Deutsche Olympiasegler erfolgreich bei Testregatten
"Es läuft gerade richtig gut fürs German Sailing Team"

Die Segelnationalmannschaft scheint schon bereit für den Olympia-Gipfel im Sommer: Ein Sieg und ein zweiter Platz bei wichtigen Testregatten zeigen den Weg

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 10.05.2021
Gelungener schwarz-rot-goldener Auftritt von Tina Lutz und Susann Beucke bei der top-besetzten Testregatta vor Cascais, die das deutsche Duo gewinnen konnte Gelungener schwarz-rot-goldener Auftritt von Tina Lutz und Susann Beucke bei der top-besetzten Testregatta vor Cascais, die das deutsche Duo gewinnen konnte Gelungener schwarz-rot-goldener Auftritt von Tina Lutz und Susann Beucke bei der top-besetzten Testregatta vor Cascais, die das deutsche Duo gewinnen konnte

CNCascais/L. Fráguas Gelungener schwarz-rot-goldener Auftritt von Tina Lutz und Susann Beucke bei der top-besetzten Testregatta vor Cascais, die das deutsche Duo gewinnen konnte

Das German Sailing Team ist 77 Tage vor dem ersten Startschuss der Olympiasegler in Enoshima am Wochenende mit weiteren Erfolgen im Skiff und im Mixed-Katamarn auf die olympische Zielgerade eingebogen. In Portugal gewannen die 49erFX-Europameisterinnen Tina Lutz und Susann Beucke (Chiemsee Yacht-Club/Norddeutscher Regatta Verein) die olympisch stark besetzte Cascais 49erFX Meisterschaft. Dafür reichte dem deutschen Duo nach überzeugend bestrittener Serie und taktisch klug gesegeltem Medaillenrennen ein Punkt Vorsprung vor den Olympia-Favoritinnen aus Spanien: Die frühere Matchrace-Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Weltumseglerin Tamara Echegoyen musste sich mit Paula Barcelo der Crew vom German Sailing Team ebenso geschlagen geben wie die brasilianischen Olympiasiegerinnen Martine Soffiati Grael und Kahena Kunze auf Platz drei und die niederländischen Doppel-Weltmeisterinnen Annemiek Bekkering und Annette Duetz als Vierte.

Luis Fraguas Die Siegerinnen: Tina Lutz und Susann Beucke setzten sich vor Cascais gegen alle führenden Olympia-Rivalinnen durch und konnten damit zweieinhalb Monate vor Beginn der Spiele ein wichtiges Zeichen setzen

Für Tina Lutz und Susann Beucke kam der Erfolg nach langer Pandemie-bedingter Wettkampfpause und der Absage großer Traditionsregatten bei nur wenigen kleineren Coach- und Testregatten zum idealen Zeitpunkt. „Wir wussten noch nicht so ganz genau, wo wir stehen. Jetzt sind wir sehr happy, dass wir es den anderen zeigen konnten. So richtig hatten die uns vorher nicht auf dem Schirm. Jetzt schon.“ Während die internationalen Top-Seglerinnen in Cascais mehrheitlich mit neuem Material am Start waren, wussten Lutz/Beucke sich selbst und die Beobachter auch mit älterem Boot von ihrem guten Leistungsstand zu überzeugen. Die Top-Ausrüstung der Deutschen befindet sich bereits auf dem Seeweg nach Japan.

Dass sich die olympische 49erFX-Elite zum selbstkreierten und dank Clube Naval de Cascais ganz offiziellen Regatta-Test im portugiesischen Revier traf, hatte gute Gründe. „Da ist es wellig und windig. Das haben wir zur Vorbereitung auf das recht ähnliche Olympiarevier in Enoshima gesucht“, erklärt Vorschoterin Beucke, „dazu kamen bei dieser Regatta auch ein paar knifflige Wettfahrten, insgesamt war das ein sehr gutes olympisches Testpaket, das auch Strömungssegeln wie in Japan beinhaltete. Das haben wir Deutschen ja eher nicht so im Blut…“ Mental haben Lutz/Beucke die Regatta zu Vorbereitungszwecken für sich so behandelt, als sei es schon das olympische Gipfeltreffen selbst. „Wir haben uns bewusst vorgestellt, dass wir schon in Tokio sind, denn solche Situationen kann man gerade selten nachspüren.“ Die Ergebnis-Botschaft ist unmissverständlich: Man darf und muss die besten deutschen Skiffseglerinnen bei ihrer persönlichen Olympia-Premiere zu den Medaillenanwärterinnen zählen.

