Tatjana Pokorny
· 24.03.2024
Selten hat man den sonst meist kontrollierten neuseeländischen Steuermann Peter Burling so oft und so emotional seine Faust in den Himmel über Neuseeland strecken sehen. Dieser Heimsieg schmeckte dem Steuermann der “Black Foils” und seiner Mannschaft ganz besonders gut. Nicht nur hatten die Kiwis vor heimischem Publikum bis ins souverän gewonnene Triple-Finale eine Galavorstellung gegeben. Mit dem Sieg übernahmen sie nach neun von 13 Regatten auch die Führung in der Saisonwertung, verdrängten Tom Slingsby und die Australier nach ihrem Aussetzer im Lyttelton-Hafen von der Tabellenspitze.
Mit einem erneut perfekt getimten Start und makellosen Runden im Hafenrevier von Lyttelton ließ America’s-Cup-Dominator und 49er-Olympiasieger Peter Burling mit seiner Crew keinen Zweifel daran, wer die Profiliga im Land der langen weißen Wolke regiert. Nach der Absage der Rennen am Vortag, als die Sichtung von Hector-Delphinen auf dem Rennkurs die Austragung unmöglich machte, entschädigte der turbulente Finaltag in vielfältiger Weise für die entgangene Action, auch wenn am Abend in Neuseeland nicht alle Teams glücklich waren.
Peter Burlings Flügeltrimmer Blair Tuke sagte: “Wir wollten heute für die Fans eine tolle Show aufs Wasser bringen und sind sehr glücklich, dass uns das gelungen ist. Ich bin total begeistert. Ein tolles Regattawochenende, ein Sieg zu Hause, Fanmassen und wunderschöne Bedingungen – besser geht’s nicht.” Im Finale verwiesen die Kiwis Quentin Delapierre und Team Frankreich sowie ihren Landsmann Phil Robertson und dessen kanadisches Team auf die Plätze zwei und drei. Spanien hatte den Einzug ins Finale der besten drei Teams zuvor knapp verpasst.
Mit positiver Bilanz beendete auch Sebastian Vettels Rennstall die Regatta in Neuseeland. Das Germany SailGP Team konnte zwar dieses Mal nicht mit seinen zu zögerlichen Starts, dafür aber mit gelungenen Aufholjagden glänzen. Wie schon bei der Regatta zuvor in Sydney, holten Steuermann Erik Heil und sein Team auch in Neuseeland als jüngster Liga-Neuzugang erneut Platz fünf im Konzert der zehn SailGP-Mächte.
Unser Team hat sich mit diesem Schiff heute in hochstressigen Situationen auf dem Rennkurs bewährt” (Lennart Briesenick)
Entsprechend zog Coach Lennart Briesenick Bilanz: “Ich bin ganz zufrieden mit dem Ergebnis und der Standortbestimmung. Es war heute echt schwieriges Segeln für alle. Riesig viel Arbeit. Aber objektiv von draußen betrachtet, hat sich unser Team mit diesem Schiff heute in hochstressigen Situationen auf dem Rennkurs hier bewährt. Man konnte auch bei allen anderen Teams sehen, dass da Schwierigkeiten waren. Unser Team hat es in jedem Rennen geschafft, sich nach vorn zu arbeiten. Insofern Hut ab für diese Leistung, das Boot technisch zu segeln und den Überblick zu behalten.”
Gleichzeitig sah Lennart Briesenick nach den insgesamt drei bis zum Finale bestrittenen Rennen auch Optimierungspotenzial: “Eine ganz klare Verbesserungsmöglichkeit sind die Starts. Es waren drei Starts, die nicht gut waren. Daran müssen wir in Zukunft arbeiten, um Positionen noch weiter oben zu ermöglichen.”
Auch Erik Heil wusste: “Wir hatten schlechte Starts. Bei den letzten beiden Events hatte unsere Start-Strategie gut funktioniert. Der Event hier war ein Negativ-Beispiel, da ging die Strategie nicht so richtig auf. Das hat sich nicht gut angefühlt. Der fünfte Platz insgesamt ist natürlich super. Aber es war eben auch schon so, dass man sich gesagt hat: ‘Hätten wir heute einen coolen Tag gehabt, wären wir ins Finale gefahren.’” Das deutsche Formel-1-Team des Segelsports wird hungriger.
Weiter sagte Erik Heil, der mit seinem Team in der rasanten Action “eher auf der konservativen Seite” agierte: “Es gab nur vier Boote, die an diesem Wochenende keinen Crash hatten. Da waren wir gut außen vor, haben uns gut aus allem Ärger rausgehalten.” Ganz andere Probleme hatten die Australier. Die dreimaligen SailGP-Saisonsieger um Steuermann Tom Slingsby litten beim “Demolition Derby” im ersten Rennen im Lyttelton-Hafen besonders.
Es ist ein beängstigender Moment, wenn man das Gefühl hat, dass man jemanden umbringen könnte” (Tom Slingsby)
Die Sieggewohnten aus Down Under kollidierten gleich im ersten Rennen mit einer Kursmarke, mussten nach dem Schock mit erheblichen Schäden aufgeben. “Mir war in der Situation klar, dass wir Kanada voll treffen würden und unser Bug direkt auf ihre Strategin (Red.: Annie Haegar) zuhielt”, berichtete Tom Slingsby später. “Ich musste eine Entscheidung treffen und hatte die Sicherheit der Leute im Visier. Also habe ich mit dem Boot so stark wie möglich auf die Marke zugehalten.” Slingsby fügte hinzu, dass er “wusste, dass die Marke dort war – ich hatte sie gesehen”.
Weiter sagte der offensichtlich von dem Vorfall beeindruckte Segelstar: “Es war ziemlich emotional. Es ist ein beängstigender Moment, wenn man das Gefühl hat, dass man jemanden umbringen könnte.” Im Licht der Ereignisse bezweifelte Slingsby sogar, dass Australien bei der kommenden Regatta im Revier von Bermuda an den Start gehen kann, da die Kollision “umfangreiche” Schäden verursacht habe.
Die dramatische Tonnenkollision brachte Australien über das Aus in Neuseeland hinaus den Abzug von 8 Punkten in der Saisonwertung und von 10 Punkten in der Event-Wertung. Die Australier rutschten in der Saisonrangliste auf den zweiten Platz hinter Neuseeland zurück. Slingsby sagte jedoch, dass ihm die Ergebnisse “egal” seien, und fügte hinzu, dass er “immer noch unter Schock” stehe. Für die Grün-Gelben blieb in Christchurch nur der ungewohnte letzte Platz hinter den Dänen, die für eine von ihnen verschuldete Kollision mit acht schmerzhaften Strafpunkten belegt wurden und mit den Rängen 8, 8 und 6 nicht mehr wie gewohnt in Fahrt kamen.
In der Saisonwertung liegt vor den letzten vier SailGP-Gipfeln nun Neuseeland mit 68 Punkten vor Australien (59 Punkte), Spanien (55 Punkte) und Frankreich (55 Punkte). Team Germany (27 Punkte) wird es in seiner Premierensaison auch bei anhaltend guten Leistungen schwer haben, vom neunten Platz hinter den mit ihrem neuen Steuermann Giles Scott schwächelnden Briten (45 Punkte) und vor den Schlusslichtern aus der Schweiz (22 Punkte) weiter aufzusteigen.
Die vierte SailGP-Saison wird am 4. und 5. Mai im ehemaligen America’s-Cup-Revier vor Bermuda fortgesetzt und endet nach insgesamt 13 Regatten mit dem großen Finale vom 13. bis 15. Juli kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in San Francisco.

Freie Reporterin Sport