Tatjana Pokorny
· 05.04.2024
Flaue Winde, harte Entscheidungen: Bei der Trofeo Princesa Sofía ging es am Vorschlusstag zur Sache. Während sich manche Klassen erneut in sehr leichten Bedingungen quälten, mussten andere bis zum späten Nachmittag auf ihre Starts warten. Für zwei internationale Top-Akteure brachte der fünfte Trofeo-Tag schon den vorzeitigen Sieg: Der Brite Michael Beckett ist im Ilca 7 nach starker Vorstellung im Finale nicht mehr einholbar. Auch nicht von Philipp Buhl, der angesichts der überwiegend leichtwindigen Woche eine überzeugende Serie absolvierte und am Samstag um 11 Uhr als Zweiter der größten olympischen Flotte von 193-Ilca-Jollen ins Medaillenrennen startet.
Bei acht Punkten Vorsprung auf den ihm bestens bekannten französischen Sparring-Partner Jean-Baptiste Bernaz sieht Buhl einem möglichen Matchrace entgegen und sagte: “Ich freue mich darauf, diese Gelegenheit einmal in einem Finale zu bekommen.” Dass der 34-jährige Weltmeister von 2020 in dieser Woche alle Hürden auf dem Weg zu seinem dritten Olympia-Start genommen hat, ließ ihn im Kopf bereits umschalten. Eine Kernfrage, die ihn auf Kurs Marseille 2024 intensiv beschäftigen wird, ist diese: Wie kann er die in den vergangenen eineinhalb Jahren vorgepreschten Michael Beckett und Olympiasieger Matt Wearn wieder einfangen.
Michael Beckett ist Buhl auch in dieser Woche enteilt. Matt Wearn hat Buhl ihn für ihn sehr fordernden Bedingungen schlagen können. Der Australier kann den Deutschen im Medaillenfinale nicht mehr einholen. Starke Worte richtete der in der nationalen Olympia-Ausscheidung Buhl unterlegene Teamgefährte Nik Aaron Willim an die Ilca-7-Nummer eins im German Sailing Team. Nik Aaron Willim, der das Medaillenrennen als Elfter gemein knapp verpasste, sagte am Freitagabend beim traditionellen Mallorca-Abend des NRV Olympic Teams mit seinen Aktiven und Förderern an Philipp Buhl gerichtet: “Glückwunsch zum Olympia-Ticket! Das hast du dir verdient. Ich bin ein bisschen traurig, aber auch stolz darauf, wohin ich gekommen bin.”
Nik Willim richtete seinen Dank auch an seinen Verein und den DSV und sagte, er habe aus allen Richtungen konstant das Gefühl eines “starken Rückhalts” gehabt. Der gute Teamspirit sei ein weiterer Grund, “warum ich noch einmal vier Jahre weitermachen will”. Willims Überzeugung: “Ich glaube, ich kann noch mehr leisten.”
Im Nacra 17 siegten einen Tag vor dem Finale der Trofeo Princesa Sofía die italienischen Dominatoren Ruggero Tita und Caterina Banti. Die Azzurri möchten ihrem Olympia-Gold von Enoshima im Sommer vor Marseille gerne einen zweiten Olympiasieg hinzufügen. Im Anschluss steigt Ruggero Tita dann direkt wieder ins italienische America’s Cup Team Luna Rossa Prada Pirelli um, in dem er einer der beiden jungen Steuerleute ist, die den etablierten Francesco Bruni und Jimmy Spithill an Bord des “Roten Mondes” Dampf machen und für die eigene Chance am Steuer kämpfen.
Deutschlands unangefochtene Nacra-17-Spitzencrew dagegen musste in den sehr leichtwindigen letzten Tagen der Trofeo Princesa Sofía nach mehrtägiger Führung herbe Rückschläge wegstecken. Als Zehnte erreichten sie das Medaillenrennen ihrer Klasse, mit dem der Finaltag des Spanien-Klassikers am Samstag um 10 Uhr eröffnet wird. Die Olympia-Dritten segeln nach der umjubelten Bronzemedaille von Enoshima 2021 ihrer zweiten gemeinsamen Olympia-Teilnahme entgegen.
