dazu kamen für Erik Kosegarten-Heil weitere positive Erkenntnisse: “Wir haben mittlerweile ein relativ gutes Gefühl für die verschiedene Modes mit dem Boot. Es passt mit Kevin, James und mir auch im Kommunikationsloop für den Speed ganz gut zusammen.”
Weiter sagte der Steuermann, der in der Guanabara-Bucht zehn Jahre zuvor mit Thomas Plößel die erste seiner beiden Bronzemedaillen gewonnen hatte: “Es sind coole einzelne Faktoren, die sich entwickeln. Aber insgesamt ist noch ein bisschen Arbeit zu tun. Wir waren zu viert relativ stark im Boot unterwegs (Red.: in Vierer-Konstellation wurde in den ganz leichten Winden am Samstag gesegelt). Zu fünft (Red.: am Sonntag) wechseln die Aufgaben ein bisschen. Ich glaube, da ist noch ein bisschen Abstimmung zu entwickeln.”
Man kann nicht sagen, dass wir ein schlechtes Wochenende hatten. Wir haben viel gemeistert, womit andere richtig Schwierigkeiten hatten.” Erik Kosegarten-Heil
Elf Punkte fehlten Team Germany nach sieben Fleetraces zum Einzug ins Finale der Top-Drei. Doch ein Ergebnis in der Tabellenmitte, ein Rennsieg und beinahe noch ein zweiter konnten sich sehen lassen. Für die Saisonwertung folgte daraus nach dem ersten Drittel, dass Schwarz-Rot-Gold mit insgesamt 15 Zählern auf Platz acht vorgerückt ist. In der Rolex SailGP Meisterschaft führen vor den noch ausstehenden neun Events Australiens Bonds FLying Roos (35 Punkte) vor dem Emirates Team GBR (28 Punkte) und dem US-Team (27 Punkte).
Kritik gab es von einigen Teams am Set-up der F50-Foiler an Tag zwei, als die Winde nach sieben, acht Knoten am Vortag plötzlich mehr zunahmen als gedacht. 49er-Olympiasieger Nathan Outteridge, der sein Team Artemis auf Platz drei steuerte, sagte am Sonntagabend: “Für uns war es ein erfolgreiches Event. Wir haben es ins Finale geschafft, was einen großartigen Schritt nach vorne bedeutet. Es war unser erstes Finale als Team. Heute war es schwierig in den böigen Bedingungen, in denen wir mit den 27,5-Meter-Flügeln etwas überpowert waren.”

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