In keiner Disziplin ist Brasilien bei Olympischen Spielen historisch so erfolgreich gewesen wie im Segelsport. Acht Gold-, drei Silber- und acht Bronzemedaillen steuerten die südamerikanischen Segler der Olympia-Bilanz ihres Landes bei. Von diesen 19 Medaillen holte alleine Familie Grael mit neunmal Edelmetall fast 50 Prozent!
Torben Grael, inzwischen 65 Jahre alt und auch Ocean-Race-Gewinner 2008/2009 sowie mit dem italienischen Team Luna Rossa zur Jahrtausendwende Sieger in der Herausfordererrunde zum America’s-Cup, gewann 1984 Silber in der Soling. Nach dem Wechsel ins Starboot erkämpfte er 1988 Bronze, 1996 dann seinen ersten Olympiasieg. In Sydney 2000 stand Torben Grael als Olympia-Dritter erneut auf dem Podium, bevor er in Athen 2004 sein zweites Starboot-Gold gewann. Bruder Lars Grael holte 1988 und 1996 Bronzemedaillen im Tornado.
Für Tochter und Nichte Martine Soffiatti Grael war die familiäre Medaillenflut Ansporn und Inspiration zugleich. Sie fügte der brillanten Familien-Olympiabilanz zwei 49erFX-Goldmedaillen hinzu. Das alles muss man wissen um zu verstehen, warum die Familie Grael in Brasilien Legendenstatus genießt. Mehr noch gilt das, weil Martine ihre erste Goldmedaillen im Skiff mit Kahena Kunze genau dort gewann, wo sie schon als Kind trainierte und wo die Segelwurzeln der Graels liegen: in der Guanabara Bucht von Rio de Janeiro. Zwischen Zuckerhut und Christusstatue wurde sie zur Nationalheldin.
Das war der ikonischste Tag meines Lebens.” Martine Grael
“Das wir mir auf immer unvergesslich bleiben. Im Prinzip war jeder, den ich damals kannte, in dem Moment an diesem Strand. Es war einfach unglaublich”, sagt die gerade am 12. Februar 35 Jahre alt gewordene Martine Soffiatti Grael, die 2021 in Enoshima den Olympia-Titel mit Kahena Kunze verteidigte, die ebenfalls im SailGP aktiv ist. Auch Martine Soffiatti Grael hat – wie ihr Vater – ein Ocean Race um die Welt bestritten, war 2017/2018 mit Team AkzoNobel im Einsatz. Jetzt ist die Angreiferin aus Niterói im Bundesstaat Rio de Janeiro die Frontfrau im SailGP.
Es war ihre Mutter, die sie als kleines Mädchen schon mit auf die Europe-Jolle genommen hat. Martine erinnert sich daran, dass sie dabei oft versucht hat, mit den Händen das Wasser zu berühren. Oder mit den Haaren. Sie erinnert sich an den Spaß, den sie dabei empfunden hat. “Du bist aufgewachsen, wo du zu dem geworden bist, was du bist”, sagt sie heute. Sie glaubt daran, “dass es die kleinen Dinge sind, die den Unterschied machen”.
Ihre Eltern hatten sie damals gefragt, ob sie lieber Spaßsegeln mit Freunden oder den Regattasport machen wolle. Sie liebte und liebt das Racing und den Wettkampf. Auf die Ergebnisse habe ihr erfolgreicher Vater nicht so sehr geachtet. Sein Motto ihr gegenüber: “Wenn du dein Bestes gibst, bin ich happy.” Ihr Bruder Marco Grael, selbst Olympiateilnehmer im 49er und Crew-Mitglied in Martines SailGP-Team Mubadala Brasil, sagt über seine Schwester: “Sie hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Jeder Schritt hat ihr die weitere sehr gute Erfahrung gegeben, die sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist: eine herausragende Seglerin.”
Mein Vater war immer mein Idol, meine Quelle der Inspiration und der Information.” Martine Grael
Die Olympischen Spielen haben mich gelehrt, dass – egal, wie gut du vorbereitet bist – es auch darum geht, die Leistung im richtigen Moment zu bringen. Im richtigen Moment die richtige Einstellung zu haben,” sagt Martine Grael rückblickend auf ihre beiden Olympiasiege, aber auch auf die Olympia-Regatta in Marseille, wo es für sie und Kahena Kunze nicht nach Plan lief. Da zählten auch Marla Bergmann und Hanna Wille zu den Bezwingerinnen der Legendenseglerinnen. Die jungen deutschen Seglerinnen wurden bei ihrer Olympia-Premiere Sechste, die Brasilianerinnen “nur” Achte.
Es war Anfang 2024, als Martine Grael sich zunehmend mit dem SailGP befasste. Zur fünften Saison war sie dann als historisch erste Fahrerin mit Team Mubadala Brazil in die Weltliga auf Foils eingestiegen – ein echter Meilenstein für Frauen im Hochleistungssegelsport. SailGP-Gründer und Dirigent Russell Coutts sagte damals: „Martine hat unglaubliches Talent und hat gezeigt, dass sie den Sport auf dem höchsten Level beherrscht.“
Wie auch andere Neueinsteiger, hatten die Brasilianerin und ihr Team Mubadala Brazil in der ersten Saison (SailGP-Saison fünf 2025) einige heftige Rückschläge einzustecken. Dazu zählten Mastbruchschocks beim Einstiegstraining vor Bermuda und bei der SailGP-Deutschlandpremiere in Sassnitz im Sommer 2025. Auch die in Folge von Flügeldefekten bei den F50-Foilern erfolgte Absage der schon im vergangenen Jahr geplanten Rio-Premiere traf Martine Graels Team hart.
Jetzt steuert sie wieder ihre Heimat an. Im kommenden Monat geht es am 11. und 12. April in Rio de Janeiro zur Sache. “Es ist immer aufregend, zuhause zu starten. Es ist der Rennkurs, auf dem ich das Segeln gelernt habe”, sagt sie einen Monat vor dem vierten SailGP-Event der angelaufenen sechsten Saison. Sie weiß: “Es könnte auch kompliziert werden wie wir es zuletzt in Sydney erlebt haben. Aber ebenso gut könnten faire Winde wehen.”
Martine Graels Team liegt nach den ersten drei Events der erst zweiten SailGP-Saison für die Brasilianer auf Platz 11 unter 13 Teams. Sie wird es nicht dabei belassen, konnte zuletzt in Sydney mit vier Top-Fünf-Rängen schon zeigen, wo es möglichst bald hingehen soll. Ihren ersten Sieg in einem Einzelrennen hatten die Brasilianer bereits beim Mubadala New York Sail Grand Prix 2025 in New York erfochten und gefeiert.
Nächste große Ziele des Teams, für das Laser-Olympiasieger Paul Goodison die Strategie verantwortet, sind Rennsiege in dieser Saison und ein Event-Sieg. Hier geht es zum SailGP-Klassement nach drei von 13 Events in der sechsten Saison.

Freie Reporterin Sport