Im Ilca 6 hat die Berlinerin Julia Büsselberg das Medaillenrennen als Sechste erreicht. Bei neun Punkten Rückstand auf Platz drei kann sich die Steuerfrau vom Verein Seglerhaus am Wannsee am Samstag ab 10.15 Uhr sogar noch weiter nach vorne arbeiten. Anschließend wird abgerechnet, was ihre Leistung im Kampf um die Olympia-Fahrkarte wert sein kann.
Trauer und Enttäuschung dagegen herrschten am Freitag im Lager der deutschen 49er-Segler. Hier hatten Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger sich im letzten Rennen der Goldflotte schon in die Top-Fünf vorgearbeitet, bevor sie noch auf Rang 23 zurückfielen. Mit Platz 13 bei der Trofeo Princesa Sofía konnte die Crew vom Bayerischen Yacht-Club die Hürden auf Kurs Olympia 2024 auch bei der dritten und letzten Ausscheidung nicht nehmen. Es drohen nach zweimal Bronze durch Erik Heil/Thomas Plößel 2016 und 2021 erstmals seit der Klassenpremiere 2000 in Sydney Olympische Spiele ohne deutsche 49er-Beteiligung.
Gleichzeitig wahrten die Skiff-Seglerinnen ihre Olympia-Chance. Marla Bergmann und Hanna Wille vom Mühlenberger Segel-Club haben die nationale Ausscheidung gewonnen und alle individuellen Olympia-Hürden übersprungen. Den deutschen 49erFX-Seglerinnen fehlt zum Olympia-Glück aber noch der Nationenstartplatz, den sie bei der Last Chance Regatta im April in Hyères mit den anderen Frauen-Crews aus dem German Sailing Team erkämpfen wollen.
Die 22-jährige Marla Bergmann und ihre 23-jährige Vorschoterin Hanna Wille kennen sich seit einem gemeinsamen Segelurlaub ihrer Familien im Jahr 2011. 13 Jahre später nun haben sie die Chance, ihren Traum vom Olympia-Start zu realisieren. In Spanien erreichten sie das Medaillenfinale als Fünfte. Bis auf Platz drei könnten sie im Finale ab 11.30 Uhr bei einem Traumlauf noch vorstoßen, doch auch die Abstände nach hinten sind knapp und wollen verteidigt werden.
Um ihre Olympia-Tickets kämpfen in der Bucht von Palma auch die neu-olympischen Kiter und iQFoil-Windsufer. Aufsteigerin Theresa Marie Steinlein hat auf dem iQFoil-Board bereits alle DOSB-Kriterien zur Nominierung erfüllt und auch den unerlässlichen Nationenstartplatz gesichert. Teamkamerad Sebastian Kördel dagegen erlebte einen schwarzen Freitag, stürzte mit einem 13. Rang und einem unglücklichen Frühstart mit fast einem Dutzend weiterer Leidensgenossen am Vorschlusstag von Platz neun noch auf Platz 18 ab.
Nun muss der 2022er-Weltmeister und 2023er-Vizeweltmeister das Finale bei seiner dritten und letzten Ausscheidungsregatta als Zuschauer verfolgen und für die eigene, auf Kurs Olympia 2024 notwenige Top-Ten-Nationenplatzierung in der Endabrechnung aller drei Ausscheidungsregatten hoffen, dass der Neuseeländer Josh Armit nicht in die Top-Drei fährt. Das Medaillenrennen der iQFoil-Besten beginnt nach dem Finale der Frauen mit Theresa Steinlein (ab 10.15 Uhr) um 11 Uhr vor Can Pastilla.
