Tatjana Pokorny
· 31.08.2017
Den letzten Weltmeister-Titel in einer olympischen Bootsklasse gewannen vor 17 Jahren Roland Gäbler und René Schwall im Tornado in Sydney. Seitdem war deutschen Olympiaseglern kein WM-Gold mehr vergönnt. So nah wie jetzt bei den Welttitelkämpfen der Skiffsegler in Portugal war das German Sailing Team einer WM-Krone seitdem nur ganz selten gekommen. Nun ist es ausgerechnet die in Portugal von Wetterkapriolen gebeutelte Weltmeisterschaft der 49er- und 49erFX-Crews, die aus deutscher Sicht einiges Edelmetall-Potenzial birgt.
Im Revier vor Portos Szene-Stadtteil Matosinhos waren zum WM-Auftakt zwei Wettfahrttage in Folge einer hartnäckigen Flaute zum Opfer gefallen. Erst am dritten Tag konnten die 81 49er-Crews und die 56 40erFX-Crews in ihren hochkarätig besetzten Flotten loslegen. Seitdem machen deutsche Teams bei den Herren wie bei den Damen mächtig Druck und haben sich ernsthafte Medaillenchancen erarbeitet. Am Abend vor der Entscheidung ist noch vieles drin – von einem Titel über Medaillen bis hin zu starken Platzierungen. Live können die letzten Finalwettfahrten und die Medaillenrennen am Samstag ab 9.55 Uhr hier verfolgt werden.
Das Szenario ist kompliziert: Bei den 49er-Seglern sind von insgesamt sechs vorgesehenen Wettfahrttagen drei ausgefallen. "Das ist schon der Wahnsinn", sagte der Kieler Steuermann Justus Schmidt, der mit seinem Vorschoter Max Boehme vor dem Finaltag mit 13 Zählern und punktgleich mit den zweitplatzierten Spaniern Diego Botin und le Chever und Iago Lopez Marra auf Platz 3 liegt. "Wir gehen optimistisch ins Finale", sagte Schmidt, "der Zwischenstand fühlt sich gut an und gibt uns Selbstvertrauen. Die Briten haben ein kleines Edge. Die haben wir auf dem Zettel. Und wir bleiben auf dem Teppich." Die britischen Spitzenreiter Dylan Fletcher-Scott und Stuart Bithell haben nur vier Punkte Vorsprung vor den drei hinter ihnen punktgleich rangierenden Teams. Ihre viertplatzierten Landsleute James Peters und Fynn Sterritt liegen mit ebenfalls 13 Punkten auf Platz vier vor drei Mannschaften mit 14 Punkten, darunter die Rio-Bronzemedaillen-Gewinner Erik Heil und Thomas Plößel aus Berlin. Idealerweise absolvieren die besten 20 49er-Crews morgen vier weitere Finalwettfahrten. Erst dann dürfen die Medaillenrennen mit den Top Ten überhaupt gestartet werden. Können die insgesamt sechs Finalwettfahrten nicht beendet werden, fallen die drei kurzen Medaillenrennen aus, und die neuen Weltmeister werden ohne sie gekürt.
"Da geht es morgen in vielerlei Hinsicht um alles oder nichts", sagte der erfahrene Erik Heil, der am Vorabend der Entscheidungen nicht so sicher war, dass die Medaillenrennen für seine Flotte am Samstag stattfinden werden. Doch mit oder ohne sie: Die Erfolgsgaranten im deutschen 49er-Team stehen – wieder einmal nach Olympiabronze 2008 und 2016 – vor einem großen Tag und haben es selbst in der Hand, nach WM-Medaillen zu greifen. Die Basis dafür haben sie mit kompakt guten Leistungen an nur zwei WM-Segeltagen geschaffen. Heil sagte sogar: "Wir müssten weiter vorn liegen, haben bis zu acht Punkte verschenkt. Wir waren stärker, als es das Ergebnis zeigt." Die herausragend funktionierende Trainingsgemeinschaft von Heil/Plößel und Schmidt/Boehme sowie den nachrückenden Talenten trägt erneut Früchte.
Auch für die deutschen Damen geht es am Samstag um WM-Medaillen. Die seit Tagen stark erkältete Victoria Jurczok und ihre Vorschoterin Anika Lorenz starten als Vierte in den Finaltag. Sie kämpfen. Vier harte Rennen haben die Damen am windigen Freitag in hohen Wellen absolviert. Im Gegensatz zu vielen Konkurrentinnen waren Jurczok und Lorenz am Freitag nicht gekentert. Die Frauen sind im verkürzten WM-Programm bislang weiter gekommen als die Herren. Ihnen fehlen nur zwei Finalwettfahrten bis zum möglichen Start der drei Medaillenrennen – eine realistische Aufgabe. Sollte sie gelingen, müssen und dürfen die zehn besten 49erFX-Crew am Samstag insgesamt fünf Rennen absolvieren.
Als Favoritinnen starten mit schon fünf Tagessiegen die Däninnen und Rio-Bronzemedaillen-Gewinnerinnen Jena Mai Hansen, demnächst im Volvo Ocean Race im Einsatz, und Katja Salskov-Iversen mit nur 14 Punkten auf dem WM-Konto in den letzten Tag. Hinter den zweitplatzierten Neuseeländerinnen und Rio-Silbermedaillen-Gewinnerinnen Alex Maloney und Molly Meech (19 Punkte) liegen die brasilianischen Olympiasiegerinnen Martine Grael und Kahena Kunze (21 Punkte) auf Platz drei. Kahena Kunze allerdings hat sich am Freitag verletzt, war beim letzten Zieldurchgang in der Schlaufe hängengeblieben; hinter ihrem Finaleinsatz stand am Vorabend ein kleines Fragezeichen. Als Vierte lauern die Berlinerinnen Vicky Jurczok und Anika Lorenz (32 Punkte) auf ihre Finalchance. Die neuen Europameisterinnen Tina Lutz und Susann Beucke (64 Punkte) sind Neunte. Vicky Jurczok sagte zu den konstant guten Ergebnissen ihres Teams vom Verein Seglerhaus am Wannsee: "Die kürzeren Kurse kommen uns entgegen. Da können sie uns auf der Kreuz nicht so weit wegfahren. Vor dem Wind sind wir schnell." Können sie gestartet werden, stehen die Medaillenrennen der FX-Seglerinnen am Samstag ab 14 Uhr auf dem Programm, die der Herren ab 15 Uhr.

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