Luis Fráguas Behielt auch im Medaillenfinale bis ins Ziel den Überblick: 49erFX-Steuerfrau Tina Lutz in der Nahaufnahme

In eine ähnlich gute Situation haben sich Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer nach viel harter Arbeit mit ihrem jüngsten Regatta-Erfolg vor Santander gebracht. Die Nacra-17-Crew vom Kieler Yacht-Club demonstrierte in Spanien mit Platz zwei im Feld mit zwölf Olympia-Teams ihren starken Leistungsstand. Hinter den Dänen Lin Cenholt/Cp Lübeck und vor den Amerikanern Riley Gibbs/Adele Anna Weis sowie den Rio-Silbermedaillengewinnern Jason Waterhouse/Lisa Darmanin aus Australien beendete die deutsche Katamaran-Mixed-Crew die Regatta souverän auf dem Podium. Die Schlüssel zum Erfolg der Norddeutschen: eine beeindruckende Konstanz, der kleinste Streicher unter allen Top-Ten-Teams und Rang vier im Medaillenrennen.

facebook/Real Club Marítimo de Santander Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer ernten die Früchte ihrer intensiven Winterarbeit, segelten beim Test vor Santander auf Platz zwei

„Wir fühlen uns gut, sind hochmotiviert und aufgrund der gründlichen und verlängerten Vorbereitung auch bisher noch nicht allzu nervös“, notierten Kohlhoff und Stuhlemmer in ihrem aktuellen Newsletter kurz nach der Regatta. Nach einer kleinen Ruhepause in Kiel werden Deutschlands beste Mixed-Katamaran-Segler noch einmal für ein zweiwöchiges Trainingscamp nach Santander fliegen und anschließend zum Endspurt in heimischen Gewässern ansetzen. Die immer noch Jüngsten im olympischen Katamaran-Feld warnen gleichzeitig vor übertriebener Erwartungshaltung. Paul Kohlhoff sagte: "Diese Testregatten sind hilfreich, aber völlig unabhängig von der Olympia-Regatta zu bewerten. Olympia ist ein Berg, den es mit viel Arbeit und Konstanz zu erklimmen gilt. Eine automatische Medaillenerwartung kann es nicht geben. Wir stehen als Team gefühlt immer noch am Anfang unseres Weges, planen über dieses Jahr hinaus bis 2024 und 2028." Die insgesamt gute Bilanz des German Sailing Teams zu Beginn der Olympia-Saison verspürt auch die Mixed-Crew. Kohlhoff sagt: "Das ist echt cool und inspirierend."

Wie die Katamaran-Spitze trafen sich auch die olympischen 49er-Besten zum aufschlussreichen Vorspiel in Santander. Bei zwei neuseeländischen Teams und den Spaniern Diego Botín/Iago López Marra auf dem Podium überraschten dabei zwei Erkenntnisse: Peter Burling und Blair Tuke, Olympiasieger 2016, Olympia-Favoriten in diesem Sommer, Weltumsegler und America’s-Cup-Dominatoren, mussten sich nach längerer Klassenabstinenz als Gesamt-Ditte den siegreichen Landsleuten Logan Dunning Beck und Oscar Gunn beugen. Und: Deutschlands 49er-Asse Erik Heil und Thomas Plößel kamen nicht über Platz neun hinaus. Was jedoch nicht am Leitungsvermögen der Bronzemedaillen-Gewinner von Rio de Janeiro lag, sondern einem Segelunfall geschuldet war: Thomas Plößel hatte sich einen Tag vor Beginn der Regatta bei einem "Nosedive" die Nase gebrochen. In der Folge konnte das Duo die ersten drei Wettfahrten nicht bestreiten. Die weiteren Ergebnisse hätten die verlässlich gute Crew vom Norddeutschen Regatta Verein spielend leicht in den Top Drei mitmischen lassen – also da, wo sie bei der Olympia-Regatta gerne sein wollen. Steuermann Erik Heil sagte auf die Frage nach der Einschätzung der neuseeländischen Top-Favoriten Peter Burling und Blair Tuke: "Es gab nicht viele Momente, in denen man dachte, dass sie uns total nass machen. Sie haben am zweiten Regattatag die Lanes extrem gut getroffen. Das waren Schlüsselmomente. Andererseits mussten die Kiwis auch erleben, wie man in tricky Bedingungen Schenkel um Schenkel nach hinten gesegelt werden kann. Da weiß dann auch ein Pete mal keine Antwort mehr."

Real Club Marítimo de Santander Erik Heil und Thomas Plößel vor Santander in ihrem Element. Das Duo vom Norddeutschen Regatta Verein hinterließ trotz Plößels Nasenbruch einen starken Eindruck beim Test in Spanien

Die Bilanz der Segelnationalmannschaft fiel an diesem Wochenende vielversprechend aus. „Es läuft gerade richtig gut fürs German Sailing Team“, fasste Susann Beucke die Erfolgstage der deutschen Akteure zusammen. Die deutsche Segel-Equipe tritt in Japan mit einer kleinen, aber sehr feinen Mannschaft an, startet in sechs von zehn olympischen Disziplinen. Die Medaillen-Aussichten sind gut wie lange nicht mehr.


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Themen: Olympia 2020

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