Tatjana Pokorny
· 03.04.2024
Die erste Halbzeit der Trofeo Princesa Sofía ist absolviert. Mehr als 1.100 Aktive aus 76 Nationen verwandeln die Bucht von Palma seit Ostermontag in eine prächtige und bunte Bühne für den olympischen Segelsport. An Tag drei ging es in leichten bis mittleren Winden auf allen Kursen zur Sache. Beste deutsche Crew blieben Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer vom Kieler Yacht-Club im Nacra 17. Die Olympia-Dritten von Enoshima führen ihr Feld nach sieben Wettfahrten vor den italienischen Olympiasiegern und Nacra-Dominatoren Ruggero Tita und Caterina Banti an.
In vier weiteren Disziplinen liegen deutsche Boote und Boards auf dritten Plätzen aussichtsreich im Rennen. Philipp Buhl bleibt im Ilca 7 stark. Der Weltmeister von 2020 musste zwar mit Rang 38 in Rennen fünf einen Tiefschlag hinnehmen, teilte diesen ärgerlichen “Streicher-Lauf” aber mit allen vier topplatzierten Steuermännern, darunter Olympiasieger Matt Wearn. Die Wettfahrtleitung hatte einen 30-Grad-Dreher durchgehen lassen, der die Spitzensegler allesamt zurückwarf. Buhl ließ sich davon nicht beirren – und einen Sieg in Durchgang sechs folgen.
“Ich muss geduldig sein, ruhig bleiben und klare Entscheidungen treffen” lautet sein neues Motto. Es ist die Erkenntnis aus einem Intensiv-Training mit dem fünfmaligen olympischen Medaillengewinner und Doppel-Olympiasieger Robert Scheidt. Dazu hatten Philipp Buhl und seinem olympischen Teamkameraden und Herausforderer Nik Aaron Willim ihr NRV Olympic Team und dessen Förderer Marcus Brennecke verholfen. Für den seit 23 Jahren im Laser aktiven Philipp Buhl war das Training mit dem historisch erfolgreichsten Lasersegler von großem Wert.
Buhl sagt: “Nik und ich hatten dank Marcus Brennecke die schier einzigartige Möglichkeit, von Robert Scheidt zu lernen. Robert betreute uns beim Training und bei einer sehr professionell organisierten Trainingsregatta. Er beantwortete uns eine Menge Fragen. Für alle, die Robert nicht kennen: Robert Scheidt ist Brasilianer mit deutscher Abstammung, fünffacher Olympia-Medaillengewinner, neunfacher Weltmeister der Ilca-7-Klasse und unglaublich erfahren. Ganz besonders in der Ilca-7-Klasse, wo taktisch auf sehr engem Raum gesegelt wird.”
Weiter sagte Buhl, der selbst 2020 zum historischen ersten deutschen WM-Titel in der ältesten aktiven olympischen Bootsklasse segelte: “Wir hatten nicht nur unheimliches Glück, dass Marcus eine Legende wie Robert überzeugen konnte, sondern waren auch noch mit Windbedingungen gesegnet: Wir konnten genau die eher leichteren Windbedingungen trainieren, die das größte Potenzial bergen.” Bei der Trofeo Princesa Sofía kommt der “neue” Philipp Buhl mit den für ihn besonders fordernden schwächeren Winden besser klar.
Ebenfalls auf Platz drei rückten nach der ersten Hälfte des Spanien-Klassikers Marla Bergmann und Hanna Wille im 49er FX vor. Die junge Crew vom Mühlenberger Segel-Club glänzte am Mittwoch in der Bucht von Palma mit einem Rennsieg und einem zweiten Rang. Damit erarbeiteten sich die Seglerinnen von der Elbe eine gute Ausgangsposition für die zweite Halbzeit und den Kampf um den Sieg in der nationalen Ausscheidung, die sie anführen. Einen Satz nach vorn machten am Mittwoch auch SailGP-Strategin Sophie Steinlein und Jill Paland (NRV), die Halbzeit zwei ab Donnerstag als starke Siebte eröffnen.
