Sören Gehlhaus
· 19.01.2026
Rekord gebrochen, Beweis erbracht: „Raven“ geht aus dem RORC Transatlantic Race 2026 als derzeit schnellste Einrumpf-Superyacht der Welt hervor. Dass der 34 Meter lange Hybrid-Foiler keine Rennmaschine wie „Lucky“ oder „Comanche“ ist, zeigte sich beim heckwärtigen Andocken in Antigua. Im Cockpit kamen Teakholzstäbe zum Vorschein, dunkel gebräunt von den Gischtduschen des finalen Raumschotsritts. Unter Deck dürfte die 17-köpfige Besatzung während der knapp sieben Tage auf See hohen Komfort genossen haben. Das Interieur baute Baltic Yachts in Finnland sowohl nach den eigenen rigiden Leichtbau- als auch nach Superyacht-Standards aus. In gewisser Weise ähnelt „Ravens“ Leistungsspektrum dem des namensgebenden Vogels, der ökonomisch gleitend vorankommt, aber auch rasante wie schnelle Flugmanöver beherrscht.
So kreuzte „Raven“ am 18. Januar mit 30 Knoten die Ziellinie vor English Harbour und benötigte für die 3.000 Seemeilen von Lanzarote nach Antigua sechs Tage und 22 Stunden. Im Jahr 2025 wurden die Line Honours der 88 Fuß langen „Lucky“ nach sieben Tagen und 20 Stunden zuteil, da ging es aber noch nach Grenada. Es war zwar das erste Mal, dass das RORC Transatlantic Race offiziell in Antigua endete. Allerdings zwang die Pandemie die Organisatoren dazu, das Rennen 2021 von Grenada dorthin zu verlegen. Die VO70 „Green Dragon“ siegte mit einer Gesamtzeit von neun Tagen und 17 Stunden.
Anders als vollständig abhebende Foiler setzt „Raven“ vorrangig auf das enorme aufrichtende Moment der T-Foils und hält größtenteils Kontakt zum Wasser. Für Skipper Damien Durchon eine elementare Voraussetzung: „Dieses Boot ist unglaublich stabil. Je besser es performt, desto sicherer wird es. Wir haben ein enormes aufrichtendes Moment durch die Foils, unterstützt durch zehn Tonnen Wasserballast und hohe Rumpffestigkeit. Wenn ein Foil abreißt, verhält sich das Boot einfach wie eine konventionelle Yacht. In vielerlei Hinsicht würde ich sagen, dass ,Raven' sicherer ist als die meisten Offshore-Boote.“
Das Rennen endete so temporeich, wie es begonnen hatte. Navigator Will Oxley sagte den letzten Schlag Richtung Antigua unter schwierigen Bedingungen an. „Es war eine sehr dunkle Nacht, kein Mond, viele Drehern Winde und wechselhaftem Druck“, erinnert er sich. „Wir wollten eine gute Layline für das Ziel haben. Mit ein bisschen Übung und etwas Glück haben wir es geschafft und sind mit über 30 Knoten ins Ziel gekommen. Das war ein ganz besonderer Abschluss des Rennens.“
Will Oxley, der 2022 bereits „Comanche“ zum damaligen Monohull-Rekord navigierte, zeigt der Vergleich beider Boote, wie radikal die „Raven“ konzipiert ist. „Es ist interessant, ,Raven’ und ,Comanche' zu vergleichen“, erklärte Oxley. „,Comanche’ ist immer noch der globale Maßstab in puncto VMG Downwind, aber ,Raven' hat bei bestimmten Winkeln klare Leistungsvorteile. In diesem Rennen, das größtenteils eine klassische Downwind-Atlantiküberquerung ist, sind wir bei unseren Winkeln schneller. Wo ,Comanche’ noch die Nase vorn hat, ist der reine VMG, und daran arbeiten wir weiter. Aber ,Raven’ ist eine unglaubliche Plattform, und was wir hier erreicht haben, setzt einen gewichtigen Maßstab.“
Das RORC Transatlantic Race direkte Vergleich zu den Trimaranen. Als die Führenden westlich der afrikanischen Küste ihre wegweisenden Manöver machten, erreichte „Raven“ regelmäßig 25 Knoten und war damit nur 2-3 Knoten langsamer als die MOD70-Tris. Im weiteren Verlauf zwangen achterliche Winde den Semi-Foiler fortwährend zum Halsen, um die Geschwindigkeit hoch zu halten. „Bei 25 Knoten fühlt es sich bereits schnell an“, erklärte Damien Durchon. „Bei 30 Knoten und mehr bewegt man sich schneller als die Wellen selbst. Man arbeitet sich durch das Meer, anstatt darauf zu reagieren. Es ist anspruchsvoll, aber das Boot bleibt bemerkenswert kontrollierbar.“