Während bei den Kiterinnen Leonie Meyer (Norddeutscher Regatta Verein) trotz Magen-Darm-Infekt ihren dritten Platz im Trofeo-Klassement verteidigte und sich damit eine starke Ausgangsposition für die letzte Ausscheidungsregatta auf Kurs Marseille bei der Formula-Kite-WM im Mai verschafft hat, ringen bei den Kite-Männern Jannis Maus (Cuxkiters e.V.) und Flo Gruber (NRV) um die Olympia-Fahrkarte. Jannis Maus führte das Ausscheidungsduell nach der ersten Regatta an und lag auch am Abend vor dem Finale in Spanien als Sechster vor Gruber (10.). Abgerechnet wird bei der Kitern bei ihrer WM vor Hyères erst im Mai.
Packend bleibt der Ausscheidungskrimi im 470er-Mixed. Hier war die Enttäuschung am Freitagabend im Team der 2022er-Weltmeister Luise Wanser und Philipp Autenrieth besonders groß. Das Duo vom Norddeutschen Regatta Verien und vom Bayerischen Yacht-Club verpasste den Einzug ins Medaillenrennen um nur einen Punkt. Dabei hatten Wanser/Autenrieth (65 Punkte) nur neun Punkte Rückstand auf die drittplatzierten Malte und Anastasiya Winkel – so eng lag die umkämpfte 470er-Mixed-Flotte nach fünf Segeltagen beisammen.
Für Luise Wanser und Philipp Autenrieth (Norddeutscher Regatta Verein/Bayerischer Yacht-Club) bedeutet der verpasste Cut einen veritablen Rückschlag auf Kurs Marseille. Das norddeutsch-bayerische Duo wird es angesichts von nun 18 Punkten auf dem Ausscheidungskonto nach zwei von drei Regatten sehr schwer haben, den am Samstag mit den Finalergebnissen weiter anschwellenden Rückstand auf die enteilende nationale Konkurrenz noch aufzuholen.
Simon Diesch und Anna Markfort (Württembergischer Yacht-Club/Verein Seglerhaus am Wannsee) hatten mit WM-Platz vier alleine in Teil 1 der Ausscheidung 17 Punkte abgeräumt. Malte und Anastasiya Winkel hatten bei der WM 9 Punkte gesammelt. Im Trofeo-Medaillen-Finale geht es am Samstag ab 11.45 Uhr aus deutscher Sicht darum, ob Diesch/Markfort ihren Vorspung noch weiter ausbauen können. Oder ob das Segel- und Ehepaar Winkel seinen Rückstand auf die beiden Rivalen aus dem German Sailing Team mit einem möglichen Podiumsplatz reduzieren kann.
Dass am Freitagabend noch ein italienischer Protest zu einer Tonnenrundung gegen das Winkel-Team eingereicht wurde, sorgte einige Stunden für Unruhe. Der Protest wurde aber abgewiesen. Wie die beiden deutschen Spitzenteams und die als Fünfte ebenfalls fürs Finale qualifizierten Theresa Löffler/Christopher Hoerr (Deutscher Touring Yacht-Club/Segelclub Breitbrunn Chiemsee) das Medaillenrennen gestalten wollen, ließen sie am Freitagabend naturgemäß offen. Anna Markfort war aber sicher: “Es wird sehr spannend. Und natürlich will man den Podiumsplatz gerne haben.”
Ein Podiumsplatz wird bei den DSV-internen Ausscheidungsregatten mit besonders hohen Punktzahlen belohnt. Bei der Trofeo Princesa Sofía wäre der für alle drei deutschen 470er-Mixed-Crews erreichbare dritte Platz 20 Punkte wert. Für Platz vier gäbe es 17, für Platz fünf 16 Punkte und so fort. Weil Winkel/Winkel, Diesch/Markfort und Löffler/Hoerr vor dem Trofeo-Medaillenrennen jeweils nur einen Punkt voneinander entfernt als “deutsche Bank” auf den Plätzen drei bis fünf liegen, ist der Ausgang dieses 470er-Mixed-Krimis unabsehbar. Wer am Ende die eine Fahrkarte nach Marseille lösen wird, entscheidet sich aber erst bei Teil 3 der Ausscheidung im Rahmen der EM in Cannes im Mai.

Freie Reporterin Sport