Auf Platz drei liegt ebenfalls iQFoil-Windsurferin Theresa Steinlein in Lauerposition. Die Zwillingsschwester von SailGP-Strategin Sophie Steinlein kommt ihrem Olympia-Traum immer näher. Trainer Daniel Slijk sagt über die erst 2020 vom Segeln in den olympischen Windsurf-Sport gewechselte Aufsteigerin: „Sie hat enorme Fortschritte gemacht und immer einen sehr guten Überblick über den Kurs.“
Auch Leonie Meyer bleibt als Dritte im neuolympischen Kiten auf Kurs Olympia. Die NRV-Athletin will sich bei ihrer zweiten von drei Ausscheidungsregatten ein maximales Punktepolster für die WM verschaffen, wo die Entscheidung darüber fällt, ob sie die Olympia-Fahrkarte lösen kann. Das gilt auch für ihre Teamkameraden Jannis Maus und Flo Gruber, die zusätzlich ihr internes Duell austragen. Es geht darum, wer von beiden in Marseille um olympisches Edelmetall kämpfen darf. Jannis Maus (Cuxkiters e. V.) schloss die erste Halbzeit in der Bucht von Palma mit einem Rennsieg ab und lag nach zwölf Rennen der Trofeo Princesa Sofía auf Platz neun. NRV-Kiter Flo Gruber eröffnet die zweite Halbzeit als Zwölfter.
Immer besser in Fahrt kommt iQFoil-Windsurfer Sebastian Kördel. Der Weltmeister von 2022 und Vize-Weltmeister von 2023 war mit verpatzter WM schwach in die Saison gestartet, hatte sich bei seiner zweiten Ausscheidungsregatta im Rahmen der iQFoil Games in Cadiz trotz Sturz und Verletzung zu Platz sechs durchgebissen und braucht jetzt nach eigenen Berechnungen noch eine Top-Elf-Platzierung, um alle Kriterien zur Nominierung für die olympische Regatta in Marseille zu erfüllen. “Meine Ausgangsposition ist gut”, zog der 1,91 Meter große Windsurfriese zur Halbzeit in Can Pastilla optimistisch Zwischenbilanz. Die positive Einstellung gründet sich auch darauf, dass er das bisherige Ergebnis im riesigen Feld von 107 Windsurfern in eher leichten Bedingungen erkämpft hat – sie sind nicht seine größte Stärke.
“Bei der WM waren zudem die Starts noch meine größte Schwäche. Hier bin ich in acht Starts nur einmal schwach gestartet. Wir haben viel an den Starts gearbeitet”, erklärte Kördel am Mittwochabend in Can Pastilla. Mit einem Lächeln fügte er hinzu: “Ich komme immer besser in Fahrt. Ich bin eher so einer, der im Sommer performt.” Was wie ein gutes Omen für seine erhoffte Olympia-Premiere klingt.
Zu kämpfen haben indessen die deutschen 49er-Männer, die bei der Trofeo Princesa Sofía als ihrer schon letzten Ausscheidungsregatta noch alle Nominierungskriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) erfüllen und im April bei der Last Chance Regatta ihren noch fehlenden Nationenstartplatz sichern müssen, wenn sie in Marseille dabei sein wollen.
Nach wie vor fehlt allen deutschen 49er-Crews ein Top-Zwölf-Ergebnis bei einer der drei Ausscheidungsregatten. Die letzte Chance bietet die laufende Spanien-Woche. Dazu ist eine Platzierung in den Top-Ten-Nationen zum Abschluss der Ausscheidung zu erreichen, die nach bislang schwachen Leistungen nur noch schwer zu haben sein wird. Beste GER-Crew waren zur Trofeo-Halbzeit Fabian Rieger und Tom Heinrich auf Platz sieben. Es folgten Jakob Meggendorfer/Andreas Spranger auf Platz 16 und Max Stingele/Linov Scheel auf Platz 20. Diese Ergebnisse würden keiner der drei Crews helfen, beide DOSB-Nominierungshürden auf Kurs Olympia 2024 zu überspringen.
Wesentlich bessere Olympia-Aussichten haben Deutschlands beste 470er-Mixed-Crews. Bei ihnen geht es vor allem darum, welche der drei Weltklasse-Crews das Ticket lösen kann. Die interne Ausscheidung führen die WM-Vierten Simon Diesch und Anna Markfort (Württembergischer Yacht-Club/Verein Seglerhaus am Wannsee) an. Bei der zweiten Ausscheidungsregatta in Spanien lagen Malte und Anastasiya Winkel (Schweriner Yacht-Club/NRV) zur Halbzeit als Vierte knapp von Diesch/Markfort (5.). Die 2022er-Weltmeister Luise Wanser und Philipp Autenrieth (NRV/Bayerischer Yacht-Club) greifen als Zehnte in der Goldflotte an. Die Entscheidung über die Vergabe der 470er-Mixed-Olympia-Fahrkarte fällt spätestens bei der EM im Mai in Cannes.

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