Die „Raven“-Crew, die ausschließlich auf Roll-Vorsegel vertraute, loggte auf dem Atlantik einen Spitzenwert von 35 Knoten, berichtet Projektmanager Klabbe Nylöf. Er sieht in „Raven“ die Zukunft: „Das ist ein Schritt nach vorn. Man erhält Foiling-Performance, ohne vollständig zu fliegen, was entscheidend für Hochseerennen ist. Es ist eine sehr gute Kombination aus einem schnellen Einrumpfboot und Foiling-Technologie. Ich denke, man wird mehr Boote wie dieses sehen. Es ist effizient, zuverlässig, und man kann es wie ein normales Boot segeln, während man ein völlig neues Leistungsniveau abrufen kann.“
Nach berechneter Zeit werden die noch segelnden „Sisi“ und „Be Cool“ Nylöf und seinem Team den Triumph in IRC Zero nicht streitig machen. Dem Sieg in der IRC-Gesamtwertung und Gruppe One rauscht derzeit die Mach 50 „Palanad 4“ entgegen. Das Scow-Bow-Format mit Canting Keel dürfte noch im Laufe des Montags ankommen.
Zwei Tage vor der Ankunft von „Raven“ hatte Jason Carrolls MOD70 „Argo“ bereits die Multihull Line Honours gewonnen. Das Team überquerte am 16. Januar die Ziellinie vor English Harbour und stellte mit einer Zeit von 4 Tagen, 23 Stunden, 51 Minuten und 15 Sekunden einen neuen Multihull-Rekord für die Strecke Lanzarote-Antigua auf. Dicht auf den Fersen folgte Erik Maris' MOD70 „Zoulou“, die nur zwei Stunden und 32 Minuten später ins Ziel kam – das Ergebnis eines der engsten und intensivsten Multihull-Duelle in der Geschichte des RORC Transatlantic Race.
Für „Argo“-Skipper Chad Corning lieferte das Rennen genau das, was das Team erhofft und befürchtet hatte. „Wir wussten, dass es ein enges Match Race mit unseren Freunden auf ,Zoulou' werden würde, und es war genau das“, sagte Corning. „Es gelang uns, früh einen kleinen Vorsprung zu bekommen und ihn sehr langsam auszubauen. Sie hielten die ganze Zeit sehr zäh durch und pushten unglaublich hart. Das sorgte für ein hektisches Tempo von Anfang bis Ende.“
Sobald die Boote in die Passatwinde kamen, schaltete das Rennen in einen völlig anderen Gang. Die Tagesgeschwindigkeiten waren extrem, das Nachtfahren etwas ganz Besonderes. „Ab Tag zwei liefen wir 30 bis 32 Knoten bei hohem Seegang“, sagte Corning. „Die Nächte waren lang; 13 Stunden, sehr dunkel, sehr wenig Mond. Es fühlte sich an, als würde man eine schwarze Piste mit verbundenen Augen hinunterfahren.“
Wenn die Rudergänger alle 45 Minuten abgelöst wurden, waren sie durchnässt, erschöpft und mit brennenden Augen vom ständigen Spritzwasser. „Man ist auf den wahren Windwinkel fixiert, spürt die Kraft, die Krängung, die Wellen, die versuchen, das Boot seitwärts zu werfen. Man versucht, das Boot am Surfen zu halten und nicht zuzulassen, dass die Welle die Kontrolle übernimmt“, fuhr Corning fort.
Für Sam Goodchild bot „Argo“ eine ganz andere Erfahrung als die größeren Ultim-Trimarane, mit denen er kürzlich gesegelt ist. „Der MOD70 ist wie ein Go-Kart! Mit sechs Leuten kann man ihn schnell schicken. Manöver dauern 20 Sekunden, nicht sechs Minuten wie bei einem Ultim. Es ist einfach, schnell und unglaublich spaßig.“ Der Hauptunterschied in Sachen Geschwindigkeit: „Ein Ultim fliegt flach mit 45 Knoten, aber es ist ein großes Boot, das man nicht so nah an die Grenze bringen kann wie einen MOD70. Allein das Fliegen des mittleren Rumpfes auf ,Argo' reduziert den Widerstand, bringt dich aber auch näher ans Limit. Es geht alles um Vertrauen in die Menschen um dich herum.“